Lexothelminthes (2)

27. November 2006 § 4 Kommentare

ich habe einmal – das ist lange her, aber ich erinnere mich dessen als eines bedeutenden teils der größeren geschichte, in die es eingeschlungen ist – ich habe einmal eine woche lang dem englischen wort elegy innerlich nachgelauscht. es wurde so etwas wie ein lexikalischer ohrwurm, und es überschrieb eine ganze reihe von gefühlen, die alle mit der bekanntschaft eines mädchens verbunden waren; in dieser begegnung hatte jenes wort eine rolle gespielt, so daß es sich der geschichte dieser begegnung, in deren mitte ich mich nun befand (oder hoffte mich zu befinden) als überschrift, als titel, als name herlieh. dabei war es ganz zufällig dieses wort, das mir blieb – es hätte jedes andere sein können, sofern es nicht ein allzu abgenutztes gewesen wäre – und es hatte für die geschichte, für ihren beginn, ihre entwicklung und ihre bedingungen, keinerlei bedeutung. monatelang war das gesicht dieses mädchens an den unmöglichsten stellen des schulhauses aufgetaucht und wieder verschwunden, bis ich es plötzlich in nächster nähe erblickte, in dem orchester, dem ich beigetreten war, eine reihe hinter mir, unter den oboen. ins nahe gerückt, wurde sie mensch, verdichtete sie sich zu einem bündel entzückender eigenschaften, die alle aus dieser herangerücktheit flossen. mit einem mal war sie jemand, der mich sah und von mir wußte. worte waren möglich, ein lächeln der wiedererkennung, ein nicken der begrüßung, ein gespräch: und es konnte nicht anders sein, daß ich mich in sie (oder in die nähe, in die sie gefallen war?) verliebte. wir probten damals ein sehr langsames, sehr ruhiges, gegen ende der zehnminütigen spieldauer sich dramatisch aufbäumendes stück von John Barnes Chance, das ich sehr liebte. Sein Titel: „Elegy“. mehr als die vielschichtigen, tragischen klänge des stücks blieb er mir haften, als wäre es der name des mädchens gewesen.

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§ 4 Antworten auf Lexothelminthes (2)

  • siam sagt:

    sind Lexothelminthen dann wesentlich Repräsentationen?

  • Talakallea Thymon sagt:

    REPLY:
    was ist das, eine „wesentliche repräsentation“?

  • siam sagt:

    REPLY:
    nicht wesentlichE Repräsentationen 😉
    Ich wollte wissen, ob sie meistens / hauptsächlich Repräsentationen (von etwas) sind. Mir kommen sie nämlich eher so vor, als hätten sie ein Eigenleben. Stand vor dem Spiegel vor zwei Tagen und dachte: DOUBLE EXHALE. Das bezieht sich auf nix. Geistert jetzt aber rum.

  • T. Th. (Gast) sagt:

    interessante frage … da mir dein spiegelerlebnis aber sehr bekannt vorkommt, würde cih sagen, sie geistern herum. vielleicht so: wenn man ihrer quelle, ihres ursprungs habhaft werden kann, können sie sich an etwas heften, das sie dann repräsentieren … und vielleicht muß es nicht einmal der ursprung sein. vielleicht können sie sich an beliebiges heften, sofern nur irgendeine verbindung besteht — nicht nur eine ursächliche. im falle von Halkomelem war die verbindung ja eher weitläufig. eine kreuzung von getrenntem. die bekanntschaft mit dieser frau bewirkte ja nicht das wort. es war zufällig bei der begegnung auch da.

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