Orthographisches (2) S-Laute des Deutschen und ihre Schreibung

6. Juni 2007 § 7 Kommentare

Und nun wird es etwas schwieriger. Wie in jeder Sprache, so gibt es auch im Deutschen Eigenschaften von Lauten, die relevant sind, da mit ihnen Wörter unterschieden werden, und solche, die irrelevant sind, weil ihr Vorhandensein oder Fehlen ein Wort vielleicht verfremdet aber nicht in ein anderes Wort oder ein Unwort überführt. Eine Eigenschaft der ersten Art ist die Stimmhaftigkeit, deren Fehlen oder Vorhandensein Wörter unterscheidet: was beginnt mit einem stimmhaften, Faß mit einem stimmlosen Laut, und es ist die Stimmhaftigkeit allein, die die beiden Wörter voneinander unterscheidet.
Ein Laut, der die Kraft hat, Bedeutungen zu unterscheiden, heißt Phon (bzw. Allophon); er repräsentiert eine abstrakte Einheit, die die Linguisten Phonem nennen, dies aber nur der Genauigkeit halber.
Für unsere Untersuchung ist nun wichtig, daß es Stellungen gibt (vor oder nach anderen Lauten, am Wortanfang, oder -ende, zwischen Vokalen etc), in denen nur Laute mit ganz bestimmten Merkmalen vorkommen können, so daß in diesen Stellungen die unterscheidende Kraft eines bestimmten Merkmals gleichsam aufgehoben scheint: So steht im Deutschen am Wortende immer nur ein stimmloser Laut, niemals ein stimmhafter. Dies führt dazu, daß dort die Stimmhaftigkeit nie für die Bedeutungsunterscheidung relevant sein kann, denn dazu müßten ja beide Laute, der stimmhafte wie der stimmlose an derselben Stelle erscheinen dürfen. Also gibt es eine Menge Wörter, die sich im An- und Inlaut durch Stimmhaftigkeit unterscheiden, wie z. B. Gasse/Kasse, rauben/Raupen, Waden/waten, kein Wortpaar jedoch, dessen Glieder sich voneinander einzig und allein im Auslaut durch dieses Merkmal unterschieden. Merkmale wie Stimmhaftigkeit, die zumindest in manchen Stellungen Wörter voneinander unterscheiden, heißen distinktive Merkmale.
Im Deutschen gibt es zwei S-Laute: einen stimmhaften wie in reisen und einen stimmlosen, wie in reißen. Die Stimmhaftigkeit ist beim S-Laut, wie bei fast allen deutschen Konsonanten, distinktiv. Die Distinktion ist jedoch aufgehoben im Wortanlaut, wo (hochsprachlich) nur stimmhaftes s erscheint, im Wortauslaut, wo (gleich den anderen Konsonanten) nur der stimmlose Laut vorkommt. Tatsächlich ist sie nur in einem einzigen Kontext distinktiv: intervokalisch nach einem langen Vokal oder Diphthong (Doppelvokal). Und hier kommt nun das ß ins Spiel. Das Drama der beiden S-Laute ist nämlich, daß es nicht wie bei den anderen Stimmhaft-stimmlos-Paaren zwei Schriftzeichen gibt, die, unabhängig von Stellung und Unterscheidungsvermögen den stimmhaften und den stimmlosen Laut bezeichnen, sondern es gibt ihrer drei, und in die Entscheidung, wo s, ß oder ss zu schreiben ist, fließen immer Betrachtungen nicht nur der Stimmhaftigkeit, sondern auch der Vokallänge und der Stellung mit ein. Um die Sache noch weiter zu verkomplizieren kann einer der drei Zeichen, nämlich s, je nach Stellung sowohl den stimmhaften als auch den stimmlosen Laut schreiben: Sonne (stimmhaft, Anlaut), Geheimnis (stimmlos, Auslaut); das ist auch gar nicht dumm, wenn man bedenkt, daß die Stellung allein schon bestimmt, welcher Laut auftritt; also ist die Information über Stimmhaftigkeit im Anlaut irrelevant, da dort sowieso nur der stimmhafte Laut vorkommt, und ebenso irrelevant im Auslaut, weil dort nur der stimmlose Laut auftritt. Der einzige Kontext, in dem eine Unterscheidung im Schriftzeichen sinnvoll ist, ist intervokalisch nach Langvokal oder Diphthong. Diese Unterscheidung leistete und leistet nach wie vor das ß, das einen stimmlosen S-Laut in intervokalischer Stellung nach Langvokal oder Diphthong schreibt: reisen, aber reißen.
