Orthographisches (1): Sprachregeln und Schreibregeln

8. August 2006 § 8 Kommentare

Wannimmer im deutschsprachigen Raum über das leidige Thema der Orthographie verhandelt wird, geschieht dies mit ebensoviel emotionalem Engagement wie völliger Unkenntnis der einfachsten linguistischen Zusammenhänge und unter Vorbringung derselben und aberderselben von ebendieser Unkenntnis zeugenden Argumente; dies will ich zum Anlaß nehmen, mich einmal in aller Ausführlichkeit dazu zu äußern.
Es empfiehlt sich vielleicht, zunächst die Hauptirrtümer zur besseren Übersicht aufzulisten:

  1. Verwechslung von Sprache mit Orthographie sowie Unkenntnis der Eigenarten des Sprachwandels und Unkenntnis des Wesens von Orthographieregeln. Vielleicht das meistgehörte Argument gegen die Rechtschreibreform bzw. gegen eine Regulierung überhaupt ist die Vorstellung, unsere Sprache könne auf alle möglichen Arten „Schaden“ nehmen. Die neuen Regeln „verhunzen“ unsere Sprache. Die Reform „schade“ der Sprache. Sprache sei „ein Kulturgut“, das man nicht „kastrieren“ dürfe. Und so weiter.
  2. Unkenntnis der Phonologie des Deutschen. Wie sich besonders in der Diskussion um das „ß“ beobachten läßt, kennt kaum jemand derer, die hier eine ganz entschiedene Meinung geharnischt vortragen, die zugrundeliegenden phonologischen und darauf bezugnehmenden orthographischen Regeln.
  3. Der dritte Irrtum betrifft die angebliche bessere Lernbarkeit oder Schwierigkeit der alten oder neuen Schreibung. Ein Teilaspekt dieses Irrtums besteht darin, zu glauben, wir seien uns beim Schreiben der Regeln ständig bewußt. Dieser Irrtum verkennt die Mechanismen des Lernens, wie beispielsweise, daß am einfachsten zu lernen ist, was am häufigsten angewandt werden muß.
  4. Ein vierter Irrtum verkennt die Beweggründe der Befürworter und Ablehner einer vereinfachten Rechtschreibung.

Bevor ich mich dem ersten Punkt widme, noch eine Anmerkung. Die folgenden Ausführungen beziehen sich natürlich nur auf Alphabetschriften. Das sind Schriften, die sich den Umstand zunutze machen, daß jede Sprache nur eine begrenzte Zahl von Lauten aufweist (das sogenannte Phoneminventar), die in immer anderen Kombinationen eine (prinzipiell) unbegrenzte Zahl von Wörtern bilden können. Eine Sonderform, und vielleicht die Idealform der Alphabetschriften ist die phonemische Schrift: Ihr Vorzug besteht darin, daß sie ein Zeichen für jeden Laut der Sprache hat, und jeder Laut genau ein Zeichen, das ihn abbildet. Einfacher ausgedrückt: Man weiß immer, wie man etwas Geschriebenes auszusprechen oder etwas Gehörtes zu schreiben hat.

