2. August 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

Sicher könnte man weit weniger erlebt haben als ich.
Einen Andengipfel und mehrere schöne Berge der Alpen habe ich erstiegen, in einem Orchester gespielt, als Schauspieler bin ich auf der Bühne gestanden, hab viel studiert, manches gelernt, noch mehr wieder vergessen, was, zusammengenommen, einen Schatz ergäbe.
Ich war allein in vielen Zügen, auf vielen Bahnhöfen hab ich mir die Menschen angeschaut. Ich war ein Jahr unter fremden Zungen, deren Schlag ich nachzumachen und zu verstehen lernte, dort, in der Stadt am Ende des Jahrtausends. Sah südlichen Marmor weiß und unantastbar wie Perlen im Mondlicht glänzen, während unten der Abgasgestank den Atem vergiftete.
Ich war allein und ich war unter Freunden. Ich war keusch und ich war unkeusch. Ich war ehrlich, ich habe gelogen. Oft habe ich verzweifelt und glücklich geliebt und bin oft verzweifelt und glücklich geliebt worden. Ich war still, ich war laut. Ich war klein und ich war groß.
Einmal war ich auf der andern Seite der Erde. Habe mir von einem Indianer obszöne Phrasen auf Aymara vorsagen lassen (die ich dann alle, sehr zum Amüsement des Indianers, nachsprechen mußte); lag dort krank und elend in einem erbärmlichen Hotelzimmer, neben dem Bett ein mit verschiedenerlei Exkrementen gefüllten Eimer. Genas, wurde stark, stand auf. Bestieg den Berg, fand Menschen und Wege und viele Rätsel. Speiste mit einer japanischen Soziologin allabendlich Avocados und Brot und Korbkäse. Ich lag in der Wildnis allein in meinem Zelt, und der Wind, der die Plane befingerte, hörte sich an, als strichen neugierige Tiere draußen umher. Ich war in der Nacht allein unter den Sternen. Dort bin ich ins schwarze Wasser gestiegen und hatte keine Furcht vor der bodenlosen Tiefe, in die meine Füße traten. Ich bin ins Meer getaucht mit nichts als dem bißchen Luft, das meine Lungen aufnehmen konnten, habe in der Sonne gelegen und schlaflos zitternd in eisigem Frost, während tief unten in den Tälern lautlosfern Gewitterblitze zuckten. In andern Nächten wieder deckte mich der erschöpfte Duft zweier herber Körper, die sich wundgeliebt hatten, zu, und ich schlief. Ich habe geschrieen vor Lust und vor Lust schreien gemacht. Ich habe empfangen und gegeben. Ich habe getröstet und ich habe Schmerz verursacht. Manchmal habe ich sogar etwas verstanden.
Man hätte weniger erlebt haben können als ich. Und doch ist es nicht genug.

Draußen murmeln die Gespräche. Draußen. Irgendwo da draußen, hinter Tür, Vorhang, Schleier, Flußgebraus, Wand, Mauer, Lichtkegel. Ich verstehe kein Wort. Aber es muß so köstlich sein, ihre Sprache zu sprechen, ihre Gedanken zu denken, ihre Richtigkeiten und Instinkte zu kennen und sich dort, bei ihnen frei, völlig frei und dieses Lebens teilhaftig zu bewegen. Inwendig, diese Wände? Widerstände, die überwindbar wären, wegtrainierbar, wegrationalisierbar, wegtherapierbar? Krank bin ich nicht. Einsam bin ich nicht. Sähe mich einer von außen: faktenweise alles in bester Ordnung. Warum habe ich immernochwieder das Gefühl, am falschen Ufer zu stehen, vereinsamt und ohne Zugang zur Welt, weitab von Licht und heiterem Lärm? Als ob ich etwas durchstoßen müßte, von dem ich gar nicht weiß, wo es ist, beginnt oder aufhört. Eine Grenze zu überschreiten. Eine verborgne, nachgebende, unsichtbare Grenze. Aber ich weiß nicht einmal, wo sie ist, diese Grenze. Geschweige denn, wie ich sie überschreiten sollte.

Mein Mantra: Waswillstdudennnoch? Was. Willst. Du. Denn. Noch.
Noch immer. Daß mir nur so zum Beispiel jemand ein unmoralisches Angebot unterbreitete. Einfach so. Das so unmoralisch gar nicht wäre. Das ich in den längsten Zeiten meines Daseins gar nicht hätte annehmen können oder wollen. Nur selten wäre der Gedanke seiner Verwirklichung Herr geworden und ins Wollen gemündet, wenn es denn wirklich …: Daß mir etwas Lebenssaftiges geschehen wäre. Etwas von Mittendrin, unerwartet, unerhofft. Einfach so, anstrengungslos, an-streng-ungs-los.

Warumabergeradedies?

Die Dinge und Köstlichkeiten, von denen andere erzählen, die ihnen einfach so widerfahren sind, (an-streng-ungs-los) warum geschahen sie nicht mir einfach so einmal? Warum bin ich nicht mittendrin, warum nie ein Beteiligter (denn so kommt es mir vor), warum immer nur Zuschauer. Aber wie sollte ich denn mittendrin sein, wo ich längst dort war?
Ich verstehe das nicht, und es trifft auch gar nicht zu, dennoch kenne ich das Gefühl, kenne es als Beobachtetes. Ich sehe und finde und ahne mich selbst und diese Grenze in einem anderen, oder etwas von ihm in mir: Meinem Vater. Das Muster, sein Muster, sein Vergeblichwünschen, es wiederholt sich, in verdünnter Form und tritt so wieder auf in mir. Ich habe so viel von dem gehabt, wovon er nur im Traum … und doch. Das Gefühl, es bleibt. Es ist seins. Seiner ist auch so ein Fall. Tun wollen, haben wollen, was die andern doch auch … Wildheit wollen – und seins auch: dieser Wildheit gar nicht gewachsen scheinen. Maßlos scheinen und unangemessen in diesem Verlangen. Nicht allein, daß ein Zebingemännlein nie ein Supermann sein wird, nicht einmal, wenn er sein halbes Leben in der Muckibude verbringt, sich neu einkleidet, einen coolen Gang probt und eine tiefe, sonore Stimme, nein, nicht allein das. Er wird einfach nicht einer-von-denen-sein-denen-es-zufällt. Er ist einer, dem es nicht zufällt und nicht zufallen wird, labitur et labetur in omne volubilis aevum
Was, … du?
Du????
Du ausgerechnet? Nein, mein Lieber, das vergiß mal hübsch. So einer bist du nicht, so einer wirst du nie sein. Du verkennst, wer du bist, deine Grenzen. Das ist nicht für dich. Du bist Durchschnitt. Nicht einer von den Überfliegern, Unerreichbaren, Genialen, Schönen. Nicht einer von denen, die Ernst machen.

Gib dich zufrieden. Bleibe du du selbst, ein Wicht, mit deinem Wichtdasein zufrieden. Bescheide dich. Steige weiter auf Andengipfel.

Genau. Darum geht es. Darum ist es schon immer gegangen. Ich verkenne meine Grenzen nicht. Ich weigere mich, sie zu akzeptieren.

Bonn, Ende des letzten Jahrtausends

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