Der Genitiv und Ende

11. November 2009 § 8 Kommentare

Heute morgen liest man in der Welt anläßlich des 80sten Geburtstages von Michael Ende (1929–1995), dieser habe in der Unendlichen Geschichte „so manchen Genitiv und so manches aus der Mode gekommene, getragene Verb“ gerettet. Jetzt grüble ich, was der Autor des Artikels damit gemeint haben mag. Ich kann mich jedenfalls an keine unmodischen Wörter erinnern, und auch eine Häufung ungwohnter Genitive ist mir nicht aufgefallen. Vielleicht liegt das daran, daß ich das Buch Anfang der achtziger Jahre las, kurz nach seinem Erscheinen, da war ich zwölf und seit langem schon durch die Schule der Grimmschen Märchen (in Grimmscher Syntax und Wortwahl, versteht sich) gegangen. Wie wir wissen, kennt die Jugend heute aber nicht einmal Wörter wie streitbar oder nach etwas trachten. Aus heutiger Sicht mag daher die Unendliche Geschichte bereits sprachlich altmodisch erscheinen. Übrigens las ich das Buch vor ein paar Jahren ein zweites Mal und war etwas enttäuscht über die für meinen Geschmack recht simple Sprache, von getragenen Verben keine Spur. Was meint also Wieland Freund in der Welt? Ich weiß es nicht. Mit einem unbehaglichen Gefühl denkt man aber, gegen welchen Vergleich ein Buch wie Endes herrlicher Roman „altmodisch“ erscheinen muß. Man fragt sich unwillkürlich, wie es um den Worschatz bei Harry P. oder Bella & Edward bestellt ist, von den Genitiven ganz zu schweigen.

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§ 8 Antworten auf Der Genitiv und Ende

  • La Tortuga sagt:

    Ich las dieser Tage gerade parallel Ende’s Unendliche Geschichte und Funke’s Tintenherz, weil ich mir ein Bild machen möchte von der Sprachkompetenz der Jugend bzw. mich zu erinnern versuche, wieviel Sprache ich in welchem Alter wohl selber hatte, und umgekehrt: wieviel Sprache Autoren Kindern „zumuten“ und ob ich das als Kind überhaupt gelesen hätte (da mir nur sehr wenig „Altersgerechtes“ zum Frass vorgeworfen wurde; ich grabschte mir alles, was ich kriegen konnte, von „???“ aus der Schülerbibliothek über Erwachsenenschund bis Conrad und Rilke – ich kenne die meisten klassischen Kinderbücher bis jetzt nicht). Ich hatte mir von Funke dem Boom zum Trotz (oder in der Hoffnung, dass Boom nicht immer ein Antigütesiegel sein muss) ein bisschen was versprochen, da sie für Dinge wie „sorgfältigen Umgang mit der Sprache“ u.ä. von allerlei Jurys hochgelobt wurde. Aber nichts… Ich würds schon fast schluddrig nennen. Inflationäres „eh“ (sowas wie „der ist eh bald tot“) und dgl. Tribute an Jugendsläng, teils grauenvoll schiefe Bilder, sprachlich wirklich unerhört platt, und die Geschichte selbst langfädig und im wesentlichen langweilig, obwohl die Idee viel hergäbe – auch ein Verdienst: erstmals ist ein 08:15-Film mit Abstand besser geraten als das zugrundeliegende Buch. Das Beste sind die Zitate aus richtigen Büchern an den Kapitelanfängen, sie wirken fast vermessen; und ein Celan-Gedicht als Motto … faux pas zum In-den-Boden-Versinken. Als Kind hätte ich Tintenherz an die Wand geschmissen (und jetzt weiss ich auch nicht was damit tun, ich mag es keinem jungen Menschen schenken).
    Ende dagegen: wohl einfache Sprache, aber eben keine simple und flache. Das ist solide und und mehr als das, inspiriert und kunstfertig, kein Satz, der einen peinlich berühren würde. Auch die Dramaturgie funktioniert. Mir tut leid, dass mir in meinen ersten Lesejahren niemand gesagt hat, dass es solche Bücher gibt, ich hätte mich mehr als nur verliebt (ich lese die Unendliche Geschichte zum ersten Mal).
    Im Zuge derselben „Forschung“, aber auch aus Heimweh, habe ich Preusslers Krabat sowie die „Kleinen“ (Wassermann, Hexe, Gespenst) wiedergelesen. Habe mich bei jedem Satz gefragt, ob heutige Kinder das noch lesen können, und mich gewundert, dass die immer noch so stark auf mich wirken – keine Enttäuschung, obwohls natürlich jetzt im hohen Alter leichter zu lesen ist.