Rechtschreibregeln sind, wie überhaupt die ganze Fixierung von Sprache mittels Schriftzeichen, etwas Künstliches und Gemachtes. Schreibregeln sind von ihrer Natur her immer explizit. Ihre Formulierung und Erlernung erfordert ein Nachdenken und ein Sich-bewußt-Werden, wie überhaupt die Erfindung der Schrift eine intellektuelle Leistung war. Schrift ist sekundär, der Sprache nachgeordnet. Deshalb verändern sich Schreibregeln auch nicht (jedenfalls nicht, solange es eine amtliche oder ähnlich für alle verbindliche Regelung gibt), es sei denn, jemand beschließt eine Änderung. Weil aber einerseits Schreibregeln ersonnene und starre Konstrukte, Sprachen andererseits sich fortwährend wandelnde Regelsysteme sind, folgt daraus, daß jede Orthographie irgendwann entweder historisch einen älteren Sprachzustand abbildet oder bewußt geändert werden muß, wenn sie dem aktuellen Sprachzustand folgen soll. Bestes Beispiel für eine historische Schreibung: die englische Rechtschreibung. Warum schreibt man „enough“ und „laugh“ statt, sagen wir, „inaf“ und „laf“? Weil die Aussprache früher anders gewesen ist, die diese Aussprache abbildende Schreibung sich aber nicht geändert hat: Früher wurde laugh etwa „lach“ gesprochen (vgl. dt. lachen), und der Velarlaut noch plausibel mit „gh“ wiedergegeben. Die Veränderung des Velarlauts zum Labial hat die Schrift nicht mitgemacht, daher klaffen jetzt Schreibung und Aussprache auseinander. Historische Schreibungen haben nun Vorteile und Nachteile. Vorteile haben sie besonders für historische Sprachwissenschaftler; für die übrigen Benutzer des Alphabets ist es unerheblich, ob sie wissen, daß laugh früher „lach“ gesprochen wurde, oder daß Ziegel ein lateinisches Lehnwort ist (eigentlich müßte man es „tiegel“, oder gleich „tegula“ schreiben). Die Nachteile liegen auf der Hand.

Sprachregeln dagegen sind nicht gemacht, sind nicht explizit und werden spontan erworben. Ihre Kenntnis ist unbewußt, und ihre explizite Formulierung ist so schwierig, daß sich dafür eine eigene Wissenschaft entwickelt hat: die Linguistik. Mit anderen Worten: jeder Mensch ohne spezielle Beeinträchtigung kann sprechen, ohne die Regeln der Grammatik bewußt zu kennen. In dieser Hinsicht gleicht das Erlernen der Rechtschreibung ein bißchen dem Erlernen einer Fremdsprache, deren Regeln meistens auch bewußt gelernt werden. Schreibregeln sind also der Sprache nachgeordnete, künstliche, explizit formulierte Abbildungsregeln, die durchaus mit Verkehrsregeln vergleichbar sind. Es ist nun leicht einzusehen, daß eine Änderung der Schreibregeln die Sprache völlig unangetastet läßt. Eine Sprache ist prinzipiell von jedem sie abbildenden Schriftsystem zu trennen. Befürworter der alten Rechtschreibung können sich daher schwerlich auf „die deutsche Sprache als gewachsenes Kulturgut“ berufen, in das man nicht eingreifen dürfe. Natürlich ist die deutsche Sprache ein gewachsenes Kulturgut; als solche ist sie aber von den zufälligen Gegebenheiten ihrer schriftlichen Fixierung unabhängig. Es schert die Sprecher des Deutschen wenig, ob sie „so genannt“ oder „sogenannt“ schreiben. Es hat keinerlei Einfluß darauf, wie die Sprecher sprechen, und also keinerlei Einfluß auf die Sprache. Auch die deutsche Rechtschreibung ist in gewissem Sinne ein gewachsenes Kulturgut; das sind aber auch die Verkehrszeichen und das DIN-A4-Format und fünfstellige Postleitzahlen. Ich kenne nur wenige, die sich beispielsweise über die neuen Bahnübergangsschilder und die Adaption des Eisenbahn-Ikons an moderne Verhältnisse beschweren würden. Zwar hat die Schriftlichkeit als solche durchaus einen Einfluß auf die Sprache, da sie, sofern es eine Alphabetschrift ist, lautliche Aspekte der Sprache den Sprechern bewußt machen kann, und weil sie auch die mündliche Rede beeinflußt, wenn nämlich Schriftsprache im mündlichen Bereich Vorbildfunktion übernimmt. Dieser Einfluß gilt aber für jede Form der Schriftlichkeit; es ist nachgerade albern zu meinen, die Schreibung von ss oder von ß habe irgendeinen Einfluß auf Deutsch als Sprache. An der Abschaffung des leidigen th in Wörtern wie Thor, Thür, That ist die deutsche Kultur auch nicht zugrundegegangen (obwohl der Kaiser darauf bestand, daß weiterhin Thron geschrieben werde). Ob und inwiefern nun das gewachsene Regelsystem einer Orthographie ein schützenswertes Kulturgut ist, das genau ist die Frage. Franzosen und Engländer würden hier sicher zugunsten des Schutzes plädieren. Dies ist aber kein Streit, der mit Argumenten des Nützlichen entschieden werden kann: Das müssen die Verfechter der alten Orthographie einsehen.