Nun wären die Verhältnisse nach Langvokal beschrieben, was noch einfach war. Wie aber schreibt man nun einem S-Laut nach Kurzvokal? Nach Kurzvokal erscheint intervokalisch im (Hoch-) Deutschen immer nur der stimmlose S-Laut. Mit welchem Zeichen soll man ihn nun schreiben? Nicht mit ß – denn dieses steht ja nur nach Langvokal. Aber auch nicht mit s – denn das dient ja schon der Schreibung des stimmhaften Lauts, ebenfalls nach Langvokal. s und ß bezeichnen also immer auch die Länge des vorangehenden Vokals. Mit anderen Worten, die Folge Vokal-s-Vokal enthält immer einen stimmhaften S-Laut nach Langvokal, die Folge Vokal-ß-Vokal immer einen stimmlosen S-Laut nach Langvokal.
An dieser Stelle ist ein kleiner Ausflug vonnöten. Es gibt nun im Deutschen generell keine eindeutige Schreibung zur Unterscheidung von Lang- und Kurzvokalen. Ein mit einfachem Vokalzeichen geschriebener Laut kann lang oder kurz sein, weswegen zur Kennzeichnung eines kurzen Vokals der folgende Konsonant verdoppelt wird. Umgekehrt gibt es eine Reihe von Schreibungen für lange Vokale, die gleichsam nicht das Vokalzeichen selbst verändern, oder an ihm ausgeführt werden: Dehnungs-h, Doppelvokal und Dehnungs-e. Die Verdoppelung des nachfolgenden Konsonanten zur Markierung der Vokalkürze gibt es natürlich auch beim s. Und so schreibt man -ss- zur Bezeichnung der Vokalkürze; daß dieser Laut stimmlos sein muß, folgt aus der Stellung (nach Kurzvokal hochsprachlich nur stimmloses s!). Man kann nicht Mase schreiben, weil dort das s stimmhaft und der Vokal lang ist. Man kann auch nicht Maße schreiben, weil dort zwar der S-Laut stimmlos, der Vokal aber immer noch lang ist. Also schreibt man Masse/Maße/Masern. Das ist nun schon in nuce die Schreibregel nach neuer Rechtschreibung. So viel Erklärungsaufwand ist also schon für die neue Rechtschreibung nötig, wenn man die Hintergründe verstehen will. Nach alter Rechtschreibung gab es eine einschränkende Zusatzregel. Sie ist sehr einfach und lautet: Gerät ss im Zuge einer Beugung oder Ableitung an den rechten Silbenrand, verwandelt es sich in ß. Das ist alles. Zu schwierig? Das ss in müssen etwa verwandelt sich in der Wortform mußt oder muß in ß, ebenso wie in müßt und gemußt. Das ss in küssen verwandelt sich im Singular Kuß in ß. Doch Vorsicht: Wenn es keine Wortform gibt, in der überhaupt jemals ss geschrieben wird, dann ist die Regel null und nichtig. Sie gilt nur als Beziehung zwischen Wortformen mit intervokalischem ss und Wortformen, in denen dieses ss nicht mehr intervokalisch ist, sondern am rechten Silbenrand steht. Daher schreibt man nicht *wenigess, *Resst, *Rosst oder *Rasst (oder *wenigeß, *Reßt *Roßt, *Raßt), weil es zu diesen keine verwandten Wortformen oder Ableitungen mit S-Laut in intervokalischer Stellung gibt.
Aber leider leider … gibt es Ausnahmen. Sie betreffen vor allem den Auslaut von Wortstämmen mit Langvokal. Hier ist die Schreibung einfach nicht voraussagbar. Laut Regel müßte man Apfelmuß schreiben, da Langvokal. Natürlich ist es überflüssig, weil im Auslaut keine stimmhaften Laute vorkommen, dennoch wäre es systematischer. Dasselbe gilt für aus (aber man schreibt außen, weil die Stellung relevant ist!), und auch für Eis. Für Wörter wie Maus kann argumentiert werden, daß die verwandten Wortformen (Mäuse) einen stimmhaften Laut haben. Und umgekehrt ist die Schreibung Geheimnis regelwidrig, weil es eine korrespondierende Wortform mit ss gibt (Geheimnisses, Geheimnisse).
Der einzige Ausweg aus dem Dilemma wäre eine konsequente Markierung von Lang- und Kurzvokalen und entweder die Schreibung von s für jeden stimmhaften Laut und nur für diesen, und von ß für jeden stimmlosen Laut; oder aber die Einführung eines neuen Zeichens für den stimmhaften Laut und die Schreibung von s für den stimmlosen (dies würde auch dem Umstand Rechnung tragen, daß s in den allermeisten Sprachen einen stimmlosen Laut, z den entsprechenden stimmhaften Laut bezeichnet). Eine die Tradition und das vertraute Schriftbild halbwegs wahrende Kennzeichnung von Lang- bzw. Kurzvokalen ist aber unmöglich, wie wir unten sehen werden.

Orthographisches (1): Sprachregeln und Schreibregeln

Orthographisches (3): Von Schwierigkeiten & Reformen

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