Frettchen

28. Juni 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

An diesem Morgen läuteten die Glocken Sturm. Sturm war in der Welt, Feuer, Mord, Brand, Tod und Verderben. Blut, Blut, Blut, schrien die Glocken, Mord schrieben die Felder ins Licht, Tod bezeugte der Weg, Blut, jammerte der Wind, der das Fell aufzittern ließ, als sei das Leben darunter noch warm und sträube, wehre, plustere sich noch trotzig gegen die Kälte. Denn es hatte aufgehört zu regnen, und anstelle des milden, nassen Wetters war trockener Frost übers Land gefallen, der die Pfützen zu nadelscharfen Mustern zusammenzog, hellen Staub über die Bäume hängte und die Sonne auf den entsetzten Schollen festfrieren ließ.

Das Fell sah ich zuerst, Flausch und Bausch eines in der Brise sanft wedelnden graubraunen Pelzes; dann eine Kralle, die aus dem Bausch herausragte und zu einem Vorderlauf gehörte; und dann, noch bevor sich in einem nächsten, schon panischen Blick der Fellhügel aus weiteren drei Läufen und einem ängtslich schmalen, viel zu mageren Rumpf zu einem ausgestreckten Tierkörper vervollständigte, sah ich das Blut, und die spitze Schnauze mit den scharfen Zähnchen im halboffenen Maul, wo das Blut ausgetreten war und das Fell zu dunklen Strähnen verklumpt hatte. Maul, Zahn und Blut: Als habe das Tier kräftig zugebissen und sich mit dem Blut der gerrissenen Beute besudelt. Doch war es kein Beutetier, sondern der eigene Tod gewesen, dem das Wiesel auf dem Feldweg begegnet war, und das Blut, das ihm noch frisch und von leuchtendem Rot die Schnauze verschmierte, war sein eigenes, aus seinem Inneren hervorgeqollen, aus einer Verletzung, die auf den ersten Blick nicht zu erkennen war. So lag es, alle Viere von sich gestreckt, auf dem Rücken, steif und kalt unter dem flatternden Pelz, der nicht mehr wärmte, die Augen abgewandt, zur Erde, den Blick festgefroren im Asphalt der Straße.

Die Glocken verstummten, ein Echo der letzten Schläge verschwebte überm Feld. Ich löste den Blick von dem Kadaver. Ein gelber Müllwagen kroch in einer Falte des Geländes unter mir herauf. Ich beachtete ihn nicht, ging weiter, eine Pfütze knirschte, ich taumelte ein wenig, ging, reckte mich und ging, und drehte mich auch nicht um, als das Fahrzeug hinter mir herannahte und in einiger Entfernung zum Halten kam, und auch, als ich erst die Tür aufgehen hörte, dann den Sprung aus der Kabine, Klappern von Metall, ging ich stracks weiter, während es hinter mir ratschte von Schaufel und Eimer, und ein dumpfes Plumpsen zu hören war. Erst auf dem Hügelkamm schaute ich zurück, da grinste die Kurve, als wäre nichts geschehen. Die Felder bleckten Eis. Die Glocken schwiegen.

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