auf reisen

7. März 2005 § Hinterlasse einen Kommentar

Verschwitzt, und den Reisegeruch noch in den Kleidern, am Leib: so kam ich an. Schlafgedämpft dämmriger Kopfschmerz begleitet die Blicke durch Bahnhofshalle, Straße und Brücke. Die Fahrt selbst hatte ich, aufgehängt in Wahrnehmungsfetzen, durchdämmert, was sonst nie geschah. Etwas zerwalkt fühlten sich die vergangnen vierundzwanzig Stunden in Mannheim an; nicht befüllt mit Zeitfluß, sondern mit einer holprigen Fahrt, die umwegdurchkreuzt schien. Dann die Reise, erst drohend bevorstehend, dann eine Last, ein Berg, dann ein sehnsuchtsvolles dem Ende Entgegenfallen. Immer war das so, das Heimkehren in die Fremde, die plötzlich wieder fremd ist und aufs neue und immer aufs neue Heimat werden muß, fällt schwer. Seltsam. Komme ich heim zu den Eltern, immer ist da der Herd warm und die Wohnung vertraut riechend. Komme ich heim zu mir selbst, ist da ein Fremdhauch im Stiegenhaus, und die Straßen sehen wie argwöhnisch auf mich hinab, als ignorierten sie mich, indem sie mir aber dieses Ignorieren deutlich vor Augen zu führen bestrebt sind.

Diesmal gings ja aber nicht nach Hause zu fremdgewordnem Eigengeruch, sondern zu Beistand, Mutzuspruch, Korrekturlesen. Zerstreutmüde in der späten Unstunde las ich oberflächlich und hoffe, es war gut. An meine eigene Zeit mich erinnernd, und daß es so anders war, denke ich: schön und freudig waren die Monate durchlebt, wie es oft geschah, wenn sich eine unmöglich scheinende Aufgabe als mir und meinen Fähigkeiten doch noch angemessen und mein eigenes Vermögen als viel größer denn angenommen herausgestellt hatte. Obs im Kunstunterricht in der Schule war, oder im Logikseminar oder bei der Abfertigung meiner Abschlußarbeit.

Ich bin jetzt selbst froh und erleichtert. Viel habe ich – wieder einmal – nicht tun können. Hilflosigkeit hab ich in den Händen gehabt. Aber was wäre gewonnen, wenn man als Engel aufträte. Es gibt Dinge, die nur dadurch bezwingbar sind, daß man sie selbst bezwingt. Ohne Hilfe muß man sie überwinden, sonst wächst man nicht.

Was man manchmal vielleicht gar nicht will, wachsen.

Als ich soweit war, was glaubte oder mutmaßte ich denn, wie es weiterginge? Was hoffte ich? Was waren die Ängste. Was die Wünsche. Erstaunlich scheint mir, wie wenig ich jetzt über meine damaligen Befindlichkeiten noch weiß. Und was ich weiß, das ist abstrakt, ist das Wollen und Wünschen und Hoffen und Angsthaben einer von mir verschieden gedachten Person. Natürlich weiß ich: Da war ein vager Traum von einer Doktorarbeit. Da war das kurzzeitige Aufblitzen von so etwas wie Mut, noch einmal feldforschend ans andere Ende der Welt und zu den Indianern zu reisen. Da war die kribbelnde Verrücktheit, Flugbegleiter zu werden und auf 30 000 Fuß Höhe Longdrinks servierend um den Globus zu fliegen.

Press your mask against mouth and nose and breathe normally.

Aber wie echt war das? Und wie hatte es sich angefühlt? War es ein Traum? Eine an den Rand des Möglichen herbeigeholte Vorstellung? Ein Entwurf, der Entwurf eines nächsten Lebenskapitels, der gleichwohl dann doch nur Entwurf sein sollte? Sich und mir darin genug war –

Wenn ich es recht bedenke, dann war das, was mich wirklich beschäftigt hat, was mich bis ins Mark hat erschüttern und umdrehen und handeln lassen können, damals wie später, wie eigentlich immer, – das Zwischenmenschliche. LiebeLiebeLiebe. Nichts sonst war so wichtig. Bis auf das Schreiben, natürlich: Denn wie ich die letzten Jahre hätte bestehen können – vorm Sturm, vor mir selbst, vor den anderen – bestehen, ohne Zuflucht, Wehr und Bannzauber des Wortes zu haben – das entzieht sich jeder Vorstellung.

Ich weiß nicht, ob ich ohne Frau, ohne Verwirklichung und Neuerfindung des Geschlechtlichen leben könnte. Ohne das Schreiben könnte ich wohl leben; aber es wäre ein ziemlich sinnloses Leben.

Mehr ein Lebendigsein.

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