Orthographisches (3): Von Schwierigkeiten & Reformen

24. September 2012 § 12 Kommentare

In einem alten Spruch heißt es: Die Wiederholung ist die Mutter der Bemühungen (repetitio est mater studiorum). Das mag besonders dort gelten, wo das Ziel der Bemühungen weniger im Begreifen, als im wiederholten richtigen Handeln besteht, also dort, wo eine Fertigkeit so lange trainiert, eine Regel so lange angewandt werden soll, bis sie ganz verinnerlicht ist und ihre richtige Anwendung kein Überlegen mehr voraussetzt. Ein solcher Bereich ist etwa das Lernen unregelmäßiger Verben, oder etwa das Autofahren, wo die Wahl des richtigen Ganges, das Blinkersetzen, das Kuppeln nicht erst nach reiflicher Überlegung, sondern reflexhaft ausgeführt werden muß; es gilt für andere Tätigkeiten, wie Segeln, Klettern, Fallschirmspringen; und es gilt auch beim Schreiben, in der Anwendung von Orthographieregeln. Das Lernen fällt um so leichter, je zahlreicher die relevanten Situationen auftreten. Für die Bewohner einer Ebene ist das Am-Berg-Anfahren schwerer zu lernen als für den Fahranfänger, der in einer Bergregion fahren lernt, da die Situationen, in denen es eingeübt werden kann, für ersteren selten sind. Unregelmäßige Verben sind deshalb leicht zu erlernen, weil es gerade die häufigsten Verben sind, die Unregelmäßigkeiten zeigen, und man daher um ihren ständigen Gebrauch nicht herum kommt. Durch ihren häufigen Gebrauch aber prägen sie sich gerade ein.

Und in der Rechtschreibung heißt das, daß eine Schreibung um so schwerer anzutrainieren ist, je seltener sie vorkommt. Von daher ist es völlig abwegig, sich Gedanken über den Erwerb der Regeln für die Schreibung von s, ss und ß zu machen: Die Situationen, in denen diese Entscheidung gefällt werden muß, sind derart zahlreich, daß ihre reflexhafte Beherrschung bei einigermaßen regelmäßigem Schreiben nicht lange auf sich warten lassen wird. Die Schreibenden wußten vor der Reform, daß sie wußten, mußten, Mus, und Ruß schreiben mußten – ohne darüber nachdenken zu müssen, ebenso wie niemand beim Schalten darüber nachdenkt, in welcher Reihenfolge Kupplung, Gaspedal und Schalthebel in Gebrauch zu nehmen seien. Freilich wußte noch nie jemand, wie man Hawaii, Spaghetti oder Chicoree schrieb. Aber wer empfände es als Zumutung, als peinlich oder unwürdig, bei so seltenen und gefühlsmäßig „schwierigen“ Wörtern zum Wörterbuch greifen zu müssen?

Regeln wie die, wann welches S-Zeichen zu schreiben ist, haben daher keinerlei Vereinfachungsbedarf. Das Ziel des Schreibenlernens ist ohnedies nicht, die Regeln anwenden zu können, sondern unbewußt richtig zu schreiben, so wie man sich auch beim Autofahren nicht mehr Gedanken über die Reihenfolge von Kupplung und Gas machen darf. Und auch wäre es wohl ein mühsames Geschäft, bei jedem dass die Nach-Kurzvokal-kommt-Doppel-s-Regel zu memorisieren und anzuwenden. Schreiben lernen heißt automatisch richtig schreiben lernen.

