Hippies im alten Rom (Sen. ep. I, 5, 1-6)

24. November 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Daß du dich hartnäckig bemühst und unter Auslassung aller anderen Dinge dieses eine Ziel verfolgst, ein besserer Mensch zu werden – das lobe ich und freue mich darüber, und ich ermuntere dich nicht nur, damit weiterzumachen, ich bitte dich sogar darum. Allerdings möchte ich dich ermahnen, daß du nichts unternimmst, um in deinem Aussehen oder deiner Lebensführung aufzufallen, wie es diejenigen tun, die nicht Fortschritte machen, sondern gesehen werden wollen; ein ungepflegter Körper, unfrisiertes Haupt, vernachlässigter Bart, demonstrativer Haß auf Geld, eine Bettstatt auf dem harten Boden und was für ehrgeizige Ziele eines verkehrten Lebens mehr sind – das alles vermeide! Das Wort Philosophie ist schon alleine verhaßt genug. Was, wenn wir jetzt noch damit begönnen, uns aus den menschlichen Gewohnheiten herauszuhalten? Im Innern mag alles verschieden sein, unser Äußeres aber soll dem Volk gemäß sein. Die Toga braucht nicht zu strahlen, aber sie soll auch nicht schmutzig sein. Wir brauchen kein Silbergeld mit Prägung aus reinem Gold, aber wir wollen es auch nicht für ein Zeichen der Einfachheit halten, jedes Anzeichen von Geldbesitz zu entbehren. Wir wollen danach streben, ein besseres Leben zu leben als die Menge, kein entgegengesetztes: Andernfalls vertreiben wir diejenigen, die wir heilen wollen und entfremden uns ihnen; und wir bewirken damit auch, daß sie am Ende gar nichts an uns nachahmen wollen, aus lauter Angst, sie müßten am Ende noch alles nachahmen. Vor allem andern verspricht die Philosophie Geschmack, Kultur und Gemeinschaft. Von diesem Versprechen wird uns aber unsere Andersartigkeit abtrennen. Laß uns zusehen, daß das, womit wir Bewunderung hervorrufen wollen, nicht lächerlich wird und auf Ablehnung stößt. Es ist doch unser Vorsatz, der Natur gemäß zu leben: Gegen die Natur ist’s jedoch, den eigenen Körper zu quälen, einfache Freuden zu meiden, nach Dreck zu streben und nicht allein einfache, sondern ekelhafte und widerwärtige Speisen zu sich zu nehmen. Ebenso wie es ein Zeichen von Ausschweifung ist, nach Leckereien zu verlangen, ist es ein Zeichen von Schwachsinn, einen Bogen um gewöhnliche und preiswerte Speisen zu machen. Die Philosophie verlangt Bescheidenheit, nicht Bestrafung. Bescheidenheit muß aber nicht ungepflegt sein. Eine solche Lebensweise gefällt mir: Wo das Leben gemischt ist aus sittlich Gutem und ganz normalen Gepflogenheiten. Alle Menschen sollen unsere Lebensweise erahnen, aber wissen sollen sie nichts darüber. „Wie? Sollen wir’s etwa genauso halten wie die anderen? Soll uns denn gar nichts von ihnen unterscheiden?“ Doch! Das meiste: Die Menge soll ruhig unser Leben kennenlernen, wenn sie es näher betrachtet; wer unser Haus betritt, soll eher uns anstaunen als die Ausstattung unseres Haushalts. Groß ist, wer Steinzeug so benutzt wie Silber; und nicht geringer ist, wer Silber so benutzt wie Steinzeug. Nur ein schwacher Geist kann Reichtum nicht ertragen.

[1] Quod pertinaciter studes et omnibus omissis hoc unum agis, ut te meliorem cotidie facias, et probo et gaudeo, nec tantum hortor ut perseveres sed etiam rogo. Illud autem te admoneo, ne eorum more qui non proficere sed conspici cupiunt facias aliqua quae in habitu tuo aut genere vitae notabilia sint; [2] asperum cultum et intonsum caput et neglegentiorem barbam et indictum argento odium et cubile humi positum et quidquid aliud ambitionem perversa via sequitur evita. Satis ipsum nomen philosophiae, etiam si modeste tractetur, invidiosum est: quid si nos hominum consuetudini coeperimus excerpere? Intus omnia dissimilia sint, frons populo nostra conveniat. [3] Non splendeat toga, ne sordeat quidem; non habeamus argentum in quod solidi auri caelatura descenderit, sed non putemus frugalitatis indicium auro argentoque caruisse. Id agamus ut meliorem vitam sequamur quam vulgus, non ut contrariam: alioquin quos emendari volumus fugamus a nobis et avertimus; illud quoque efficimus, ut nihil imitari velint nostri, dum timent ne imitanda sint omnia. [4] Hoc primum philosophia promittit, sensum communem, humanitatem et congregationem; a qua professione dissimilitudo nos separabit. Videamus ne ista per quae admirationem parare volumus ridicula et odiosa sint. Nempe propositum nostrum est secundum naturam vivere: hoc contra naturam est, torquere corpus suum et faciles odisse munditias et squalorem appetere et cibis non tantum vilibus uti sed taetris et horridis. [5] Quemadmodum desiderare delicatas res luxuriae est, ita usitatas et non magno parabiles fugere dementiae. Frugalitatem exigit philosophia, non poenam; potest autem esse non incompta frugalitas. Hic mihi modus placet: temperetur vita inter bonos mores et publicos; suspiciant omnes vitam nostram sed agnoscant. [6] ‚Quid ergo? eadem faciemus quae ceteri? nihil inter nos et illos intererit?‘ Plurimum: dissimiles esse nos vulgo sciat qui inspexerit propius; qui domum intraverit nos potius miretur quam supellectilem nostram. Magnus ille est qui fictilibus sic utitur quemadmodum argento, nec ille minor est qui sic argento utitur quemadmodum fictilibus; infirmi animi est pati non posse divitias.

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