16. Februar 2012 § 6 Kommentare

Musik im Kopf, und die Landschaft unaufhaltsam. Bewegung, Bewegung. Aufbruch und Zwischenreiche. Die Atemlosigkeit der Bahnsteige. Beton. Schienen und Beton, geborstene Erzählungen. Gräben, in die Stücke vom Horizont hineintauchen. Klang und Land im Kopf, einander widerstreitend. Lärm: der Schmerz der Entfernungen. Diese Heimfahrten immer, ihres Namens nicht würdig. Ich komme nicht nach Hause. Weil ich nicht daheim bin daheim.

Das Bild von Vater und Mutter im Flur. Winken am Fenster. Nachher, beim Auspacken aus der Reisetasche, werden die Kleider noch nach dem anderen Zuhause riechen, in meiner Wohnung nach ihrer Wohnung, nach der Wärme der Küche und dem Dampf auf dem Herd, nach Wein und schöner Seife und Willkommensein. Vier Nächte Schlaf, Wange und Stirn dem behutsamen Raum überlassen. Vor dem Einschlafen der letzte Blick hoch zu den wachenden Titeln der Bücher. Mittags den Schlüssel immer ohne Angst ins Schloß stecken.

Musik im Kopf, ein Zwang. Unter blitzschönen Himmeln wuchert fremdes Land ins Weite, wo Hochhäuser am Horizont schaben. Zahlenspiele der Krähen und Elstern. Schatten winden sich um die Hecken. Minutenlang nur Felder hinter dem Spiegel der Scheiben. Land und Land und Land. Die Einsamkeit der Telegraphenmasten in diesem blauen Triumph von Flächen, das macht mich ganz traurig. Wie diese Bögen aus Draht weiterschwingen und vervielfachte Weiten verknüpfen müssen und niemals ans Ende kommen, um Nachricht zu werden, Stimme und Wort.

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§ 6 Antworten auf

  • Wie wunderbar geschrieben! Ja, der stille Geruch von feiner Seife und Willkommensein und die Hand, die zum Abschied winkt, das sind kleine Dinge, die das Herz berühren. Denn tief im Inneren ist man sich bewusst, dass dies etwas sehr Kostbares ist, denn eines Tages werden diese Dinge verschwunden sein. Oder man selbst.
    LG von Rosie

  • Lakritze sagt:

    Die eine, alte Heimat fehlt mir schon so lange, daß sie mir eigentlich gar nicht mehr fehlt; aber Sie sind da ein guter Reiseführer.

    Wunderbarer Text; das auch.

    • Solminore sagt:

      Sie werden lachen: Die Reise ging tatsächlich ein Stück weit an Rheinhessen vorbei.

      • Lakritze sagt:

        Das ist typisch; Rheinhessen zeigt sich meist nur hinter Auto- oder Zugfensterscheiben. (Die Rheinstrecke?)

        Ich glaube übrigens nicht an Heimatlosigkeit. Wurzelnschlagen ist ein vitaler Trieb; es braucht nicht viel dafür. Und die Seele ist erfinderisch, wenn’s um Heimaten geht.

        • Solminore sagt:

          Sie haben recht, früher oder später wurzelt man sich ein; ob man es will oder nicht, es geschieht einfach. Eines morgens erwacht man am fremden Ort, und er ist nicht mehr fremd.
          Trotzdem gibt es dieses Gefühl der Heimatlosigkeit, im wörtlichen wie auch in zahlreichen übertragenen Sinnarten. Heimatlos kann man sich sogar in der Heimat fühlen. Oder fremd beim liebsten Menschen. Oder fremd sich selbst. Bei sich selbst nicht daheim.

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