Das Opfer (1)

13. Juni 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

angst.
angst war. war das erste. war vor dem aufsteigen aus dem dunkel, war, noch ehe die stimmen waren, war der anfang. als die angst sich selbst spürte, da war sie schon lange zeit gewesen; und dann erst der singsang, der chor und das lachen. und gebrüll war, und heulen war. ein steigen, ein fallen. eine stimme, die sich überschlägt mit geschluchz. und immer angst, schreie und angst. halt ihn fest! da wieder singsang, heulend wie eine sirene: und da kniet einer im schnee da drückt ihm ein anderer das knie, drückt ihm den fuß in den rücken. etwas senkt sich herab. etwas blitzt. dann ein federnder schmerz. jemand hebt etwas auf. jemand hebt etwas auf. jemand hält etwas hoch. etwas fließt herab, etwas kriecht warm wie ein tier. jemand hält etwas hoch. etwas weiches fällt mit sanftem geklatsche. etwas singt. jemand schreit und schreit und schreit. schmerz zerspaltet die augen. etwas bleibt liegen. jemand brüllt. die stimmen verklingen. ein murmeln bleibt. eine ferne bleibt. ein wald.

schmerz. und immer noch schmerz und gebrüll, gebrüll allein jetzt –

jemand schrie im dunkel. schrie durch seinen mund, schrie mit seinen lungen, schrie roh aus seiner kehle, jemand hockte und schrie. jemand saß die hände aufs kissen gestützt, und jemand war er, er selbst, der seinen körper den schreien lieh, so wie er emporgefahren war in wilder bewegung; und konnte nicht mehr aufhören zu schreien, atmete und pumpte schreie zwischen dem luftholen, bis er sich verschluckte, hustete, würgte, dann pfeifend luft einsog, die er mit einem jammerlaut wieder ausstieß. er schluckte mehrmals krampfhaft, unterdrückte das wimmern, das sich immer noch aus seiner brust emporwinden wollte, schüttelte den kopf, keuchte. schloß die augen.

der schmerz blieb.

allmählich kam er zu sich: ein traum, nur ein traum, aber, himmel!, was für ein traum … und die dicke luft in der hütte, dazu noch das feuer, kein sauerstoff mehr, die zwei bier sicher auch wieder zu viel nach einem langen tag wandern, da muß man ja, muß man ja rasende kopfschmerzen bekommen … wasser wär jetzt gut. wasser ist das beste!

er hob die beine über die bettkante, was ihm stiche durch die schläfe und nacken jagte, fühlte den kühlen holzboden unter den füßen und blieb so sitzen, bis die wellen des schmerzes nachließen und nur ein dumpfes pochen auf der rechten kopfseite blieb. atmen, nur ruhig atmen. irgendwo hatte er noch eine flasche mit wasser, wo war die? plötzlich verhielt er den atem und lauschte. war da nicht wirklich eine stimme gewesen? oder war es ein widerhall der traumstimmen, stimmen aus seinem eigenen kopf, in dem der traum noch festsaß und ihm stimmen zu hören gab, die nicht wirklich waren. fernab jeder ortschaft, mitten im wald, mitten in der nacht, im winter: wer sollte das sein? er lauschte. sein magen gluckerte. ein bißchen war ihm übel. aber der kopf fühlte sich besser an. sein eigenes atemgeräusch klang komisch. verzerrt und aus einer falschen richtung, als sei es gar nicht er selbst, der atmete.

eine nach der anderen erhoben sich die erinnerungen und setzten das wachsein wieder zusammen. seine wanderung, die freie ebene, die hütte, die fichten, der altar. im kamin gloste es noch; als der traum kam, konnte er noch nicht lange geschlafen haben. wovon hatte er eigentlich geträumt. von dem ort? er erschauerte. irgendwo hatte er etwas darüber gelesen. wo nur. er bückte sich nach der stelle, wo er das buch hatte fallenlassen, als ihn unbezwingbare müdigkeit übermannt hatte; doch fand er nicht, was er suchte, und das bücken verursachte ihm abermals ein scharfes stechen im kopf. kein buch, auch gut. tief atmen, gleich geht es besser.

plötzlich ein Schimmern von poliertem stein.

(2)

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