    Neulich gehört: 2 „Mädchen“ (sie könnten auch 20 gewesen sein) lasen die Gratiszeitung. Fragt die eine: „Was ist ein Choleríker?“ – Die andere: „Das ist… das ist… äh… ich weiss grad auch nicht mehr. Aber man sagt Cholériker.“ – „Bist du sicher?“ – „Ja, ich glaube.“

    Aus, vorbei. Schön, dass wir die geheimnisvolle Bücherkindheit noch hatten, aber ich glaube – und wenn man mir pubertäre Endzeitstimmung vorwirft – dieser Zauber ist inzwischen nur noch ganz wenigen verwöhnten Bürgerkindern vergönnt. Es scheinen auch keine sprachlich hochstehenden Kinderbücher mehr geschrieben zu werden (ich forsche aber weiter… hab noch wenige Jährchen, bis mein Patenmädchen im Lesealter ist).

  • Talakallea Thymon sagt:

    REPLY:
    Ich habe auch alles durcheinander gelesen als kind, wahllos, unkritisch, und in der rezeption durchaus oberflächlich. hauptsache, es war spannend. aber was mich, wie ich glaube, unterscheidet von vielen anderen heutigen lesern: ich habe zwar noch kein gefühl für schöne sprache gehabt, habe mich aber von sprachlich schwierigem nicht abhalten lassen, sondern es trotzdem gelesen: weil nämlich für mich jedes buch ein versprechen war: lies mich, es lohnt sich! und wenn es beim tapferen schneiderlein hieß: „komme sie herauf, hier wird sie ihre ware los!“, dann hat es mich nicht einmal erstaunt, wie die da miteinander reden. in einer geschichte herrschten eben andere regeln, und wo es einhörner gab — wieso sollten da die menschen nicht auch wunderlich (oder zauberisch?) reden? ich erinnere mich auch, daß ich mir in der achten klasse vornahm, den konjunktiv nie nie nie mehr mit würde zu bilden. warum? der „echte“ konjunktiv war doch so viel schöner! meine klassenkameraden haben nur den kopf geschüttelt. die sprache war kein hindernis, sondern der weg zur geschichte. wie anders sollte man den geschichten hören, wenn nicht durch sprache? ich war auch immer sehr entzückt, wenn es zu einem film ein buch gab. ein buch, ja, das war erst das richtige und wahre! deshalb habe ich den Hotzenplotz und das Kleine Gespenst später auch noch gelesen, obwohl ich es von einer hörspielkassette schon kannte.

    was mich an der unendlichen geschichte beim zweiten mal lesen gestört hat, war eben das: ein „falscher“ satz. er lautet: „Was jetzt geschah, ist mit Worten sehr schwer zu beschreiben.“ Na, dann laß es doch! also, wenn ein schriftsteller „zugibt“, etwas nicht beschreiben zu können, ist bei mir der ofen aus. dieser eine satz ist derart falsch, daß er für mich das ganze herrliche werk eintrübt. schade.

    Ende schreibt natürlich einen herlich ungekünstelten, schlichten aber, wie du es selbst sagst, keineswegs flachen stil. aber rettung seltener verben? ich weiß nicht.

    schade, daß Tintenherz also vor deinen augen nicht besteht. mh. ich hatte mir ja viel davon versprochen. aber die partikel eh geht natürlich gar nicht. auch wenn man sie — horribile dictu — neuerdings schon in artikeln der Zeit findet. O tempora, o mores.

    andererseits: warum ereifern wir uns eigentlich? es muß ja keiner lesen. und daß uns, weil auch keiner mehr schreiben wolle, die bücher ausgehen — da besteht nun wirklich keine gefahr. wer nicht lesen will, der soll es halt bleiben lassen.

  • La Tortuga sagt:

    REPLY:
    Hahaa, das ist hübsch mit dem Konjunktiv! (Ich für meinen Teil kann ihn heute noch nicht, es ist recht würde-los.)
    Ich wuchs komplett fernsehfrei auf. Als Kind war das eine Qual, denn für solches Aussenseitertum wurde man arg verspottet; heute ist es das, wofür ich meinen Eltern am allermeisten dankbar bin. Dafür weiss ich jedoch nicht, wie es für ein Kind ist, zuerst einen Film zu sehen und dann das Buch zu lesen. Beruhigend zu hören, dass ein Kind also grundsätzlich in der Lage ist, das Interessantere zu erkennen anstatt sich von Bildern verführen zu lassen.
    Eine Hotzenplotzkassette hatte ich allerdings auch, in ekelhafter Zürcher Mundart, weshalb mich nach dem Buch nachher nie gelüstete.

