Im Zug

27. Oktober 2010 § 4 Kommentare

„Setzen Sie sich doch woandershin, wenn Sie mein Telephonieren stört.“
Schon in der bloßen Tatsache seines Geäußertwerdens Entrüstung hervorrufend, ist dieser Satz erst recht dann eine Unverschämtheit, wenn man vermuten muß, daß der, der ihn äußert, in totaler Verkennung sowohl der Regeln gepflegten Miteinanders als auch der Bedürfnisse und Empfindlichkeiten der Mitmenschen ihn tatsächlich auch so meint – und sich darüber im Recht wähnt, einem absonderlichen Recht, stören zu dürfen, wen und wann immer man will.
„Setzen Sie sich doch woanders hin.“ Das dreht alles auf den Kopf, was man über das subtile Arrangement, das Menschen miteinander treffen, um die aufgezwungene Nähe zueinander im öffentlichen Raum einigermaßen erträglich zu halten, aufzuzählen nur imstande wäre: Nämlich jenes Arrangement, das man Rücksichtnahme nennt, und zu dessen Grundsätzen eben auch zählt, was man als das Verursacherprinzip bezeichnen könnte: Nicht, wer sich gestört fühlt, trägt die Verantwortung für die Spannung einer Situation, sondern derjenige, der bereit ist, andere zu stören, und sei es auch nur unwissentlich.
„Setzen Sie sich doch woanders hin“ bedeutet: Es ist mir egal, daß Sie sich gestört fühlen. Sehen Sie zu, wie Sie damit fertig werden, daß ich Sie störe. Wenn es Sie stört, dann deshalb, weil Sie sich gestört fühlen. Folglich ist das Ihr Problem, nicht meines.
Möglicherweise fällt dann auch noch der im Zuge der Nichtraucherdebatte bekannt gewordene zynische Satz: „Es stört mich ja auch nicht, wenn Sie schweigen“. Und das ist dann die endgültige Absage an jede Form zivilisierten Umgangs. Es ist zynisch, falsch und unverschämt und mißachtet wissentlich und in vollem Bewußtsein der eigenen Frechheit, daß eine Ursache und das Fehlen einer Ursache keinesfalls äquivalent sind. Man kann sich nicht von einem Nichtsein gestört fühlen. Es sind viel mehr Dinge nicht, als daß Dinge sind. Darunter müßte es, der frechen Logik der unbeirrten Störer zufolge, ja unzählige Dinge geben, die durch ihre Abwesenheit stören. Welche mögen dies sein? Wer so auftritt, so in völliger Überzeugung der eigenen Unangreifbarkeit, hat jede Einsicht in Argument und Arrangement abgelegt. Schlimm genug, wenn einer in solcher Situation sich noch auf irgend ein Recht glaubt berufen zu können (als ginge es hier um Recht! Oder als bedürfe auch noch der letzte zwischenmenschliche Umgang einer behördlichen oder richterlichen Regelung) und sogleich lautstark anfängt zu krähen, er dürfe aber hier stören. Wer solcherart kräht, der verkennt, daß nicht alles, was man darf, auch jederzeit eine gute Idee ist. Auch der, der gestört wird, kann sich ja auf kein Recht berufen. Wenn er überhaupt wagt, den Mund aufzumachen, dann nur in Form eines Appells: Nämlich an die rücksichtnehmende Einsicht seiner Zeitgenossen, die ihrerseits vielleicht auch einmal auf ein solches Gewähren und Nachgeben angewiesen sein werden.
Nun läßt sich natürlich die Situation auch von der Warte des Telephonierers deuten und sein Beharren als Appell auffassen, nämlich an die wohlmeindende Rücksicht der anderen Fahrgäste, die ihrerseits vielleicht auch einmal in die Lage geraten werden, ein Gespräch führen (und damit andere stören) zu müssen oder zu wollen. Es ist wie beim Autofahren: Lärm, Gestank, Behinderung, Gefahr, Zupflasterung und Zerschneidung der Landschaft – alles das wird stillschweigend toleriert, weil (aber nur solange!) eine große Mehrheit der Menschen selbst Auto fahren will, und damit die Nachteile, weil sie sie selbst mit verursacht, in Kauf zu nehmen bereit ist. Schwierig wird es nur für diejenigen, die den Vorteil (Autofahren, Telephonieren) nicht nutzen – denn ihnen wird trotzdem ihr voller Anteil an den Nachteilen (Lärm, Gestank, die Unruhe fremder Gespräche) zugemutet.
Dies war nun schon das zweite Mal innerhalb von vierzehn Tagen, daß mir dieses Erwiderungsmuster („Gehen Sie doch woanders hin!“) begegnet. Wer dann woanders hingegangen ist, war weder die Telephoniererin noch die Beschwerdeführerin, sondern ich. Auseinandersetzungen dieser Art ertrage ich nicht einmal als Zeuge.

