Lexothelminthes

24. November 2006 § 2 Kommentare

wörter die ich mag, nutzlose aggglomerate von klang, bedeutung, feldern, vernetzungen, tunneln und räumen, reiser, kuckuckslichtnelke, sturmlampe
machmal blieb etwas aus Gelesenem hängen, ein ohrwurm, könnte man sagen, dessen melodie aus der abfolge der laute, vielleicht aus dem plan der zu ihrer realisierung erforderlichen zungen- und lippenbewegungen, dem rhythmus, der sich aus der dauer der laute und aus der betonung ergibt, und vielleicht auch dem verlauf der stimmhöhe ergibt. trollblume, atmen, gezweig. die bedeutung spielt für den ohrwurm keine rolle, denn wie jeder ohrwurm ist es eine insistierende erinnerungsschleife, die sich selbst immer wieder aufdrängt und zu ihrer inneren stummrealisierung aufruft. so sind worte wie melodiefragmente, klingende bögen, akkordverbindungen, motivische tonfolgen. und wie in der musik dem motiv oder sogar dem einzelnen akkord, so hängt auch diesen sprachohrwürmern (lexothelminthen) eine stimmung an, der hauch einer bestimmten welt, eines schmerzes, einer erwartung, einer hoffnung, verzweigt sich aus dem lexothelminth heraus eine kleine eigene welt. halkomelem, penetralia, nemus, amnis was bestimmt diese welt? nicht die bedeutung des wortes, das den lexothelminth ausmacht. auch nicht der klang, in dem er sich verfestigt hat. der klang oder der klangplan oder das abbild dieses klanges im innern ist nur seine realisierung, seine bedeutung ist zufällig. aber wörter haben nicht nur klang und bedeutung, sondern sie sind auch knotenpunkte in einem netz von beziehungen. zu anderen wörtern. zu grammatikalischen informationen wie kasus, präposition, konjugationsmuster. zu standardumgebungen, mit denen es zusammen eine kollokation, eine phraseologie bildet. aber auch, und das ist wesentlich für den lexothelminth: zu texten, in denen das wort vorkam; zu menschen, die es gebrauchten; und zu situationen, in denen es ausgesprochen wurde, groß war oder klein, laut oder leise, und auf die eine oder andere weise wirkung bewies.

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§ 2 Antworten auf Lexothelminthes

  • siam sagt:

    wie schön wie schön wie schön!!
    Ja, die hängen mir immer im Ohr. Auch ganze Sätze können das. Ich hab nen Ordner voll mit Lexothelminthen, die sind wahr, die kann ich schreiben, und es bebt, wenn ich sie ausspreche.
    Allerdings weiß ich dann immer nie, ob andere das genauso fühlen. Ich war letztens schon kurz davor, mich ernsthaft zu fragen, warum ich die immer noch sammle und aufschreibe. Aber vielleicht, so kommts mir jetzt vor, hat es ja doch einen Sinn.

  • Talakallea Thymon sagt:

    REPLY:
    ich kann sie nicht aufschreiben, oder besser, klar kann ich das, aber das ist nur ein schatten, ein hauch, ein index. das wesentliche passiert im kopf. man kann den lexikalischen ohrwurm nicht fassen. nur das, was er abbildet, worauf er sich bezieht.

    es gab einen gedankensprung in dem, was ich schrieb. lexothelminthen müssen nicht einmal wörter sein, die man mag, ebenso wie die blödeste werbemelodie sich manchmal festsetzt. über wörter, die ich mag und sie deswegen gerne verwende, müßte ich mal einen eigenen beitrag formulieren … solche sammlungen habe ich schon einmal begonnen, aber zur systematik ist das nie gelangt.

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