Wer eine komplexe Rechtschreibung nur wegen ihrer Komplexität anprangert, möge sich nur einmal Schriftsysteme ansehen, deren Erwerb ein Leben dauert, weil zigtausende von Zeichen memoriert werden müssen, und sich dann fragen, ob die Schwierigkeiten, denen deutsche Schüler ausgesetzt sind, in irgendeinem Verhältnis stehen zu den Leistungen, die chinesischen oder japanischen Schülern (und Erwachsenen, das Lernen neuer Zeichen hört dort nie auf) abverlangt werden. Das Argument ist nicht zwingend, relativiert aber die Umstände. Im übrigen, um einem weitverbreiteten Mißverständnis entgegenzuwirken: Sicherlich ist das Schreiben – wie alle komplexeren Tätigkeiten – eine Frage des Talents. Allerdings gilt dies kaum in dem Maße, daß nur den Talentierten das korrekte Schreiben gelänge: Jeder und jede kann schreiben lernen. Einzig der dafür erforderliche Aufwand mag sich je nach Veranlagung von Schüler zu Schüler unterscheiden. Die einzige Ausnahme stellen echte Legasthenie, SLI (specific language impairment) Agraphie nach Gehirntrauma und ähnliches dar – Störungen, die nie vollständig heilbar sind, und für die die Betroffenen überhaupt nichts können. In solchen Fällen wäre aber auch der allereinfachste Fall einer Alphabetschrift – die phonemische Schrift – eine schier unüberwindlich schwierige Materie. Legastheniker sind nicht etwa außerstande, ein paar Regeln zu lernen, ihr Problem reicht tiefer, und sie machen Fehler, die selbst aus der Sicht eines Analphabeten widersinnig erscheinen müssen. So haben sie etwa allergrößte Schwierigkeiten, aus der Beobachtung der Folge von Lauten eines Wortes auf die Reihenfolge der Buchstaben zu schließen, und schreiben demnach wirre Folgen von Lauten, etwa utlena statt Lauten. Abseits dieses speziellen Problems, das in einer schriftlosen Kultur gar nicht bemerkt würde, sind sie in keiner Weise behindert. In einer hochgradig auf Schrift basierenden Kultur sehen sie sich natürlich auch in Fächern wie Mathematik, Physik oder Biologie den größten Hindernissen ausgesetzt. Zu meinen, einem Legastheniker sei mit einer systematisierten, vereinfachten Rechtschreibung geholfen, ist ein großer Irrtum; für alle gesunden Schüler aber gibt es überhaupt keine Entschuldigung, warum sie nicht eine Handvoll arbiträrer Regeln lernen können sollten. Jedenfalls ist der Aufwand, der von ABC-Schützen und ihren Lehrern betrieben werden muß, das Schreiben zu erlernen, gegenüber den Energien, die in das Projekt „Neue deutsche Rechtschreibung“ seit Mitte der achtziger Jahre geflossen sind, ein alberner Klacks.

Auf der anderen Seite ist es zugegebenermaßen geradezu lächerlich, eine komplexe Rechtschreibung als Erziehungsmittel und intellektuellen Prüfstein aufzufassen, und zu jammern, mit der alten Rechtschreibung gehe ein Stück Tugend, ein Stück Anspruch, ja, ein Stück Kultur dahin. Warum, so muß man doch fragen, steigern wir dann nicht die Komplexität, warum machen wir die Orthographie nicht noch schwieriger, damit sich die Jugend an ihr erprobe und an ihr wachse und reif werde? Wäre das nicht die Konsequenz derer, die um die Bildung der Jugend besorgt sind, weil die neuerdings dass und muss und so genannt schreiben soll? Es spricht zwar nichts für die alten Regeln als solche; es spricht aber einiges dagegen, sie ändern zu wollen. Das heißt, die Vorteile der neuen Regeln, oder irgendeiner anderen Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung sind so minimal, daß es am besten wäre, man ließe alles beim alten. Denn es gibt auch noch den anderen Spruch, nämlich daß zweimaliges Wiederholen mißfällt: Bis repetita non placent. Eine Rückkehr zu den alten Regeln jetzt, wo der Schaden schon angerichtet ist, erscheint denn auch wie ein Schildbürgerstreich, so leid es mir um die Schreibung ist, mit der ich selbst großgeworden bin (und die ich nicht mehr ablegen werde).

Zu guter letzt noch zwei gänzlich utopische Vorschläge für eine wirklich systematisierte Rechtschreibung, der eine gemäßigt, der andere radikal. Zuerst der radikale. Erstens: Lang- und Kurzvokale werden systematisch auseinandergehalten, etwa nach Vorbild des Finnischen durch Doppeltschreibung des Langvokals, oder nach dem Vorbild des Ungarischen und Tschechischen mit Akzent auf dem Langvokal (das würde aber neue Tastaturen erfordern, die auch Umlaute mit Akzent, oder wie im Ungarischen mit zwei Akuten zuließen). Sämtliche Konsonantverdopplungen (außer natürlich die mit einer Morphemgrenze zwischeneinander) werden dadurch überflüssig. Zweitens: Stimmhafter s-Laut wird mit z, stimmloser mit s geschrieben; das überflüssige z als Kombination von t und s, sowie das noch skurrilere tz werden abgeschafft. Sch wird durch ein kürzeres Zeichen ersetzt (das spart Zeit, Druckerschwärze, Papier und Tipparbeit). Wie sähe nun ein solcher Text aus? Jédenfals nicht mér glaich als Deutś erkenbár. Áber meinen zí nicht, das man zich śnel daran gewőnen könte? Natűrlich müste man auch fuks und akse vereinfachen. Dí śreibung von eu und ei kan – da zí eindeutig und óne ausnáme ist, beibehalten wérden. Diftonge zind zówízó imer lang.