Orthographisches (2): S-Laute des Deutschen und ihre Schreibung

Orthographisches (3): Von Schwierigkeiten & Reformen

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§ 8 Antworten auf Orthographisches (1): Sprachregeln und Schreibregeln

  • nömix (Gast) sagt:

    ss oder ß?
    Hm, aber in Ihrem Text liest man dennoch
    „Anlaß, Einfluß, bewußt, müßte usw.“
    .. versteh ich nicht ganz.
    (wenn ich mal unken darf 😉

  • Köppnick sagt:

    Interessante Gedanken, denen ich weit gehend weitgehend zustimme. In der Tat zeigt das Englische, dass sich gesprochene und geschriebene Sprache sehr weit voneinander entfernen können. Wenn man der gesprochenen Sprache den Primat zuweist, dann erscheint es natürlich, von Zeit zu Zeit eine Anpassung der Schriftsprache vorzunehmen, damit Neulingen der Einstieg leichter fällt.

    Mit der letzten deutschen Reform ist man allerdings über dieses Ziel hinausgegangen. Zum Beispiel kann man im Gesprochenen keinen Unterschied zwischen zusammen oder getrennt geschriebenen Wörtern erkennen. Hier müssen also andere Gründe geltend gemacht worden sein. Aber diese Gründe müssen gegen die Schwierigkeiten abgewogen werden, die alle die treffen, die entweder die Schriftsprache gerade lernen oder die von Berufs wegen gezwungen sind, ein im Sinne der Regeln fehlerarmes (Amts)Deutsch zu schreiben.

    Eines der Hauptargumente der Befürworter der Reform war, dass so Deutsch eine größere Verbreitung auf der Welt finden würde – als ob eine Sprache gelernt würde, weil sie leicht zu erlernen ist, und nicht, weil man sie benötigt.

    Ich habe anlässlich der Reform über meine eigene Schreibung nachgedacht und nehme mir seitdem mehr Freiheiten, mal die eine und mal die andere Schreibweise zu verwenden und manchmal auch eine eigene zu kreieren. Denn genauso wie die gesprochene Sprache sollte man auch die geschriebene leben lassen.

  • Talakallea Thymon sagt:

    REPLY:
    Doch, man kann bei vielen Ausdrücken sehr wohl einen Unterschied zwischen Komposition (Ebene der Wortbildung) und Syntagma (Ebene des Satzbaus) erkennen, aber man muß schon etwas genauer hinschauen als die Reformer dies vermutlich je getan haben. Abgesehen von Betonung und Intonation gibt es handfeste Kriterien dafür, ob Wortbildung (Zusammenschreibung) oder Syntagma (Getrenntschreibung) vorliegt. Beispielsweise weitreichend und <vielversprechend. Daraus, daß für die meisten Sprecher die Steigerungsformen weitreichender und vielversprechender völlig akzektabel sind, läßt sich der Schluß ziehen, daß es sich um ein Wort handelt, nicht um zwei. Aber statt eine solch einfache Beobachtung zur Kenntnis zu nehmen, zwingen die Reformer, viel versprechender zu schreiben, was Unsinn ist, denn es gibt kein *versprechender, weder viel noch wenig. Das ist übrigens nicht von mir konstruiert, sondern ich bin diesem orthographischen Ungeheuer wirklich begegnet.

    Bei weitgehend ist der Fall schwieriger. Hier liegt ein Grenzfall vor. Die einen werden weitgehender akzeptieren, die anderen auf weiter gehend bestehen.

