Αγίων Πάντων

1. November 2004 § Hinterlasse einen Kommentar

Wieder einmal gehe ich hinauf zu dem kleinen Friedhof in Ippendorf, oberhalb des Melbbachs; zum Grab der unbekannten Achtjährigen, Jennifer Heid, die diesen Juni 17 geworden wäre.

Erst, als ich über die Straße bin und mir die kleinen roten Flämmchen über die Mauer hinweg entgegenleuchten, geht mir auf, daß es der richtige Tag ist für einen solchen Besuch. Allerheiligen. Was für ein schöner Brauch: Nie ist der Friedhof sonst so festlich, so voll von heimlichem Licht, so voll stillen Trostes. Befangen nähere ich mich Jennifers Grab am Ende des Weges.

Es ist bei weitem das hellste Grab des kleinen Friedhofes. Die Flamme einer Schalenkerze flackert still und mutig über der dunklen Erde. Zwei Grablichter strahlen ein ruhiges Rot über die dämmervoll erloschenen Farben der vielen vielen frischen Blumen. Eine Kerzenlaterne steht an der Ecke. Menschen haben an sie gedacht, nicht nur heute, aber heute besonders, und ich möchte gerne denken, auch wenn ich nicht daran glaube, daß sie es spürt und sich dort, wo sie jetzt ist, nicht so einsam fühlt. Der Gedanke ist zu tröstlich um ihn nicht denken zu wollen. Ich trete näher heran, suche kurz die sorgsam geharkte Erde ab, und da, verborgen unter dem hellen Schimmer der Schalenkerze, da sind sie: die kleinen Marienkäferchen aus Holz, in einem Kreise eng zusammengerückt, die größeren äußeren den kleinen inneren Schutz spendend.

Wie trostlos aber sind die Dunkelheiten: Hier und dort ein Grab, dessen Inschrift langsam im Dunkel zerfällt, das schnell hereinbricht, schwarze, einsame Löcher in all dem festlichen Glanz der anderen Gräber. Tote liegen dort, die niemand mehr kennt, an die keiner mehr denkt, die niemanden mehr haben in der Welt der Lebenden. Kein Licht flackert auf ihrer Erde. Keine Blume süßt das Bittere der Winterluft. Ich blicke noch einmal zurück zum Grab der Achtjährigen. Die kleine große Flamme zuckt und flimmert, aber sie geht nicht aus. Wie wenig doch genügt, damit alles gut wird, denke ich, und wie wenig auch, um alles niederzureißen, und in diesem Augenblick möchte ich nichts ertragen müssen und wünsche ich mir, daß am Ende alles gut wird.

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