Asymmetrien, Zirkelschlüsse und der Bechdel-Test

26. August 2010 § 3 Kommentare

Vor einigen Jahren war ich mal in eine unschöne Diskussion verstrickt. Es ging dabei um die Frage, ob die Aussagen:

„Hinter jedem mächtigen Mann steht eine noch mächtigere Frau“

und

„Hinter jeder mächtigen Frau steht ein noch mächtigerer Mann“

nach Aussage und Bewertung symmetrisch seien oder nicht. Meine Ansicht war, natürlich sind sie symmetrisch. Die Ansicht des Diskussionsgegners: Beide Aussagen sind frauenfeindlich!

Es verhält sich mit dieser Behauptung ebenso wie mit zahllosen anderen Fällen, wo einer Handlung, einem Gegenstand, einer Aussage Frauenfeindlichkeit unterstellt wird. Da räkelt sich ein sechsjähriges Mädchen auf einem Werbeplakat für (Kinder-)Herbstmode: Das ist natürlich Sexistisch und obendrein auch noch Kinderpornographie. Da macht jemand einen Witz, in dem eine Fellatio erwähnt wird: Frauenfeindlich! Jemand spricht nur von Professoren, nicht aber von Professorinnen: Diskriminierend! Allen diesen und ähnlichen Fällen ist gemeinsam, daß sie durch Verweis auf eventuell bestehende Symmetrien oder Balancen nicht widerlegt werden können. Räkelt sich auf einem anderen Plakat anstelle des Mädchens ein Junge, ist es erstens immer noch Kinderpornographie (wahrscheinlich muß man Erwachsene in Kinderklamotten stecken, wenn man Werbung für Kindermode machen will), zweitens aber bleibt der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit bei der Abbildung des Mädchens bestehen. Warum? Weil Frauen nunmal diskriminiert werden, Männer nicht. Der Hinweis, es gebe auch Witze über den Cunnilingus verfängt ebensowenig. Beides, Witze über Fellatio wie solche über Cunnilingus, sind, man ahnt es, frauendfeindlich. Warum? Weil Frauen diskriminiert werden, Männer nicht. Und schließlich ist der Einspruch, man müßte, wenn man schon Gleichberechtigung wolle, dann ja außer den Professorinnen und Richterinnen und Politikerinnen auch immer Pennerinnen, Mörderinnen und Alkoholikerinnen explizit nennen, nicht gerechtfertigt, weil, wir wissen es schon, Frauen benachteiligt werden. Zu dem Einwand, es heiße ja auch invariabel die Kraft, etwa in Führungskraft, Fachkraft, Spitzenkraft, ganz zu schweigen von der Person, die immer weiblich sei, kommen wir schon gar nicht mehr. Nein: Es ist ausgemacht: Frauen werden benachteiligt, Männer nicht. Und deswegen ist der vorliegende Fall, äußerliche Symmetrie hin oder her, doch wieder eine Instanz der Diskriminierung, Benachteiligung, Falschdarstellung etc von Frauen. Dann nützt auch der Hinweis nichts mehr, es gebe ja nicht nur Blondinenwitze, sondern auch Mantafahrerwitze. Es ist zu vermuten, daß selbst Fußballerwitze frauenfeindlich sind.

Das Problem ist: All die oben angeführten Fälle können nicht mehr zum Nachweis der Benachteiligung dienen – und damit auch nicht zu dessen Widerlegung. Aus dem allgemeinen Diktum der Benachteiligung kann auf jeden beliebigen Spezialfall geschlossen werden. Da die Benachteiligung, Diskriminierung, Verachtung etc von Frauen schon immer besteht, läßt sich jeder Einzelfall, und sei er auch symmetrisch zu Lasten von Männern ausbalanciert, als Bestätigung dieses Diktums auffassen. Am Ende wird man noch die Lohnangleichung für weibliche Mitarbeiter als herablassende Geste des Patriarchats diskreditieren.
Damit wird aber die „Frauenunterdrückung“, die „feindliche Haltung gegenüber Frauen“ von konkreten Beispielen und Instanzen abgelöst und bekommt eine diffuse, nicht mehr wirklich greifbare Wolkigkeit. Es ist dann nicht mehr die konkrete Ungerechtigkeit bei den Löhnen oder Versicherungen, nicht mehr die vorzeigbare Begünstigung von Männern bei Einstellungen, sondern es ist nur noch die Diskriminierung der Frauen, auf die, wenn man sie mal in dieser diffusen Weise etabliert hat, interpretierend rekurriert werden kann: Da ja Frauen allenthalben und überhaupt unterdrückt werden, ist dieses und jenes nach Inhalt und Struktur symmetrische Verhältnis in Wahrheit (in der Wahrheit der Feministinnen wenigstens) asymmetrisch zuungunsten der Frauen. Das Kind auf dem Plakat, der Fellatio-Witz, sie sind Instanzen der Frauenfeindlichkeit nicht deshalb, weil in ihnen eine tatsächliche Darstellung von Macht- und Unterdrückungsverhältnissen aufschiene und ein fragwürdiges Machtgefälle damit semantisch einzementiert und bestätigt würde. Nein: für sich selbst neutral und symmetrisch, beziehen diese Fälle ihre vermeintlich diskriminierende Kraft lediglich aus dem Hintergrund einer Folie, wo schon die allgegenwärtige Frauenfeindlichkeit der Gesellschaft behauptet wird.
Also kann die Frage, warum oder worin die eingangs angeführten Aussagen nicht symmetrisch, mithin beide frauenfeinlich sind, nur unter Rekurs auf eben die Frauenfeindlichkeit selbst beantwortet werden, und damit wird die Aussage zirkulär.
Das wirklich perfide an dieser Zirkularität ist daher ihre Immunität: Gilt erst einmal das Diktum von der Frauenfeindlichkeit, kann es mit Beispielen, die eine Gleichheit oder eine Symmetrie aufzeigen, nicht mehr widerlegt werden: Denn jede vermeintliche Symmetrie entpuppt sich hopplahopp doch nur wieder als Bestätigung der zugrundeliegenden, durch die allenthalbe Unterdrückung zustande gekommenen Asymmetrie. Das erinnert an jene scherzhaften Bürogesetze, die oft die Schreibstuben mancher Verwaltungskraft zieren: § 1: Der Chef hat immer Recht. § 2: Sollte der Chef einmal nicht recht haben, tritt automatisch § 1 in Kraft.

