Binnenwandern

14. Juni 2012 § 7 Kommentare

Man wandert. Man geht, und schaut. Man trägt seine Blicke irgendwo hin, und, wenn man aufmerksam genug war, Landschaften wieder zurück. Striche Bögen, Wolkenbrauen können festwachsen im Inneren, Wurzeln schlagen im Geist und im Träumen, sich verwandeln, bis davon in der Weltgegend, im Außen, das man erkundete, nur mehr eine Art nüchternen Erkennungsrasters bleibt. Wo man war, mit Füßen, Blasen, Schweiß und zusammengekniffenen Augen, das ist ein Ort, an den man nicht zurückkehren kann. Denn man hat ihn mitgenommen. Nur mehr bei einem selbst existiert er und nur dort hat er Dauer.
Und entwickelt sich. Lebt: So wird es unmöglich, sie wiederzufinden, diese Landschaften, vergebens, sie als das wiederfinden zu wollen, wofür in der Erinnerung zwar eine Art Suchanweisung existiert, die wohl wirklich ein Ergebnis liefert: Nur wäre es stets, wohin es auch geht, das falsche. Denn nicht die Erinnerung bleibt immer ein Stück hinter der wirklichen Landschaft zurück, sondern gerade umgekehrt verhält es sich: Die Landschaft bleibt hinter ihrer Imagination zurück, das Bild, von den die Bögen und den Horizonten bis vors Dickicht, die Brombeeren, das Sternkraut, der Baumstoß vor den eigenen Schuhen, das alles kann die einmal eingewurzelte Vorstellung davon nicht wieder erreichen, und umso weniger, je öfter der Wanderer sich betrachtend durch sie bewegt und den inneren Räumen Nahrung davon gegeben hat.
Wir möchten so weit gehen zu sagen: Die Landschaft existiert ausschließlich in der Erinnerung. Und dort existiert sie auf ihre verträumte, nicht ver- sondern geklärte und doch unklare, wandelbare Weise, voller Bezüge, reich an Verweisen, in sich selbst verschlungen, in fortlaufenden Verschachtelungen fortstrebend, in Kammern gegliedert, die einander enthalten und entäußern und dabei mehr sind als sie selbst, summend von Bedeutungen … So daß man, wenn man einen Ort wieder aufsucht, der einmal jene innere Landschaft ausgelöst und ausgetrieben hat, fassungslos ist darüber, daß da ja gar nichts stimmt.
Eine Landschaft ist im Kopf entstanden, die man in der Welt wiederzufinden sich anschickte; eine Landschaft, die gleichermaßen aus Büchern wie aus Hügeln und Tälern, ebenso aus Geschichten, Gedanken, Hoffnungen, Projekten besteht wie aus Fels, Stein, Weg, Aussichten und Panoramen. Doch die Schwünge und Bögen, die Winkel und die Quellen, die Wege und Strecken der inneren Landschaft sind in der Welt nicht auffindbar, ihnen entspricht dort nichts; sie sind eine Geschichte, während das, wohin man reisen, wodurch man schreiten kann, nur Raum, Fläche und Ausdehnung ist. Und vielleicht begründet sich darauf der Drang zum Schreiben: als eine Sehnsucht nämlich, das Innere ins Außen zu tragen und dort Landschaft werden zu lassen, eine solche Landschaft, die wir schon immer mit uns herumtragen und die wenn überhaupt nur auf dem Papier (und im Geist des Lesers) Wirklichkeit werden kann.

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§ 7 Antworten auf Binnenwandern

  • Lakritze sagt:

    Bin sprachlos. Kennen Sie das, die Worte aus dem Mund genommen zu bekommen –? … Nun gut, muß ich das nicht mehr aufschreiben.
    Der Effekt scheint beim Wandern viel größer zu sein als bei anderen Arten der Fortbewegung. Vielleicht lassen die der Phantasie nicht genügend Zeit, Eindrücke zu umwuchern.

    • Solminore sagt:

      Ja, kenne ich. Mir sind Leute, die das tun, immer etwas unheimlich 😉

      Ich denke, beim Wandern ist die Dichte der Eindrücke einfach am größten, weil alls so langsam geht und immer im Einklang mit unserem eigenen Maß ist, dem Maß der Geschwindigkeit, aber vielleicht auch dem Maß der Wahrnehmung. Rebecca Solnit nennt das „the mind at 3 mph“ und ist der Ansicht, daß das Denken beim Gehen ein anderes ist als beispielsweise beim Zugfahren.

      • Lakritze sagt:

        Ich war zugegebenermaßen kurz etwas ungehalten; immerhin hatte ich schon angefangen. ,)

        Rebecca Solnit kenne ich (noch) nicht; danke, auch von meiner Buchhandlung –!

  • Ja genau, „Die Landschaft bleibt hinter ihrer Imagination zurück“, denn Erinnern ist Rekonstruieren, sie ist nicht das „Abrufen“ gespeicherter Informationen. Erinnerungen sind bildsam und fehlbar. Sie verändern sich ständig durch das, was später an Erfahrungen hinzutritt. Wunderbar metaphernreich geschrieben!
    LG von Rosie

  • […] Ich habe es nicht geschafft, keinen Fotoapparat mitzunehmen, aber ich habe ihn kaum benutzt. Wege lassen sich nicht […]

  • […] Ich habe es nicht geschafft, keinen Fotoapparat mitzunehmen, aber ich habe ihn kaum benutzt. Wege lassen sich nicht […]

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