Noch einmal Haariges

29. Mai 2009 § 4 Kommentare

Vor einigen Tagen wieder ein Gespräch über das Achselhaarproblem, und wie schon bei früheren Gesprächen fand O., und hier gebrauchte sie die STANDARDFORMULIERUNG, nein, das hätte sie immer schon so gemacht. Seit der erste Flaum in ihrer Axilla sichtbar und kenntlich geworden sei, habe sie ihn sofort entfernt. Ich entgegnete, daß vielleicht ihre Generation die erste gewesen sei, die mit der Ausmerzung haariger Stellen angefangen hätte; die Älteren (Frauen meiner eigenen Generation und Ältere) hätten sich dann angesichts der jugendlich glänzenden Achsel der viel Jüngeren sich plötzlich barbarisch und unschön empfunden und unter Attraktivitätsdruck, der immer von den Jüngeren ausgeht, zum Nachahmen aufgefordert gefühlt, so daß sich die Unsitte von den gerade pubertierenden Mädchen allmählich über die jungen Erwaschsenen schließlich auf alle Frauen durchgesetzt habe. Die Jüngsten seien, so meine Idee, Vorbild für die Älteren gewesen. Nein, widersprach O. vehement, umgekehrt sei es gewesen, sie selbst habe es ja auch nur den anderen abgeschaut, beispielsweise bei ihrer eigenen Mutter (eine Generation vor mir), die es ihrerseits auch schon immer so gemacht habe.

Jetzt frage ich mich, ob meine Wahrnehmung oder ihre schräg ist. Ich glaube ja, daß es einen allgemeinen Künstlichkeitstrend gegeben hat, irgendwann auf dem Weg von den 90ern zur Jahrtausendwende. Es gehen ja auch heute Frauen nicht mehr ohne Büstenhalter aus dem Haus, derweil es noch nicht so lange her ist, daß manch eine ihn auch mal nicht trug, wenn sie ihn störend oder unbequem fand oder sie zu faul war, ihn anzuziehen. Oder bin ich einfach nur merkwürdigen Frauen begegnet? Das mit der Behaarung indes konnte man ja auch an wildfremden Frauen beobachten, ohne entschuldigen Sie … darf ich mal … zumindest im Sommer.

Merkwürdig, das alles. Andererseits auch nur eins von vielen Phänomenen derselben Gruppe. Das verweist auf das Modephänomen, auf das Phänomen der Stilgemeinschaft, der Kunstepoche. Warum finden auf einmal Scharen von Menschen Plateauschuhe geil? Oder weiße Slipper? (bäh) Wie konstituiert sich das gemeinsame Empfinden, daß nun Albertibässe schick seien, oder doppelpunktierte Rhythmen? Es kann ja keine Eigenschaft der Dinge selbst sein, weil ein und derselbe Gegenstand, je nachdem, in welcher Zeit man ihn betrachtet, schick oder schnöde sein kann.

Bleibt noch das Phänomen des Vorbilds. Aber das bringt neue Erklärungsschwierigkeiten mit sich.

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§ 4 Antworten auf Noch einmal Haariges

  • Thomas (Gast) sagt:

    Mir, als einem ehemdem gleichfalls alles Haarige postulierenden Schrägdenker, scheint die ganze Rasiererei eher ein – sozusagen – feminines Phänomen zu sein. Denn gänzlich enthaart unter grobschlächtige Männer zu treten, sei es auch nur in der Dusche des Hallenbads, würde mir doch mißfallen.
    Gleichwohl ist anzumerken, daß man sich in Fernost gern enthaart, oder ist das auch nur Gerede? Wenn dem so ist, müßte die kollektive Enthaarung an sich als eine kulturelle Angelegenheit begriffen werden, die zu diesen Zeiten auch hierorts um sich greift.
    Und, naja, was ist schon dabei? Dann haben Frauen eben keine Achselhaare, sei’s drum. Schade ist es um diese Haare lediglich nur demjenigen, der mit der naturbelassenen axilla femina ein persönliches erotisches Gespür verbindet – was sehr verständlich und sehr nachvollziehbar ist. Dieser Aspekt scheint mir aber der wichtigste von allen, selbst vor denen der Modeerscheinungen.
    Glatte Haut wirkt eben sauberer als behaarte. Letztere wirkt indes animalischer, zugegeben. Und obendrein mütterlicher, schutzgebietender wie gleichzeitig auch „Kampfbereitschaft anzeigend“, man denke nur an das Phänomen des Schamweisens.
    Es ist wohl nichts weiter als eine Form der Stilisierung des Körpers, und wenn es sich um den weiblichen Körper handelt, fällt es mir schwer, in der Rasur eine Schrägheit zu sehen. Weibliche Formen sind schön (um nicht zu sagen adorabel), und auch durch Rasuren nicht sonderlich zu verunstalten.
    Und dann fällt mir noch auf, daß je gewisse behaarte Körperteile um der Stilisierung willen nicht zur Gänze rasiert werden, sondern erst recht in Form gebracht…womit wir wieder beim persönlichen erotischen Aspekt wären…

  • Unke sagt:

    REPLY:
    Vollkommen richtig, nur geht es mir um das Problem der Konformität. Es scheint eben nicht eine Frage des persönlichen Geschmacks zu sein, gleicht eher einem Massenwahn, in welchem die Einzelne kaum eine Chance hat, für sich selbst zu entscheiden — und wenn doch, dann ist’s gleich Protest und eine Botschaft, seht her, ich lasse den Wald stehen! Ich wehre mich.
    Sich nicht zu rasieren und sich dabei nicht zu wehren oder botzuschaften, ist, glaube ich, nicht mehr möglich. (In den augen der Betrachter, versteht sich.)

  • Bjoern (Gast) sagt:

    ‚Jetzt frage ich mich, ob meine Wahrnehmung oder ihre schräg ist‘ – also solltest Du nicht mit wilder ungeschnittener Mähne gesegnet sein, dann inho die Deine. Klingt etwas künstlich, die ‚Künstlichkeit‘ an den Achselhaaren festzumachen. Würden nicht auch Fingernägel brechen, wenn sie zu lang sind? Mir ist nicht klar, warum Haare schneiden gleich die große Entfremdung vom Körper ist. Die wachsen doch. Und wie stehst Du zu langen zotteligen Nasenhaaren? Oder Ohrbüscheln?

  • Talakallea Thymon sagt:

    REPLY:
    so weit ich weiß, wachsen achsel- und schamhaare nicht einfach weiter, wenn man sie nicht kürzt. der vergleich mit fingernägeln hinkt also.

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