Ich habe mich in diesem Zusammenhang vor kurzem einmal mit einer Frau über die (vermeintlich oder echt) einseitige Darstellung von Frauen in Filmen gestritten. Es ging dabei im Zusammenhang mit dem sogenannten Bechdel-Test um die Frage, ob Frauen in Filmen überwiegend männerbezogen dargestellt würden oder nicht. Darüber gibt der Bechdel-Test vermeintlich Auskunft. Die Testkriterien sind: 1. Es müssen zwei Frauen, die einen Namen tragen, mitspielen. 2. Diese Frauen müssen miteinander reden und zwar 3. über etwas anderes als Männer. Die Frage, die sich sofort stellt, zielt wieder auf die Symmetrie ab: Warum werden Frauen, die sich im Film über Männer unterhalten, männerbezogen dargestellt („über Männer definiert“), während Männer, die sich im Film über Frauen unterhalten, keinesfalls über Frauen definiert werden? Und weiter: Warum werden Frauen, die sich über die Beschleunigungswerte der Formel-1-Rennwagen unterhalten, nicht über Autos definiert, während sie, unterhalten sie sich über Männer, über Männer definiert werden? Antwort der Diskussionsgegnerin: Weil es furchtbar viele Filme gibt, in denen Frauen über Männer definiert werden und furchtbar wenige, in denen sie über ihre Hobbys definiert werden. Die Ergebnisse des Bechdel-Tests sind, wie alle anderen absurden Nachweise der Geschlechterasymmetrie zuungunsten der Frauen, unwiderlegbar. Frauen werden über Männr definiert, weil Frauen über Männer definiert werden. X ist frauenfeindlich, weil die Gesellschaft frauenfeindlich ist, Punkt. Dem Vorwurf der Frauenfeindlichkeit läßt sich dort mit keinem Verweis auf eine Symmetrie mehr begegnen, wo Symmetrie a priori für ungültig erklärt wird.

Eine Freude allerdings bleibt: Selbst in einem Film über, sagen wir, die Suffragetten oder über Ethel Smythe, und sei der Streifen noch so ausgewogen und unbiased, müßten die Protagonistinnen, und seien sie auch in der Wolle gefärbte Feministinnen, über Männer sprechen.

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§ 3 Antworten auf Asymmetrien, Zirkelschlüsse und der Bechdel-Test

  • Köppnick sagt:

    Der viertbeste Beweis der Frauenfeindlichkeit ist die längere Lebenserwartung der Frauen. Sie werden, völlig gegen ihren Willen, zu längerer Knechtschaft auf Erden gezwungen. Der drittbeste Beweis der Frauenfeindlichkeit wäre eine kürzere Lebenserwartung der Frauen. Völlig entkräftet würden sie ins Grab fallen. Der zweitbeste Beweis der Frauenfeindlichkeit ist, dass sie zum Zeugen von Mädchen einen Mann benötigen. Aber der erstbeste Beweis der Frauenfeindlichkeit der Männer ist, dass sie sich als kleine Jungs von Frauen gebären und dann eigennützig großziehen lassen! Gibt es eine unverschämtere Form der Ausbeutung der Frauen durch Männer?

