Die Stadt: Dachschicht

15. Juli 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

„Dämmerung glitt über die Dächer. Auf den Schindeln lag gegen Westen noch ein wäßrigtrüber Schimmer, der die Dächer zu transparentem Glänzen brachte, die Flächen milchig emporhob und verdünnte, und bis an den Ostrand dieser Steinflächenlandschaft das Relief Ziegel für Ziegel schuppiger und deutlicher hervortreten ließ, ehe er abriß und gegen den dunklen Nachthimmel fortbrach. Ziegelsteine und Schornsteinrohre verklammerten sich mit dem Himmel, ihr Kupfer ermattet und schwarz und drauf und dran, in die Silhouetten der Dächer zurückzuschrumpeln. Ein leichter Wind kam auf. Gerüche von vergangenen Sommern stiegen herauf, Duft ohne Blüte, Wasser ohne Tiefe, süßer Moder. Plötzlich ein Tapsen, ein Scharren, das Fiepen eines Vogels: Eine Katze, ein zuckendes Federbündel im Maul, erschien im Ausschnitt des Fensters. Sie verhielt kurz, und Vogel wie Raubtier starrten R. einen langen Augenblick an, Räuber und Opfer gleichermaßen wie erschrocken über das Unerwartete, das da in ihr uraltes Drama hereinkam. Die Katze wartete lange Sekunden, während derer der Vogel völlig stillhielt; sah mit jenem gelassenen Schrecken, wie nur Katzen ihn hinkriegen zum Fenster, und huschte dann übers Dach davon. Erst bei der letzten Bewegung begann auch der Vogel wieder zu zucken. Aus der Straße tönten hallende Stimmen herauf, die Laternen hatten da einen Milchsee ausgebreitet, der die Backsteinmauern der gegenüberliegenden Gebäude mit weißlichem Schein anhauchte. Der Rand eines beleuchteten Werbeplakats ragte ein kleines Stück aus der Tiefe. Von dort, gedämpft und in der Luft hin- und hergerissen, drang Marschmusik von Blechbläsern, ein schleppendes Ostinato, spitze Flötenschreie, darin das Gejammer einer Klarinette, ein quitschtrauriger Lärm, der sich langsam entfernte, noch einmal aufheulte, erstarb. Eine Autotür schlug zu. Ein Motor sprang an.
Da fühlte R. plötzlich eine tiefe Sehnsucht in sich aufwachsen, wie nach einer vergessenen Melodie, die ihm in diesem Augenblick, während eine Stimme unten mit anderen lachte, aus dem Vergessen heraus unerkannt zugeblinzelt hatte. Eine Stimme rief. Ein Tuch wogte aus dem Fenster gegenüber. Die Silben eines Traumes wirbelten auseinander, eine Katze trug einen Vogel im Maul, und ein aufgeflackertes, gerade wieder entschwundenes Wort ließ eine dürre Wehmut zurück. Drüben, in einem anderen Fenster, bauschte sich ein Vorhang.
Er zog die Gardine wieder vor.
Als er später im Bett lag, kam es zurück. Es war plötzlich wieder da, wie die Silben eines Wortes, das sich aus einem Traum herausschälen will; ein Flackern der Ränder des Bewußtseins; warm und aufmerksam und verheißungsvoll, wie der Blick einer Frau mit einer wundervollen, den Mund freilassenden Maske, die, quer durch einen Raum voller belangloser Menschen, dich und nur dich trifft und treffen wollte. Und so wie der Blick sich, kaum erwidert, abwendet um nicht mehr oder vielleicht doch noch einmal zurückzukehren, so floh diese Sehnsucht vor ihm.“
Ich sah auf. „Hast du etwas gesagt? Ich habe doch etwas gehört. Aber gelacht, gelacht hast du doch! Oder geweint wenigstens?“
Nichts. Die Gardine bauscht sich. Aus den Fenstern, schwer von Nacht, trat mir mein Spiegelbild entgegen.

Advertisements

Voces lectorum

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Die Stadt: Dachschicht auf VOCES INTIMAE.

Meta

%d Bloggern gefällt das: