Iura iuventutis

11. April 2011 § 3 Kommentare

Deine Bemerkung über die Zumutungen des Bürgerlichen hat mir die Augen geöffnet. Ich habe etwas übersehen oder nicht damit gerechnet, als ich diese meine Lebensweise gewählt habe: Daß es ein Alter gibt, wo Extravaganzen, Experimente und Ausscherungen aus der Normalität in den Augen der Gesellschaft ok sind, ja sogar erwartet und manchmal auch bewundert werden; daß damit aber irgendwann Schluß ist. Damit habe ich nicht gerechnet. Ein sechzigjähriger Aussteiger wird höchstens noch belächelt: Der Unverbesserliche! Meist wird er bedauert: Armer Tropf! Oder verachtet: Gescheiterte Existenz! Dann heißt es womöglich von ihm, er sei halt nicht erwachsen geworden. Habe keine Verantwortung übernehmen wollen. Ein Spinner, ein Träumer, ein Phantast. Und was der Epitheta mehr sind. Den Konformitätsdruck, der solcherart ausgeübt wird, empfinde ich zunehmend selbst, oder besser, er macht mir immer mehr etwas aus, er geht mich immer mehr etwas an, er zielt immer mehr auf mich. Aber von wem geht dieser Druck aus? Wer übt ihn aus? Wer rümpft die Nase über meine Lebensweise? Das schlimme ist: Niemand anderes als ICH SELBST. Denn meine eigene Lebensform, begegnete sie mir in anderen, wäre mir sogleich suspekt. Was ist das für ein komischer Kauz? Ist der vielleicht nicht ganz richtig? Macht der sich nicht selbst was vor? Belügt der sich nicht selbst, um sein Versagen nicht sehen zu müssen? Der komische Kauz mit der Lebenslüge indes, das bin ich selbst. Und manchmal möchte ich mich dafür hassen. Das ist die eine Seite.

Die andere ist: Wenn Lebensalternativen nur der Jugend frommen, wenn jeder Ausbruchsversuch, jedes Inanspruchnehmen der eigenen Freiheit nur an ein ganz bestimmtes Alter gebunden ist, dann führt sich der Begriff der Alternative selbst ad absurdum. Dann ist jeder solche Versuch des Nonkonformismus von Vorneherein schon wieder konform: als Teil des gebilligten Spiels. Dann ist die Alternative immer nur ein Spiel, ein Als-ob, eine Inszenierung. Dann heißt es, einer stößt sich die Hörner ab oder lebt seine Jugend aus. Wie süß! Aber wehe, jemand wagt, ernst zu machen, und das heißt: Die Sache durchzuziehen: Dann spricht man von einem Altkommunisten oder Altachtundsechziger oder einem unverbesserlichen Altöko oder sonst einem nur noch mit der Vorsilbe Alt- beizukommenden Menschentyp, und den findet keiner mehr lustig und schon gar nicht süß. Den findet man nur noch peinlich. Abgesehen von der Frage, wie man es anstellen müßte, auch als 70jähriger Kommunenbewohner noch ernst genommen zu werden in der eigenen Absicht und Lebensplanung, frage ich mich für mich selbst: Was ist los mit mir, daß ich den Abstand dazu nicht schaffe und immer mehr mit mir selbst ins Unreine gerate? Ich habe mich doch gut eingerichtet in meiner Nische, ich könnte zufrieden sein. Warum bin ich es nicht? Warum habe ich einen Blick auf andere, unter dem ich selbst zur fragwürdigen Existenz schrumpfen muß?

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§ 3 Antworten auf Iura iuventutis

  • Strigops habroptilus sagt:

    REPLY:
    Nachtrag:
    Natürlich kann man die erfolglose Alternative auch als Aufgabe verstehen, sich mit dem Nach-Innen-Leuchten zufrieden zu geben, zum Frieden kommen zu können damit.

