Das Opfer (3)

16. Juni 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

Er tastete vorsichtig nach der wasserflasche im rucksack, ohne sich allzuweit vorzubeugen, damit der schmerz fernbliebe, nestelte den verschluß auf und trank in gierigen zügen.

dichtes dunkel hatte sich ihm entgegengewölbt, als er die tür aufstieß. heraus strömte ein geruch, den er nicht benennen konnte, etwas scharf, fast beißend, ein geruch nach sauberkeit, nach strenge, nach gestärkter schürze. er betrat den kleinen raum. dunkelheit glitt über ihn hin. kaum trug das fahle dämmerlicht, das durch die weitoffne tür fiel, zur sicht bei. es fand sich aber eine kerze und auch einen kamin gab es, wie er zu seiner freude feststellte, und gutgelagertes holz. über dem kamin hing ein schmales bord an der wand, darauf stand ein einzelnes, in leder gebundenes buch. an der wand daneben ein spiegel. kerzenschein fiel durch die blanke fläche des glases und ruhte rotglühend auf seinem rechten ohr. das andere lag im dunkel des spiegels verborgen. er verzog das gesicht, wandte sich ab. auf der anderen seite war ein feldbett aufgestellt, mit einer sauberen, weißlich schimmernden matratze darauf. in der wand gegenüber dem eingang deutete eine ritze im holz, ein knauf, halbkreisförmig abgeschabter boden auf eine weitere tür; auch schien das innere der hütte in den abmessungen kleiner auszufallen als das äußere glauben ließ: hinter dieser tür lag wohl noch ein kleiner raum. öffnen ließ sie sich nicht. als er von ihr abließ, meinte er, ein leises summen zu hören, wie von einem elektrischen gerät, einem kühlschrank vielleicht, und neigte das ohr gegen den spalt. das holz kratzte, gab aber keinen laut von sich. klopfen gegen die wand erzeugte einen schwachdumpfen hall. das summen war verstummt.

er legte die sachen ab, machte feuer, breitete den schlafsack auf dem bett aus, aß und trank. später nahm er das buch vom regal, entledigte sich der kleidung und schlüpfte in den schlafsack. die tür ließ er einen spaltbreit offen stehen, da ihm die luft eng und schwer atembar schien. warm und schläfrig und eingehüllt in den flausch des schlafsacks, schlug er das buch auf. doch er hatte kaum zwei zeilen gelesen, da übermannte ihn bleischwere müdigkeit. der kopf sank ihm auf die brust, das buch entglitt seinen händen, und er schlief, noch ehe es zu boden gefallen war. das dumpfe poltern, mit dem es aufschlug, hörte er nicht mehr, ebenso wenig, wie er es später vernahm, als in der nacht die tür mit einem harten klicken zufiel.

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