    „Unbeschreiblich“ ist natürlich furchtbar, geht gar nicht. Aber ein bisschen hart ist es schon, deswegen annähernd 500 Seiten zu annihilieren. Man findet dieses Armutszeugnis bei allen möglichen Grossen immer wieder, zuletzt ists mir glaub ich bei Brentano aufgefallen.
    Aber vielleicht bin ich ja auch zu harsch mit Funke, lass Dich von der Lektüre nicht abhalten. Es würde mich … eh, … nähme mich wunder, was Du dazu meinst.
    Ich finde Marotten (die glücklicherweise nach einer Zeit so schnell verschwinden wie sie gekommen sind) im Journalismus zwar entnervend, aber verzeihlicher als in Büchern. Das meine ich in Tintenherz auch ein paarmal gelesen zu haben, aktuelle Journi-Marotten. Aber da bin ich überempfindlich. Besonders auf das hier, war mal ein Blogeintragtitel bei mir: „Dieser Quatsch greift um sich. Und nervt gewaltig.“ – Blöderweise lese ich öfters zwei Zeitschriften aus demselben Haus, die ganz und gar von dieser unbeschreiblich unsäglichen Formulierung durchseucht sind. Ich reagiere mittlerweile schon physisch darauf.
    Ich glaube, Ende wirkt heute nur als Sprachretter (nicht die Spur von Genitiven, „eine Kanne voll heissem Tee“), er schrieb einfach auf einem damals üblichen Niveau. Liest man Kinderbücher z.B. aus den 40er oder 50er Jahren, dann gehen einem die Augen über, was Kindern zu der Zeit ganz selbstverständlich zugetraut wurde. Meine beiden Grossmütter absolvierten beide nicht mehr als die obligatorische Schule, aber ihre Sprachkompetenz übertraf diejenige heutiger Durchschnittsmaturanden bei weitem.
    Es stimmt, es gibt natürlich viel zu viele Bücher, aber möglicherweise nimmt der Prozentsatz guter Bücher in Relation zur Gesamtpublikation doch ab. Oder die guten sind in der Schwemme schwerer zu finden, wer weiss.

    Ja, warum ereifern wir uns eigentlich? Ist das nicht letztlich dasselbe wie unsere Naturschutzdiskussion in grün bei mir drüben?
    Mein aktuelles Interesse an Kinderbüchern verdankt sich glaube ich wirklich dem Umstand, dass ich ein Patenkind habe, dem ich zumindest das Angebot machen möchte, auf anachronistische Weise Abenteuer zu erleben. Aber mich interessiert auch, wie sich der zunehmende Analphabetismus (so der wirklich Tatsache ist und nicht nur ein subjektiver Eindruck) auf die Menschheit an sich in ein bis zwei Generationen auswirken wird (inkl. Umweltschutz!).

  • Talakallea Thymon sagt:

    Du hast recht, es ist wirklich etwas hart, ein ganzes, ansonsten einfach wundervolles buch zu verdammen, nur weil ein einziger satz nicht stimmt. ich sprach deshalb auch nur davon, daß es den rest „eintrübt“, das heißt, denke ich an die unendliche geschichte, dann nicht zuerst an steinbeißer und irrlichter oder an Perelín, sondern an diesen schnitzer — den Ende ja auch überhaupt nicht nötig gehabt hätte, wo ihm doch sonst nie die worte ausgehen. und dann so etwas! es ist empörend. da hat er einfach keine lust mehr gehabt, und das ist schade.

    dein engagement bezüglich deines patenkindes kann ich sehr gut nachvollziehen, genau wie du würde ich auch nach etwas erlesenem suchen, das ihm die welt der geschichten öffnet. aber vielleicht sollte man hier nicht zu zaghaft sein: in meinem, deinem und im falle wahrscheinlich vieler leser war es sicher egal, welchem buch man wann begegnete. leser sind leser und nichtleser sind nichtleser. wenn dein patenkind eine leserin ist, dann wird sie unerschütterlich ins regal greifen, bis sie das richtige in händen hält — oder wahllos alles verschlingen 😉

    an deinen artikel erinnere ich mich mit größtem vergnügen. diese journalistensauce erregt auch meinen unwillen. einmal habe ich gegenüber freunden ein bißchen meinem ärger luft gemacht, nur ein bißchen, aber es reichte, um eine von meinen gesprächspartnern ausrufen zu lassen, sag mal, du bist ja richtig wütend, wie?
    sie war verblüfft, daß man über so etwas in rage geraten kann.

    die naturschutzdiskussion in grün, das ist gut, hihi. ob es dieselbe motivation ist? brauchen bücher leser? besteht die gefahr, daß gute bücher aussterben, weil anspruchsvolle leser dies vorher tun? oder ist es stets, heute wie vor 20, 50 oder 500 jahren eine kleine gruppe geborener leser, die sich nichts vormachen lassen und starke bücher einfordern?

    oder ändert sich die sprache nur, ohne ärmer oder reicher zu werden? ist sie heute vielleicht nur anders?

