2. April 2005 § Ein Kommentar

Nichts tritt aus der Nacht. Überall ist Dort, ist Jenseits. Die Füße kommen nirgendwohin, die Arme, ausgestreckt bis in die Fingerspitzen, berühren nichts. In den Handgelenken, in den Schläfen, in den Füßen pocht es ganz leise, hörbar nur, wenn man die Augen schließt und geneigter Stirn den Atem verhält. Der Kopf bebt vorm Ansturm des Bluts, Schlag auf gesammelten Schlag. Kühlschrankbrummen zittert an den Beinchen des Weberknechts, die Kochdünste von gestern, der Schimmel von vorgestern, das ist fast schon ein Trost, ein Leben, eine Stimme. Geisterstühle tragen Riesenschatten unter sich. In der Weinflasche schwimmt drei Sehnsüchte hoch der Mond. Vorhin enttraten Amselschnäbel der Dämmerung, den letzten Wind wollen die Eiben aufgesogen haben, man steht plattgedrückter Nase am Fenster und breitet aus sich Nebel über die Welt, und das Herz so müde und drangegeben an Dunkel und Vollmond und die Schatten in der Küche, im Rücken, im Raum, daß nicht einmal mehr Worte, die letztgebliebenen Geister, sich vom Dunkel entkleiden.

Ich freue mich auf den Tag, wo ich mir wieder Melancholie leisten kann. Und ich fürchte diesen Tag. Ich sehe ihn voraus, ich sehe die Abende voraus, am Fenster, durchwetterleuchtet von Erinnerung und Süße, sehe es voraus als dasselbe, das ich jetzt schon von anderen Geschichten heraufziehe und nach-fühle. Was für ein bitteres Erschauern, bitter, weil es dann nicht mehr bitter ist … bei Kerze, Tee und Schubert. Und noch eine Geschichte, groß wie ein ganzes Leben, und noch eine. War das wirklich alles, was davon übrig sein wird, ein wohlig-trauriges Erinnern an frühen Herbstabenden? War das alles? Ich werde einreihen, diese Geschichte zu den anderen, und sie wird sich gesellen und den anderen gleichwertig, ja ähnlich werden. Dieser Gedanke ist voller Wehmut. Vergänglichkeit nennt man das wohl, was da so schmerzt.

So oft ich besuche, gutlaunig bin, zu zweit lache, Schatz sage, eingehakt durch die wohlig geneigten und lauschenden Straßen, „Erzählst du mir eine Geschüschte?“, im Café, Hand auf Schulter und Wange, „Und was noch?“, ists ein Erinnern. Eine Geste voller Nostalgie, eine Nacherzählung. Jede Minute ein Seufzer aus meinem Mund, ein Geschmack unter der Zunge, weißtdunoch.

Rückwärtsgewand die Hände nach vergilbten Lenzen auszustrecken, so dämmert mir dieser Lenz herauf, lauthals, voller absurder Fanfaren.

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§ Eine Antwort auf

  • Talakallea Thymon sagt:

    (4.4.05 08:46)
    wundertraurig würdest du es wohl nennen… beeindruckend auch wenn man diese größen nie kennenlernte und ein wenig seltsam mir da spätgelesen. aber wirr ist ja nichts neues. guten morgen.

    E. (9.4.05 10:37)
    ich zieh doch nur um. oben auf den speicher, wo der staub durch die sonne schwebt in deinem herzjen (she likes the sound). ganz eimfach.

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