Dafür nicht

18. Dezember 2006 § 3 Kommentare

„[…] Mich stört an einem Leben mit FrauHausKind, daß es ein millionenfach vorgelebtes, ein erprobtes Leben ist, ein Modelleben. Ich will kein Modelleben. Ich wollte, ich will, ein Leben leben, für das es kein Modell, kein Vorbild gibt. Ich will Räume aufstoßen. Ich will zerschneiden. Ich will Neuland betreten. Mit der Schreiberei ebenso wie mit meinem eigenen Leben. Als ich aus dem Zivildienst entlassen wurde, als ich von zuhause auszog, als ich anfing zu studieren, da war es ein Aufbruch. Eine Eroberung. Ein Ergreifen. Und ich konnte nie verstehen, wie es manchen nur darum zu gehen schien, anzukommen: bei einem Job, einem Partner, bei Kindern, beim Eigenheim. Dich mit eingeschlossen. Wenn die ersten Freunde und Bekannten verkündeten, daß sie sich ein Auto gekauft, geheiratet, Kinder bekommen hätten, habe ich oft gedacht: War es das? Doch wohl nicht! Dafür sind wir nicht aufgebrochen. – Und jetzt frage ich mich: Wofür dann? Ich weiß es nicht. Jedenfalls nicht, um in der PR-Agentur eines Megaunternehmens zu landen, bitte um Verzeihung. Ich habe Dich einmal gefragt, warum Du es denn so eilig habest mit dem Studium. Ich ließe mir doch auch Zeit. Du sagtest, bei mir sei es etwas anderes, Du aber wollest in die „freie Wirtschaft“. So drücktest Du Dich aus. In die „freie Wirtschaft“. Es klang nicht wie „Freiheit“. Es klang wie „freie Wildbahn“. Ich verkniff mir damals die Gegenfrage. Sie hätte gelautet: Und warum studierst Du dann Germanistik? – Ich konnte (und kann) mir einfach nicht vorstellen, warum jemand so etwas „Schönes“ wie Germanistik studiert und dann aber nicht auch etwas „Schönes“ damit anfangen will, wobei ich die Erklärung, was denn etwas „Schönes“ sei und wo man es ausüben könnte, schuldig bleiben muß.[…]“

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§ 3 Antworten auf Dafür nicht

  • Thomas (Gast) sagt:

    Ich darf zitieren:
    „… als ich von zuhause auszog, als ich anfing zu studieren, da war es ein Aufbruch. Eine Eroberung. Ein Ergreifen. Und ich konnte nie verstehen, wie es manchen nur darum zu gehen schien, anzukommen: bei einem Job, einem Partner, bei Kindern, beim Eigenheim. Dich mit eingeschlossen. Wenn die ersten Freunde und Bekannten verkündeten, daß sie sich ein Auto gekauft, geheiratet, Kinder bekommen hätten, habe ich oft gedacht: War es das? Doch wohl nicht! Dafür sind wir nicht aufgebrochen. – Und jetzt frage ich mich: Wofür dann?“

    So, lieber Martin, carissimus amicus, habe ich einstmals auch gefragt – g a n z g e n a u S O !
    Es kam anders, und nun habe ich Ehefrau, Kind uns Haus, nebst Auto und Waschmaschine (die meinen fünften Anti-Philister-und-Spießer-Punkt ausmachte).

    U N D

    dadurch, daß ich diesen Weg (trotz überaus tiefen und elendiglich langwierigen Selbstzweifeln und marternden Grübeleien) nahm, und nicht nur den, sondern auch die Herausforderung des Vaterseins annahm, ist eine Tür hinter mir ins Schloß gefallen …
    … und nun ist endlich Ruhe mit den weitaus schwierigeren Fragen und Unsicherheiten, ob ich wenn ja welche Frau und ob nicht eine andere mein Bett wärmen et cetera perge perge.

    Eine endlich errungene Ruhe des Gemütes. Und was ehedem ein vielfach stürzender Wildbach gewesen sein mag, ist nun leise und kraftvoll dahinziehend, wie ein großer Strom sich behende durch die ihn säumenden Erlen und Auen windet.