    Aber, wie ich es lesen mußte, weit gehender zu schreiben — das geht nun wirklich zu weit.

    Die einzige Reform, die wirklich sinnvoll gewesen wäre (weil sie die schwierigsten Probleme der deutschen Schreibung mit einem Schlag gelöst hätte) und die obendrein noch mit einer handvoll simpler Regeln ausgekommen wäre, wurde nicht durchgeführt: Die Einführung der Kleinschreibung. Da hätte man lieber die Adelungsche s-Schreibung belassen. Die ist nun wirklich einfach zu lernen.

  • Köppnick sagt:

    REPLY:
    Es gibt Studien, die zeigen, dass die Lesegeschwindigkeit bei deutschen Texten in Kleinschreibung geringer ist. Man kann sich hier zwar auf das Argument zurückziehen, dass es nur die ungewohnte Schreibung ist, die dieses Ergebnis erklärt. Ich habe aber noch ein anderes Gegenargument: Deutsch zeichnet sich gegenüber anderen Sprachen durch eine große Freiheit im Satzbau aus. Um aber den Inhalt eines Satzes zu verstehen, muss zuerst seine grammatische Struktur aufgeklärt werden. In den Neurowissenschaften hat man herausgefunden, dass diese Struktur in nur wenigen Millisekunden und vor der Bedeutung der Wörter entschlüsselt wird. Wenn wir jetzt auf konsequente Kleinschreibung setzen, dann nehmen wir unserem eingebauten Dekoder wichtige Anhaltspunkte für das Auffinden der Substantive und damit der Struktur des Satzes.

    Man kann es ja mit dem Englischen vergleichen: Kleinschreibung, andere Zeichensetzung, weniger Schachtelsätze. Die Kleinschreibung hätte viel größere Auswirkungen als nur weniger Großbuchstaben. Wenn man mich fragt, ich würde gegen die Einführung der Kleinschreibung votieren.

  • Talakallea Thymon sagt:

    Die deutsche Syntax ist nicht freier als meinetwegen die Englische, sie ist nur in vielen Fällen komplizierter (so gibt es zwei Grund-Satzstellungen, eine für Hauptsätze mit dem finiten Verb an zweiter Stelle, eine für Nebensätze mit dem finiten Verb am Schluß, außerdem ist die Reihenfolge von Auxiliaren und Modalverben einigermaßen verzwickt, undsoweiter.).
    Dein Argument der Lesegeschwindigkeit würde ich sofort unterzeichnen, glaube aber, daß die geringen Vorteile beim Lesen durch die enormen Nachteile beim Schreiben wieder zunichte gemacht werden. Das Lesen mag geringfügig schneller gehen; aber die Groß- und Kleinschreibregeln zu erlernen und korrekt anzuwenden, scheint mir für diesen Vorteil nicht der Mühe wert zu sein.

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  • Lakritze sagt:

    Interessant finde ich Vergleiche mit anderen Sprachen. Das Englische hätte m.E. eine Reform dringend nötig; aber ob sich so etwas für die lingua franca des Erdenrunds durchsetzen ließe? Ich weiß ja nicht. (In dem Zusammenhang hübsch: Tok Pisin.)
    Hangeul, das koreanische Schriftsystem, ist erstaunlicherweise ein Kunstprodukt aus dem 15. Jahrhundert und krankt daher angeblich nicht an vielen Problemen der gewachsenen Schriftsysteme. (Heißt es. Ich kann kein Koreanisch.)

    Eine logische Laut-Buchstabe-Zuordnung werden wir fürs Deutsche nicht mehr bekommen, es sei denn, da regierte mal jemand kräftig durch (wie der koreanische König. Und hat nicht Kaiser Claudius auch Buchstaben erfunden?). Für die komplette Deregulation sprechen ja Mozarts Briefe; aber mit diesem Vorschlag kann ich auch keinen Blumentopf gewinnen.

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