Fensterkreuz

7. Oktober 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn man von den Farben die Farbe wegnimmt, bleibt Grau übrig. Was bleibt, wenn man davon das Grau wegnimmt. Vom Schwarz noch die Schwärze abzieht. Wenn dem Schlaf der Schlaf fehlt. Und das Wachsein sich selbst unerträglich findet. Sekunden, die sich selbst so sehr ähneln, daß es auch immer wieder dieselbe eine Sekunde sein könnte. Derselbe Augenblick voll Schmerz. Mikrokreisel der Zeit, in die man verwickelt ist, in der man mitkreiselt, mitkreiselt, mitkreiselt. In denen man immer wieder an den gleichen Zeitort zurückgeworfen wird. Schon einmal und schon einmal. Die Zukunft verschwindet, an ihre Stelle tritt eine ausdehnungslose Gegenwart. Eine Gegenwart, die weh tut.

Die Welt ist nicht einmal grau. Sie ist ein Imitat von grau. Die Bäume Kulissen. Der Regen kommt aus der Konserve. Die Blumen sind aus Gips. Es ist unerträglich, daß nicht sofort alles zu Staub zerfällt. Darauf warten, daß jetzt jetzt jetzt alles zugrunde gehen und verschwinden muß, von einem Augenblick zum nächsten, warten und warten von Augenblick zu Augenblick, und immer noch ist nichts passiert, und alles bleibt und bleibt und weigert sich zu gehen. Als Übung, als ontologisches Exercitium. Bleibt und hat den längeren Atem. Bleibt und verliert seinen Sinn, wie ein Wort, das man zu lange vor sich hin gesprochen hat. Zu lange die Gipsblumen, zu lange die Apfelschalen, zu lange das Fensterkreuz vor mich hin gesprochen. Fensterkreuzfensterkreuzfensterkreuzfenster. Bleibt, als Hülle, als Kulisse, als Bild für ein Bild. Nur das unermüdliche, einsame Schlagen des eigenen Herzens, das mit jedem Schlag Zeit, immer mehr mehr schmerzende Zeit, vor sich herschiebt, das ist echt.

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