  • en-passant (Gast) sagt:

    Die Nische selber ist ja schon eine Alternativlosigkeit. Und von daher habe ich auch ständig irgendwelche Verdachtsmomente gegen das, was mir selber die Hälfte der Zeit doch als gelungen erscheint – gelungener jedenfalls als die vermeintlich strahlenderen Versionen des Gelungenen („Erfolg“).

    Ich vermute, es hat etwas mit dem Sozialen zu tun, das sich über die Jahre eben doch ausprägt und währenddessen etwas verhärtet: Einem im geronnenen Urteil als die eigene Verminderung an Alternativen erscheint. Wie sollte es aber sonst gehen?

    Irgendwann hat man halt kleine Lust mehr, Alternativen zu bedenken, die man zwar nicht ausprobioert, aber doch für sich evrworfen hat – kann sein, sie behalten in eben ihrem Rest an Ungelebtem auch ihre Unruhe, und man muss sich gegen sie manchmal aufwändig wappnen.

    Die Vorsilben „alt“ habe ich noch vor mir, aber sie schrecken mich gar nicht. Wenn ich sehe, wie armselig mir das Jugendliche heute oft vorkommt, wie limitiert in sich selbst – jedenfalls ohne das Pathos der Jugend(bewegungen) „damals“, als alles beschissener war, ich viel unglücklicher war aber doch so etwas wie eine Geschichte hatte. Ich sehe sie heute nicht (zumindets nicht, bei den Jugendlichen, denen ich heute nahekomme: Da haben sie alle SOOOO viele mehr Möglichkeiten, doch kaum jemand nutzt sie bzw. kann in dem Gewohnheit gewordenen Mehr etwas Eigenes daraus schöpfen.

    Ich glaube, man sollte nur ein Augenmerk darauf haben, das als eigen Verstandene gegen das andere, das, was einem nicht mehr offen steht auszuspielen. Tatsächlich haben sie, außer manchmal in Gedanken behandelt zu werden, kaum etwas miteinander zu tun. Womöglich sidn es nur Effekte der Ungleichzeitigkeit und dem medialen Jugendwahn, der so viele unter Druck setzt, dem sichtbar Falschen zu folgen, weil es mehr Glamour hat.

  • Strigops habroptilus sagt:

    REPLY:
    Die Alternative war so lange aufregend, wie sie noch eine Alternative war, weil sie gegen andere Entwürfe stehen durfte. Solange nämlich diese anderen Entwürfe noch möglich waren.

    Einerseits sollte ich mich dazu anhalten, immer wieder die Gründe zu betrachten, die vor ein paar Jahren zu dieser Wahl geführt haben, und mir zu sagen, daß es doch gute Gründe waren. Andererseits aber habe ich mir damals mehr davon versprochen. Was ich als Ziel des Ganzen ins Auge gefaßt habe, ist mir nicht gelungen, das Buch liegt immer noch unvollendet in Fragmenten herum, eine Fertigstellung scheint fraglich, von einer Veröffentlichung ganz zu schweigen. Erfolg, klar, das ist es. Erfolg muß man haben. In einem Bestseller heißt es „Vergleichen ist der beste Weg, sich unglücklich zu machen“. Kann sein. Aber sich nicht zu vergleichen, ist der zweitbeste. Ohne Vergleich kein Stolz. Und ohne Stolz, glaube ich, geht es nicht. Immer nur für sich selbst leuchten, ist kein Ausweg. Man braucht auch die Bewunderung der anderen. Nicht die Anerkennung, die Bewunderung.

    Ganz gleich, was man für sich erreicht oder nicht, es ist etwas Wahres an dem Wort, „wer angibt, hat mehr vom Leben“. (cum grano salis) Ich kenne eine ältere Frau, die meisterlich Klavier spielt. Aber nie für andere, nie vor Publikum. Technisch ist sie, wie ich vermuten darf, fast perfekt. Und so sitzt sie alleine in ihrem Wohnzimmer und spielt sich selbst eine Beethovensonate nach der anderen vor. Nicht einmal Freunde lädt sie dazu ein.
    Ich finde das wahnsinnig traurig.

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