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§ 4 Antworten auf Im Zug

  • en-passant (Gast) sagt:

    Und man kann nicht entscheiden: Ist das ein weiteres Anzeichen für die allgemeine neue Barbarei (die es durchaus gibt: man braucht nur in seinen Fernseher zu schauen). Oder ist das eben das, was heutzutage zu den immer geläufigereren Zumutungen mit gleichfalls immer mehr genervten Zeitgenossen gehört.

    Hinzu kommt aber die offene Idiotie: Man sperrt eine Verkehrszeit für die Fahrradmitnahme – und jemand niemand einfach den Platz für vier ein und sperrt verächtlichen Blicks Auges zwei Türen. Man weist einen ganzen Bahnhof als Nichtraucherort aus – und es wird einfach ignoriert. Usw. Wieso soll man da noch, bei allem Wissen um die stets „unscharf“ funktionierende Welt, an geregelte Verhältnisse, an eine Vernunft letztlich glauben?

    Und man kann nicht immer nur weggehen. Ohne dramatisieren zu wollen: Mein Gefühl ist, obwohl es mir widerstrebt, man muss sich irgendwann solcher Gegnerschaft stellen, weil sie etwas ganz Grundlegendes berührt. Und ich merke manchmal, in mir wächst eine gefährliche Lust dazu.

     

  • Talakallea Thymon sagt:

    REPLY:
    Einerseits wird immer wieder der Verlust zivilisierter Umgangsformen beklagt; andererseits muß man mit solchen Klagen, da sie seit Beginn schriftlicher Überlieferung fast zu jeder Zeit nachweisbar sind, vorsichtig sein. In manchen Bereichen sind die Verhältnisse ja auch besser geworden, man denke ans Rauchen: Der Streit um die Zumutbarkeit oder Nichtzumutbarkeit der öffentlichen Verbrennung von Pflanzenmaterial scheint abgeschlossen zu sein. Natürlich ging es wieder einmal nicht ohne Verbote — aber die Einführung überhaupt solcher Verbote ist ja doch Ergebnis eines gesellschaftlichen Wandels. Die Mehrheit raucht eben nicht mehr.

    Viele der Zumutungen, deren (vermeintliche oder echte) Zunahme Sie und ich beklagen wollen, sind dagegen ganz allein auf neue Möglichkeiten rüpelhaften Benehmens zurückzuführen. In der Zeit, die Sie und ich vielleicht als zivilisierter empfunden haben, gab es eben noch keine tragbaren Klangwiedergabegeräte im Streichholzschachtelformat, ebensowenig wie Mobiltelephone.

    Daß Verbote einfach ignoriert werden, bringt mich auch maßlos auf — überraschenderweise auch dann, wenn ich das Verbot an sich sinnlos finde, wie beispielsweise das Raucherverbot in Bahnhöfen — unter freiem Himmel! Was mich dann ärgert, ich gebe es gerne zu, ist das reine Faktum, daß da einer eine Regel mißachtet. Auch wenn mir an der Regel gar nichts liegt. Vielleicht, weil man aus solcher Mißachtung auf weitere Überschreitungen derselben Person schließen darf, die einem dann nicht mehr egal wären. Und schließlich die „geregelten Verhältnisse“, die durch solche Mißachtung immer in Gefahr sind.

