Zum Welttag des Buches: Anmerkungen

8. Mai 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Bücher haben uns überholt.
Mehr Bücher zu produzieren, als man zu lesen vermag, kann dreierlei bedeuten. Erstens, schnell war es vorbei damit, daß ein einzelner Mensch, wenn er lange genug lebte und die Schwierigkeiten in der Beschaffung und Information meisterte, die gesamte literarische Produktion der bekannten (bzw. der Latein oder Griechisch sprechenden) Welt nicht nur überblicken, sondern auch lesen und begreifen konnte. Die aktuelle Produktion, sowie alles, was bislang überhaupt geschrieben worden war. Der Punkt, wo dem Leser die Menger der insgesamt vorhandenen Bücher über den Kopf wuchs, dürfte schon in der Antike selbst erreicht worden sein. Da wurde zum ersten Mal der Einzelne von den Büchern überholt, unaufholbar: Die Bücherzahl im Wachsen, die Lebenszeit im Schwinden begriffen, libri multi, vita brevis.
Heute, zweieinhalb tausend Jahre später, haben wir uns mit so vielen Büchern umgeben, daß, selbst wenn ab sofort kein weiteres Buch mehr erschiene, die Menschheit für Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, Lesestoff hätte. Und, da ja, die uns nachfolgen, den ganzen Stapel frisch nachzuarbeiten haben, müßte man eigentlich gar keine Bücher mehr schreiben. Ja, womöglich haben wir mit der Produktion von Büchern schon einen Punkt erreicht, wo sie uns zum zweiten Mal ein- und überholen, wenn es nämlich stimmt, daß wir nicht einmal mehr gemeinsam die Menge an entstehenden Büchern stemmen könnten.
Das bedeutet etwas Trauriges und Beunruhigendes: Einige bleiben ungelesen. Und zwar, weil ja ständig noch weitere Bücher nachwachsen, für immer.
Die dritte Welle der Überholung wäre dann erreicht, wenn die Menge der für immer ungelesenen Bücher die Menge der gelesenen oder noch lesbaren übersteigt. Man stelle sich mal die stumme Flut an Personen, Welten, Landschaften, Ereignissen vor, wie sie, unentdeckt, ungeschaut, verborgen hinter haus- und turmhoch gestapelten Buchdeckeln, ja, was? existieren? Latent sind? Abrufbereit warten? Liebesaffären, Verrat, Intrige, Freundschaft, verrückte Erfindungen, traurige Entdeckungen, glitzernde Waghalsigkeiten. Reisen zum Andromedanebel, sprechende Austern, Barackensiedlungen in den Slums von Köln, die Reisebeschreibungen des Pseudo-Apollodor. Wälder, Städte, Straßen. Sprechende Pudel, denkende Gartenpfosten, Zauberer, tiefste Vergangenheit und unsere eigne Zukunft. Wahres, Falsches, Geträumtes. Nacht der drei Monde, die Veilchen des letzten Sztumbanen … Verschlossen hinter Buchdeckeln, vom banalsten Liebesgestöhn bis zum Stein der Weisen, absichtlich oder unabsichtlich zu entdecken.
Angesichts einer solchen ins Unermeßliche wachsenden Geschichten- und Weltenflut darf man wohl sagen, daß sich unsere eigene, sogenannte wirkliche Welt immer kleiner ausnimmt und bedeutungsloser, marginal im Wortsinne, eine Randnotiz zu einem gigantischen Roman der Romane, eine Fußnote im 135.811.374.374ten Erzählband, eine in Parenthese geäußerte Vermutung in irgendeiner Essaysammlung, wo war sie noch gleich …? Ein Geschmier, das man zuerst für Pennälergekrakel hält, ein Anhang zum ersten Prolog des Inhaltsverzeichnisses, immer kleiner und winziger wird die sogenannte wahre Geschichte, entpuppt sich als Nebensache, gerät zwischen fremde Seiten, rutscht nach unten, bis sie irgendwo in der Flut der Publikationen verschwindet, drei Punkte, ein Auslassungszeichen …
„Hast du das gelesen?“ – „Was?“ – „Na, dieses Büchlein hier …“ –„Nee, keine Zeit, du weißt schon.“ – „libri multi …?“ – „… vita brevis…“

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