L. begegnen (Eine Phantasie)

9. Dezember 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn wir uns das erste Mal sehen:
Ich werde dir den Park ganz genau beschreiben, und wie du gehen mußt, um mich zu finden. Es ist nicht schwierig, durchs Tor, einmal rechts, zweimal links, oder andersherum. Ein Stückchen geradeaus, an den Schwänen vorbei und dem Reh aus Gips, bis man zu der Wiese kommt. Ich werde dir ganz genau sagen, auf welcher Bank ich dort sitzen werde, eine Bommelmütze auf dem Kopf, mit geschlossenen Augen, einen ganzen Nachmittag lang. Die zweite Bank von der Hängebuche an gezählt wird es sein. Ganz sicher werde ich da sitzen, und allein: Wenn schon jemand da ist, werde ich ihm sagen, daß ich dich erwarte, und ihn höflich bitten, sich woanders hinzusetzen. Das wird jeder sofort verstehen. Und dann werde ich warten, und ich werde die Augen nicht mehr öffnen. In der Nähe spielen Kinder, ferner Straßenlärm dringt heran, ein Rotkehlchen singt. Irgendwo raschelt eine Zeitung. Musik flüstert aus Kopfhörern. Kinderwagen quietschen, Mütter plaudern. Die Luft riecht bunt und nach Herbst. Die Augenblicke füllen sich mit unbekanntem Du. Ich werde warten, einen Nachmittag lang, viele Schritte werden kommen und gehen. Irgendwann werden es deine sein. Ich werde wissen, wann es soweit ist. Alle Geräusche werden zurücktreten, die Gespräche verebben, die Flugzeuge landen, das Rascheln in der Weide wird verstummen. Und die Ferne, aus der du kommst, wird sich Momente vorher mit einem L.-förmigen Schweigen füllen, wie es nur deinen Schritten vorausgehen kann. Und wenn dann deine Schritte sich daraus lösen, wird der Kies sich genau nach dir anhören. Und das Laub vor deinem Fuß wird mir flüsternd deinen Namen verraten. Ich werde die Augen nicht öffnen, wenn deine Schritte sich langsam nähern. Und ich werde die Augen nicht öffnen, wenn ganz nah ein Zweig bricht. Ich kann dich atmen hören und spüre dich warm sein. Deine Kleider rascheln leise. Aber ich will die Augen nicht öffnen, noch nicht. Und auch, wenn schon dein Schatten über mich fällt, werde ich sie fest geschlossen halten. Noch einen Augenblick soll diese Geschichte dauern, noch einen und noch einen, bevor eine neue beginnt. Dann nennst du leise meinen Namen, und ich werde die Stirn dir entgegenheben und die Augen öffnen, dich anschauen und wissen, wer du bist.

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