    In welcher Form würden Sie sich, wenn Sie die gefährliche Lust schließlich überkommt, solcher Gegnerschaft stellen? Ich habe mal auf diesen Seiten von einer Phantasie geschrieben, in der ich einem dieser unsäglichen MP3-Krachmacher das Ding einfach entwende und aus dem Zugfenster werfe. Aber abgesehen davon, daß die heutigen Züge ja keine Fenster zum Aufmachen mehr haben, würde es sich ja dann doch auch nur wieder um einen Akt der Barbarei handeln. Wir wollen nicht hoffen, daß Barbarei die einzige Antwort auf Barbarei ist.

  • en-passant (Gast) sagt:

    Ja, das alles ist auch zweischneidig: Die Regel an sich kann ja durchaus zur Bedrohung gegen mich werden. (Ich erinnere mich gut an meine Zeit als Raucher und die Not auf Langstrecken-USA-Flügen etwa – ich habe wirklich gelitten!)

    Überhaupt ist mir dieser Zug ins Gouvernmentale (besonders bei uns, so kommt es mir immer vor) sehr suspekt. Aber stärker ist vielleicht diese Drohung, ein mindestgeregeltes Gemeinsames zu verlieren, eine Zivilität, die eben Regelbrüche gewissermaßen (in geringen Maßen) auch wieder verständlich / nachvollziehbar werden lassen kann. – Die Welt ist unscharf in ihrem Funktionieren.

    Erst dann also könnte man auch mal die Übertretung tolerieren – weil sie die Zivilität ja auch wiederum deutlich macht; überhaupt sind Grenzen, Grenzsetzungen vielleicht an sich intelligibel und notwendiger als wir glauben. Kann sein, sie müssen täglich geübt werden, immer wieder behauptet.

    Geht es also nur um die spezielle Dummheit der neumodischen Übertretungen? Ich vermute aber, was da aufgekündigt wird, geht, soll weiter gehen. Zumindest ist das die Empfindung auch von anderen, die ich dazu befragte: Das Mutwillige, der Zug in die Gewalt des Störers stört daran.

    Und da beginnt dann für mich eine – relativ neue – Verlockung: Meinerseits verachtungsvoll zu sein, meine Selbstbeherrschung aufzukündigen – dass es vielleicht seinerseits zu so etwas wie einem „Freiheitsgewinn“ wird. (Das erfolgt natürlich in der Situation nicht überlegt. Aber hinterher denke ich manchmal: Was wäre schon passiert außer einer blutigen Nase? Vielleicht dafür aber die Genugtuung, sich einmal so etwas vom Hals zu schaffen, statt immer nur zu unterliegen und die Wut mit sich zu nehmen. Dass die Zivilität also auch „Härte“ fordern kann – sie muss ihre eigenen Grenzen kennen, bzw. die, wo sie versagt.)

    Es ist natürlich noch komplizierter, aber es läuft darauf hinaus: Der Punkt, wo es physisch werden muss – nicht heroisch, aber doch sich „befreiend“. So zumindest die mich versuchende Ahnung, das eigene Gebundensein an ein „Recht“. Jedenfalls erfahre ich meine Überlegenheit, stets im Disput zu gewinnen als sinnlos, wenn das nicht (mehr) die relevanten Formen der Auseinandersetzung sind.

    (Und ich glaube, daher kommt hiererorts ein Großteil des Unbehagens mit den Migrationskulturen – die sind noch ganz selberverständlich bei ihren physischen Handlungsformen. Und deshalb „unterliegt“ die vermeintlich avanciertere Kultur so oft und fühlt sich schwach und werttlos an. Und das wäre ein weiterer Punkt des Unbehagens heute.)

     

  • […] wenn andere Leute nicht rauchen. Sie ist verwandt mit dem Selbstbewußtsein von Leuten, die erst Lärm machen und einen dann auch auffordern, woanders hinzugehen, wenn man seinem Unmut über den Lärm […]

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