Weniger gewöhnungsbedürftig, sofort einführbar, ohne jeden Aufwand zu erlernen und auch schon vielerorts praktizierte Wirklichkeit: die Kleinschreibung. Nur noch Eigennamen und Satzanfänge groß. Doch dieses Thema soll uns ein andermal beschäftigen.

Orthographisches (2): S-Laute des Deutschen und ihre Schreibung

Orthographisches (1): Sprachregeln und Schreibregeln

Die Hauppt-Punckte der Reformae / trefflichst dar-gestellet / unt mit eyn pfiffige Critica / nicht ohn mancherley bißig Spott / gar kurzweylig commentiret

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§ 12 Antworten auf Orthographisches (3): Von Schwierigkeiten & Reformen

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  • Lakritze sagt:

    Ha! Ihr Radikalvorschlag gefällt mir. Buchstaben für ch (Bücher), ch (Buche) und sch bräuchte man noch; andererseits würden ja c, x und z frei …
    Ich denke allerdings immer noch mit Grausen an die Zeit zurück, als ich Stunden damit verbracht habe, druckfähige hoszu-ä, -ö und -ü zu organisieren. Da wäre dringlich eine Tastatur-Reform angezeigt.

  • azestoru sagt:

    Gefält mír auc. Ic würde noc ain pár Dinge anpasen. Tsúnécst das „e“: óne Vertsírung śtét ës imer fũr ain Śwa, alzó /ə/, ní fũr ain /ɛ/. Andersrum śraiben wír dan das kurtse /ɛ/ imer „ë“. Ain langes /eː/ unt ain langes /ɛː/ śraiben wír baide „é“, dën dí Unterśaidung ist é núr noc bai wénigen Śprëcern ërhalten unt wird bald ausśtërben. Dí Diftonge auf /-ɐ/ blaiben mit -r geśríben. Dí silbiśen /n̩/, /m̩/ und /l̩/ blaiben „-en”, „-em“ und „-el“.

    Was félt, ist dér Aktsënt. T.B. „Baumast“: ist das „Bau-mast“ óder „Baum-ast“? Dén Śtimapzats tsú śraiben finde ic Kwatś, áber dér Aktsënt würde ës auc tún. Núr: wóhin dámit? Punkt drunter? Óder Dopelpunkte nác unten unt Aktsënt unt Lënge nác óben? Óder Mérdoitigkait in Kauf némen?

    Ac, unt das /aɪ/ würde ic „ai“ śraiben, wail ës noc das „Śprei“ gíbt.

    Próblém: Díálëkte zint zic unains ũber Lënge und Aktsënt: baides tsúlasen? Aine Waríante fórśraiben?

    • Solminore sagt:

      dí fráge ist, ob man wirklich das śwa vom /ɛ/ trenen mus, weil es kein betóntes śwa gibt, andererzeits aber die betónung bis auf wénige fele festgelégt ist. ein gewises más an mérdeutigkeit würde ic ónedís in kauf némen. dazú gehört auc der stim’abzats. man könte dí sace noc weiter fereinfacen, indém man den langvokál núr markírt, wó es minimálpáre gibt. dan könte man sic den leidigen aktsent auf wörtern wí , , áber auch áber óder óder spáren. (nict dagegen in spáren/sparen, wi einem di zimerleute versicern werden.)

      • azestoru sagt:

        OK, kain „ë“, ainferśtanden.

        Halblange Wokále filaict nict markíren? Das hilft bei „Krodokíl“ zér, unt es gibt nict fíle Mérdoitigkaiten.

        Minimálpáre würde ic nict als Kritérium benutsen, dá sic das endern kan, unt man aigentlic núr dí Anwézenhait bewaizen kan, áber kaum dí Apwézenhait.

        Da wír hoite maist Kompjúter benutsen, finde ic kurtsśraiben nict zó wictig. Im Régelfal wird dér Kompjúter die Aktsente ergentsen. Auserdém wird mér gelézen als geśríben, alzó zolte man dáfũr optimíren.

        „Stim’apzats“ ist gebongt: inerhalb aines Wortes die Stim’apsetze markíren. Am Anfang brauct man das nict. Alzó „Baumast“ unt „Baum’ast“.

        Warum wilst Dú „ab“ unt „und“ unt „ei” unt „eu“ baibehalten? Wír zint hír é jénsaits fon gút unt bőze. 🙂

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