    Dein Eintrag ist nun schon ein halbes Jahr alt. Und doch hoffe ich mit meinem Kommentar nicht zu spät zu kommen, wenn Du diese Zeilen finden solltest.

  • Talakallea Thymon sagt:

    REPLY:
    für einen kommentar ist es nie zu spät, und ich freue mich immer (selten genug ist es ja), wenn in dieser, wie sagt man? ach ja: schnellebigen zeit ein verweilen und verhandeln möglich sind, über den tag hinaus.

    auch hat sich an dem, was in dem eintrag zur sprache kommt, nichts geändert.

    ich befinde mich immer ein wenig in der bredouille, wenn es darum geht, meine lebenspläne zu erklären, weil sie als ein wesentliches element die ablehnung enthalten, und wie auch nicht, angesichts so vieler äußerlich gleichförmig verlaufender lebenswege? ich komme stets an den punkt, wo ich unwillkürlich abfällig werde, spöttisch, arrogant, ja fast mitleidvoll. ich möchte das mir so erklären: es ist die impulshafte abwehr des übermächtig-normalen. das ist das eine.

    das andere ist die enttäuschung. ich war, ich bin, von vielen menschen, von denen ich (unbewußt) angenommen hatte, sie seien mit mir angetreten, uns ein leben zu erobern, etwas nie dagewesenes auszuprobieren, etwas ungesagtes zu dichten, etwas unentdecktes zu entdecken, enttäuscht. ich wollte, ich weiß nicht was, aber etwas anderes. ich selbst habe mich so gefühlt (auch wenn ich es damals nie so hätte formulieren können), und naiverweise bin ich immer davon ausgegangen, daß es den anderen auch so ging, mit denen ich abende lang generativismus mit strukturalismus verglich, was war die welt reich! und viel zu bunt, um darin einenweg zu gehen, nein: man mußte, man wollte sich darin verlaufen.

    einer nach dem anderen aber wurde, na ja, so wie alle halt. es gab ausnahmen. aber oft habe ich das gefühl, immer noch am fenster einer bibliothek zu stehen und den anderen nachzublicken, die das lesen aufgegeben haben.

    und da ist schon wieder der spott zu hören. mehr als damals geht es mir heute um eine andere welt, eine alternative. ich vermute, es gibt für jugendlichen idealismus nur zwei wege: entweder, er schleift sich ab und die vorzüge der welt, die man kritisiert hat, beginnen ihr werk der verlockung; oder man verfällt in einen starrsinn und wird ein sonderling. die welt mit jugendlichem idealismus verändert hat, fürchte ich, noch keiner.

  • thomas (Gast) sagt:

    Das ist aber einseitig…und impliziert, daß der gemeinfällige Bürger (welch grauenhaftes Wort) zu faul geworden ist, nach den Sternen zu greifen.
    Von wegen. Man holt erst richtig Schwung.

    Ich würd´s Dir ja gern begreiflich machen, doch das mißlingt in jedem Fall. Nicht weil Du zu unverständig wärst oder weil ich zu blöd dazu, es zu erläutern, sondern weil es hier um Sachen geht, die man nur er-kennen oder aber nicht kennen kann.
    Es ist wie – sagen wir Reiten oder Fahrradfahren – man könnte bequem vom Schreibtisch, vom Fenster aus zugucken, unzählige Bücher lesen und verstehen und nochmal so viele selbst verfassen – wissen kann nur, wer selbst versucht. Und das Wagnis eingeht.

    Indes:
    WIE Dein Haus, Dein Kind, Dein Auto (resp. Vehikel oder Gefährt), Deine Partnerschaft jemals aussähe, liegt doch einzig und allein in DEINER Hand, in niemandes sonst.

    Gut möglich, daß jene, die Du von Deinem Bibliotheksfenster fortziehen siehst, genug hatten vom Lesen, und er-leben wollten? Schon mal dran gedacht?

    Wieso schließen sich übrigens alternative Lebenswege und Häuser aus?

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