  • sakra sagt:

    Ach, schön! Jetzt muss ich doch noch kurz meinen Senf dazugeben, auch wenn das Deiner Argumentation entgegenkommt (aber ich streite mich auch gar nicht :-P): Es werden einfach viel öfter Frauen über Männer definiert als Männer über Frauen, und zwar auffällig oft in Hollywood-Filmen. Feldforschungen meinerseits haben ergeben, dass das z.B. in Tatorten extrem viel weniger vorkommt, in Büchern schon mal gar nicht etc pp. Es ist eben auffällig, wie Frauen wo dargestellt werden. Finde ich gar nicht absurd.

  • Talakallea Thymon sagt:

    REPLY:
    Ich freue mich über jeden Senf!

    Gegen Zahlenmaterial ist natürlich nichts einzuwenden. Daß der Bechdel-Test in einer bestimmten Filmsparte auffällig häufig nicht bestanden wird, sollte einem zu denken geben.

    Oder vielleicht auch nicht. Denn eines ist es, einen solchen Test zu formulieren. Etwas anderes ist es aber, Schlüsse aus den Testergebnissen zu ziehen. Es bleiben da noch drei Ungereimtheiten, wie ich sie ja schon in unserem Streitgespräch unserer Diskussion zu bedenken gegeben habe:

    1) Es fehlt eine eindeutige Diagnostik des Definiertwerdens-über-X. Über Männer zu sprechen steht ja wohl jeder Frau zu, ohne deshalb in den Verdacht zu geraten, über Männer definiert zu werden. Aber nehmen wir einmal an, daß gilt: Spricht A in einem Film über X, so ist A in der Darstellung über X definiert. Dann ist doch völlig unklar, warum Frauen in diesen Filmen nicht über alles andere genausogut definiert sein sollten wie ausgerechnet über Männer. Das heißt, Frauen, die über Sportwagen plauschen, müßten dann über Sportwagen definiert sein. Sind sie aber nicht (oder?). Das Sprechen-über kann also als diagnostisches Kriterium nicht allein genügen. (Und was soll das überhaupt heißen „definiert werden über“? Mir scheint das ein Modewort ohne viel Inhalt zu sein.)

    2) Bevor man über das (vermeintlich oder tatsächlich) einseitige Bild der Frau im Film lamentiert, darf man sich ruhig auch Gedanken über das einseitige Bild des Mannes im Film Gedanken machen. Diesen Punkt hast du in unserer Diskussion ja selbst erwähnt. Hier stimmen wir überein.

    3) Mit dem zweiten Punkt in engem Zusammenhang steht folgender Einwand: Wenn Frauen, die im Film über Männer sprechen, über Männer definiert werden, dann muß das auch für Männer gelten, die in Filmen über Frauen sprechen. Und hier kommt eben die „Immunisierungsstrategie“ zur Anwendung: Da das Geschlechterverhältnis sowieso und überhaupt asymmetrisch ist, gilt vor dem Hintergrund der Asymmetrie eben nur ersteres, und Männer können in Filmen über Frauen quaken soviel sie wollen, sie sind nunmal nicht über Frauen definiert.

    4) Der Test scheint mir ein willkürliches Kriterium anzuwenden und daher wenig Aussagekraft zu besitzen: Es ließen sich doch Filme denken, die ein clichéhaftes Frauenbild zeichnen, ohne daß die auftretenden Frauen über Männer sprechen müßten. Ein Film könnte beispielsweise zwei dumme Hühner zeigen, die nichts als Diäten, Klamotten, ihr PMS und Horoskope im Kopf haben. Und das wäre dann das einzige, worüber die beiden reden. Umgekehrt läßt sich ein vielschichtiges Frauenbild zeichnen, auch wenn man Frauen über Männer sprechen läßt: Man denke an die Filmbiographie einer Historikerin, die über Dschingis Khan oder die Päpste forscht. (Überhaupt sind ja Männer nicht gleich Männer. Ein Gespräch über den Lover in spe scheint mir etwas ganz anderes zu sein, als beispielsweise ein Gespräch über den Papst oder Sokrates.)

    Und schließlich ist vielleicht weibliches und männliches Verhalten tatsächlich verschieden. Vielleicht reden Frauen gerne über ihre jeweiligen Beziehungen (zu Männern wie zu Frauen; und mit Männern wie mit Frauen!), Männer mit Männern eher nicht. Insofern ein Film gar nicht vielschichtig sein, sondern das Typische darstellen will (aus welchen Gründen auch immer), muß er die vorgefundene Wirklichkeit darstellen, ob uns diese Wirklichkeit nun gefällt oder nicht. Ich sage nicht, daß die Wirklichkeit so ist. Aber man sollte es nicht von vorneherein ausschließen. Es ist natürlich nicht schön, wenn die Medien schon genau zu wissen glauben, wie die Frauen sind. Aber genauso unangenehm ist es, wenn sie bereits genau wissen, wie die Männer ticken.

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