  • La Tortuga sagt:

    REPLY:
    Ja, vermutlich sind Leser Leser. Aussterben werden sie nie ganz (es waren bestimmt mehr, als es noch kein TV, kein Netz, keinen Sport und keine Freizeit gab). Die Jungen werden aber vielleicht länger brauchen um zu merken, dass sie Leser sind, da mittlerweile schon Primarschüler computererstellte Schularbeiten abliefern müssen. Sie können tippen, bevor sie schreiben können. Sie lernen im Internet recherchieren, bevor sie einen Bibliotheksausweis haben. Der eine oder andere wird sich vielleicht in einer Eingebung mit einem Buch, mit Kerzen und Sandwich auf dem Dachboden einschliessen und diesem Kick für den Rest des Lebens nicht mehr abschwören wollen.
    Ich sollte mir wohl um das Patenkind diesbezüglich nicht zu viele Sorgen machen. Ihre Eltern sind im übrigen auch Leser (oder waren es zumindest und werden es sicher wieder sein, sobald die Kinder nicht mehr das Zentrum ihres Universums okkupieren).

    Und ja, es ist ist bestimmt dieselbe Motivation. Beides ist auch ein bisschen konservativ und bewahrerisch, und ich kann verstehen, wenn manche das belächeln oder überhaupt unnötig finden (tatsächlich auch bezüglich der Sprache; womöglich ist es doof, auf den Genitiven rumzuhacken, wenn die natürliche Sprachentwicklung sie halt wegschleift; aber sie sind soooo elegant, und eben – ich steh dazu, ich bins generell – retro wie nur etwas).
    Bei mir ist grün und weiss aber gekoppelt. Wenn die Menschheit die Kugel für uns unbewohnbar raubschändet, na dann. Aaaaaber: gewinnen die Naturschützer und wir können hier in Harmonie weiterwerkeln, dann will ich nicht mehr dabeisein, wenn die Bücher trotzdem weg sind. Alls oder nix.

    (Komisch auch: dass ich bezüglich der Blogs sage, „bei Dir drüben“, „bei mir drüben“. Wieso stelle ich mir das irgendwie so räumlich nebeneinander vor?!)

  • La Tortuga sagt:

    REPLY:
    Hahaaa … zumal wir offensichtlich soeben zeitgleich hüben und drüben kommentieren, was für Momente!
    Eigentlich wärs ja gemütlicher, am selben Tisch zu sitzen und eine Flasche aufzumachen. 🙂

  • Talakallea Thymon sagt:

    das sind — hüben wie drüben — herrliche gespräche, und das mit der gemütlichen flasche sollte sich auch einmal einrichten lassen.

    noch ein wort zum thema sprachretro, bevor ich mich für heute in den schlummer verabschiede: als linguist sehe ich den sprachwandel mit interessierter gelassenheit. als ästhet grauset’s mich. kasus sind etwas ausgesprochen schönes, je mehr eine sprache hat, desto besser, weswegen mich das verschwinden des genitivs traurig macht. eine schützenswerte spezies, auch hier 😉

    aber gäbe es den sprachwandel nicht, würden wir hier immer noch urgermanisch oder indoeuropäisch parlieren, und das wäre ja auch irgendwie schade um die vielen neuen sprachen mit ihrer jeweils unvergleichlich verrückten art, über die welt zu sprechen.

    und: sprachen verändern sich, aber die in ihnen verfaßten literaturen bleiben bestehen. und bewahren so lange den alten sprachstand, wie es menschen gibt, die diese literatur lesen. wobei wir wieder beim lesen wären.

  • La Tortuga sagt:

    REPLY:
    Bevor ich auch nach Bettenhausen gehe (aber gern bald weiter, so uns der Stoff nicht ausgeht, auch mit Flasche):

    „sprachen verändern sich, aber die in ihnen verfaßten literaturen bleiben bestehen. und bewahren so lange den alten sprachstand, wie es menschen gibt, die diese literatur lesen.“

    Heeeeyeyeyey!!!
    (Jetzt ist wenigstens geklärt, wer die Flasche berappt.)

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