13. Dezember 2011 § Ein Kommentar

Traurig: Die Gestalten, die morgens um neun im Jogginganzug an der Supermarktkasse stehen und eine Literflasche mazedonischen Rosé mit Leergutquittungen bezahlen. Die Kapuze über dem Kopf, bemühen sie sich, unsichtbar zu werden, als hätten sie sich im Nachthemd in die Oper verirrt, dabei würdigen sie die Flasche Wein auf dem Kassenband keines Blickes, als gehörte das da nicht zu ihnen, als wäre es anderer Leute Ware. (Erst nach dem Verrechnen der Bons greifen sie danach, wie unschlüssig, ob sie‘s mitnehmen sollen oder nicht. Und wenn sie es dann tun, dann hat das die Beiläufigkeit, mit der man sich einen Krümel vom Ärmel schnippt, wenn sie schonmal da liegt, dann kann man sie ja wohl auch mitnehmen, nicht? So bekommt die Beiläufigkeit fast noch einen Anhauch von kindlichem Trotz) Im Jogginganzug zu stehen und zu warten, da dauert es besonders lange. Unerkannt der Blick aus den Höhlen des Kapuzenpullis. Eine Jogginghose als Sinnbild des ganzen Lebens: Zerknautscht, schlabberig, befleckt, hängt es einem ständig auf halb acht. Immer die Hand am Bund, in einem ziehenden, festhaltenden Impuls. Ausgeleiert und ausgebeult an Stellen geschwundenen Fleisches, kriegt man es einfach nicht in den Griff. Abgemagert paßt man nicht mehr hinein ins eigene Leben, ist es zu groß geworden, mit seinen nicht enden wollenden Jahren.

 

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