Kristallographie

27. Januar 2005 § Hinterlasse einen Kommentar

Warum sollte jemand kristallographieren? Warum eigentlich? Es erscheint so sinnlos wie einen Kalender berechnen oder den Kreidestaub langsam langsam zu buchstabieren. Wie wir es doch immer tun. Wie wir es immer schon getan haben. Wann fing es an, und wo soll es denn auskommen? Man könnte, aber nein. Man könnte, und es liegt darin so viel, daß es unmöglich ist. Man könnte, und die Last der gedachtsamen Taten und ebenso der Nichttaten würgt schon seltsam mächtig die Handgelenke, daß sich schleuniges Wegsehen einstellen muß. Wem die Nägel brennen, der zuckt zurück. Frage nicht, komm, laß es, frag nicht, was ist, wenn es nicht aufhört zu brennen. Kristallographie brennt und Kreidestaub buchstabieren brennt, und die Kalender sind gnadenlos im Voraus, weit im Voraus sind sie das. Sie rufen die Tage nur aus. wir aber müssen sie leben. Das klingt bedächtig. Aber es ist voller Hast.

Wenn es sich ereignet, merken wirs nicht. Wenn wir merken, ereignet es sich nicht. Deshalb setzen wir uns Scheuklappen auf, damit wir nicht beständig sehen müssen, was wir nicht sehen können. Und so treiben wir Kristallographie. Oder wir züchten Pferde. Schach ist auch ein Ausweg ohne Ausgang, ein gewolltes Anallemvorbei. Wie überhaupt alles was wir spielen. Wenn nicht –

Lüfterrauschen zerwühlt, was sonst Stille wäre, zerschlägt die zähen Fäden des Schweigens, das sich der Raum überwirft, schiene die Sonne, könnte man Staub sich wirbelnd erheben sehen. Doch die Fenster sind blind vor Wolken und Nebligtrüb, der Saft klebt süß am Gaumen. Aus den Augen quillt die Müdigkeit wie Leim. Lust. Lust war. Das kann man nicht bezweifeln. Was bedeutet diese Lust fürs Kristallographieren? Was bedeutet die gewesene Lust, was bedeutet sie, worin unterscheidet sie sich denn vom gewesenen Schmerz. Lust. Lust war und hieß die Zeit erbeben und stehen. Lust ist jederzeit, die Finger wüßten, was sie zu tun haben. Schmerz ist auch jederzeit. Schmerz war auch. Aber. Was sonst? Irgendwo in dieser zerrüttelten Stille sind Gedanken an Vergangenes, an Nächte vor aller Kristallographie. An Nächte, an eine Nacht.

Skispringen, denkt er. Im Flug mehr sein, als man selbst. Abheben, einmal nur Abheben, das eigene unerträgliche Gewicht: von … sich … abwerfen. Und geschlossenen Augs, verpreßten Atems, zum Stehen gebrachter Gedanken sich auflösen – für Augenblicke, – die ewigkurz sind – im Flug – endlich – Stille.

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