Meßdorf

7. April 2014 § 2 Kommentare

Es war Nacht geworden, und das Meßdorfer Feld glitzerte unter einem Saum ferner Lichter. Ich ging und erreichte die Straße, Verkehr lief kreuz und quer, und die Fensterbilder beim Gemeindezentrum lachten in die Dunkelheit hinaus.

Wie sich da etwas verschob, auseinandergeriet, abermals zur Deckung kam: Als wäre plötzlich ganz leicht zu erreichen, was „jetzt“ heißt. ein für allemal. Wasser gluckerte, ein Vogel schlug klatschend die Schwingen. Stille strömte zurück. Ging dort nicht jemand? Unter den Pappeln, am Bach?

Von der Durchgangsstraße dröhnte der Feierabendverkehr, aber es war, als habe sich plötzlich ein Raum geöffnet, den das Brausen der Fahrzeuge nicht mehr erreichte. Fast drang das Licht aus den Fenstern des Gemeindezentrums bis hierher. Eine Kreuzung verschlammter Feldwege, Krümel von Abend, lotrechter Rauch. Überm Meßdorfer Feld hing ein Film transparenten Leuchtens, dessen Hall bis zu den Pappeln, dem Wegekreuz und dem Brückchen reichte und reihum auf Metall und Stein, auf Pfützen und Grasbüscheln liegenblieb. In der sinkenden Nacht geriet Nahes und Fernes in Verwirrung. Ein silbriger Steg in der Ferne des Dorfrands entpuppte sich als Wasserstreif vor den eigenen Füßen. Eine Fahrradlampe schwebte lange Minuten in nächster Nähe, ehe der Raum es sich plötzlich anderst überlegte und das Licht in einer angestauten Ferne verschwinden ließ.

Und dann, als alles still geworden und die Wege in Verwirrung gerieten, ging jemand dort unter den Pappeln. Ein Schleier hob sich, zwischen Büschen schimmerte ein Pfad, ein Schritt fiel, ein Kiesel sprang weg. Aus der Dämmerung glitt das schimmernde Geländer einer Brücke.

Plötzlich konzentriert sich der Abend auf diese Bewegung an seinem Rand, an seinen Augenwinkeln; wird sich des Haarschopfs bewußt, achtet auf die Rundung der Schultern, blickt auf die Silhouette, die da unter dem Firnis der aufziehenden Nacht erschienen ist, um sogleich wieder in den Wirrnissen der Uferböschung, zwischen den Pappeln, den Sträuchern, der Faltung des Wegs, zu verschwinden.

Aber noch nicht, nicht sofort: Noch könnte sie stehenbleiben, sich nach einem Hund umdrehen, im Erstarren der Bewegung mit den Spiegelungen des Bachs verschmelzen, mit dem Rest vom Restlicht, das auf den Pappelblättern liegt. Noch könnte sie diesem Abend einen geheimnisvollen Sinn verleihen.

Ich war schon vorüber, als mir das wieder einfiel. Der Abend war kalt bis in die Fingerspitzen. Die Kreuzung der Wege, die Säulen der Pappeln, die Brücke, das alles lag in einem ruhenden Zentrum von Bewegung, die nur knapp außerhalb der transparenten Begrenzungen dieses Raums stattfand. Lichter flackerten. Motoren brummten und verklangen. Reifenrauschen flutete an und ab. Hörbare Dinge; und doch reichte nichts davon in den Raum jenes Augenblicks, in dem ich einen Schritt machte oder viele, in der die Amsel zeterte (deren andere Lebendigkeit mit dem Leben auf der Kreuzung nicht in Berührung kam, niemals in Berührung würde kommen können), jenes Augenblicks, da drüben jemand ging und den Weg zum Bach einschlug; sich anschickte (während von der Kreuzung vor dem Gemeindehaus ein Wagen am Zebrastreifen bremste; vier Mobiltelephone ihre Nachricht versandten; eine Kirchturmglocke einmal schlug; eine Straßenbahn bremste), im dunklen Kanal zwischen Sträuchern und Pappeln zu verschwinden; nicht anhielt, nicht langsamer wurde, sondern selbstvergessen und ruhig, seiner selbst gewiß wie eine Figur, die seit Jahrhunderten sich auf einem Ölgemälde am rechten Platz weiß, die Schritte bachaufwärts lenkte, einmal hinter den Sträuchern flackerte, verschwand, wie sie es seit Jahrunderten zu tun pflegt.

Und plötzlich wimmelte es in diesem Abend von anderen Dingen. In den Pfützen war eben der Kirchturm zitternd zur Ruhe gekommen. Die Kiesel zogen eine Richtung aus dem Weg. Lichter waren, fern, punktförmig, als seien sie sich eben selbst wieder eingefallen. Kaum zu hören, hinter Schleiern und Schleiern aus Frost: der Bach. Der Bach und ein Schritt. Eine zeternde Amsel, die Stille, der Bach. Und dann dieser eine, leichte, fallende Schritt, dieser Irrtum von Schritt, eine Schuhspitze, die einen Kiesel wegstößt, eine Handvoll Erde, die nachgibt, ein Blatt. Die Erinnerung an ein Geräusch. Sonst nichts.

Es war Nacht geworden, und das Meßdorfer Feld glitzerte unter einem Saum ferner Lichter. Ich ging und erreichte die Straße, Verkehr lief kreuz und quer, und die Fensterbilder beim Gemeindezentrum lachten in die Dunkelheit hinaus. Aber gerade hatte hinter mir eine Amsel gezetert; eine Glocke geschlagen; hatten sich zwei oder drei Zeiten gekreuzt und waren wieder auseinandergegangen, lautlos. Und einer dieser Stränge strahlte aus und wurde Zeit und Vergangenheit, und floß als Geschichte zurück in jenen Moment, da die Amsel gezetert hatte und dort am Bach jemand gegangen und als weicher Schatten unter den Pappeln verschwunden war.

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