Foedus antiquum (Livius, Ab Urbe Condita I, 24)

26. März 2015 § 2 Kommentare

Zufällig gab es in den zwei Heeren Drillingsbrüder, im gleichen Alter und ungefähr gleich an Kraft. Daß es Horatier und Curatier waren, steht fest, und es gibt wohl keine Geschichte aus alter Zeit, die berühmter wäre. Dennoch bleibt selbst bei dieser so bekannten Überlieferung unsicher, zu welchem Volk die Horatier, zu welchem die Curatier gehörten. Die Autoren schwanken zwischen beiden; die die Horatier für römisch halten, sind aber zahlreicher, und ich bin geneigt, ihnen darin zu folgen. Die Könige verhandeln mit den Drillingen, daß sie jeweils um ihr Vaterland mit dem Schwert kämpfen; welcher Seite der Sieg zufalle, dort solle die Herrschaft liegen. Man hat keine Einwände; Zeit und Ort werden vereinbart. Vor dem Kampfe wird ein Vertrag zwischen Römern und Albanern geschlossen, daß der, dessen Bürger in dem Kampf siegreich seien, über das andere Volk ungehindert herrschen solle. Es wurden noch verschiedene andere Verträge geschlossen, aber alle auf die gleiche Weise. Folgender Vorgang ist uns überliefert, und es ist dies das früheste Zeugnis für die Schließung eines völkerrechtlichen Vertrags, das wir haben. Der Fetialis fragte Tullus mit diesen Worten: Heißest du mich, König, mit dem Pater Patratus des albanischen Volks einen Vertrag zu schließen? Und als der König es befahl: Ich fordere Gras von dir, König! Der König erwiderte: Hole reines Gras. Der Fetialis brachte frisches Gras von der Burg. Dann fragte er den König mit folgenden Worten: Mein König, machst du mich zum königlichen Boten des römischen Volks der Quiriten, zusammen mit meinen Werkzeugen und meinen Gehilfen? Der König antwortete: Wenn es ohne Schaden für mich und das römische Volk der Quiriten ist, tue ich es. Der Fetialis war M. Valerius; dieser ernannte Sp. Fusius zum Pater Patratus, indem er dessen Kopf und Haupthaar mit einem Olivenzweig berührte. Der Pater Patratus hat die Aufgabe, einen Eid zu leisten (patrare), das heißt, einen Vertrag zu weihen; dies vollbrachte er mit vielen Worten, deren langer, umständlicher Wortlaut die Mühe der Wiedergabe nicht lohnt. Nachdem die Vertragsbedingungen verlesen worden waren, sagte er: Höre, Iuppiter, höre, Pater Patratus des Volks der Albaner, höre, albanisches Volk! Von den Bedingungen dieses Vertrags, wie sie öffentlich zuerst und zuletzt von Holz oder Wachs abgelesen ohne Arglist, und wie sie hier und heute richtig verstanden worden, will das römische Volk nicht abweichen. Wenn das römische Volk zuerst nach öffentlichem Beschluß mit Arglist abweichen sollte, dann soll Jupiter das römische Volk so treffen, wie ich hier und heute dieses Schwein treffen werde; und dein Schlag soll umso schrecklicher sein, wie du schrecklicher schlagen kannst und mächtiger bist. Sowie er das gesagt hatte, schlug er ein Schwein mit einem Kieselstein nieder. Die Albaner schworen ihrerseits mit ihren eigenen Formeln, durch ihren eigenen Herrscher und ihre Priester den Eid.

Forte in duobus tum exercitibus erant trigemini fratres, nec aetate nec viribus dispares. Horatios Curiatiosque fuisse satis constat, nec ferme res antiqua alia est nobilior; tamen in re tam clara nominum error manet, utrius populi Horatii, utrius Curiatii fuerint. Auctores utroque trahunt; plures tamen invenio qui Romanos Horatios vocent; hos ut sequar inclinat animus. Cum trigeminis agunt reges ut pro sua quisque patria dimicent ferro; ibi imperium fore unde victoria fuerit. Nihil recusatur; tempus et locus convenit. Priusquam dimicarent foedus ictum inter Romanos et Albanos est his legibus ut cuiusque populi cives eo certamine vicissent, is alteri populo cum bona pace imperitaret. Foedera alia aliis legibus, ceterum eodem modo omnia fiunt. Tum ita factum accepimus, nec ullius vetustior foederis memoria est. Fetialis regem Tullum ita rogavit: „Iubesne me, rex, cum patre patrato populi Albani foedus ferire?“ Iubente rege, „Sagmina“ inquit „te, rex, posco.“ Rex ait: „Pura tollito.“ Fetialis ex arce graminis herbam puram attulit. Postea regem ita rogavit: „Rex, facisne me tu regium nuntium populi Romani Quiritium, vasa comitesque meos?“ Rex respondit: „Quod sine fraude mea populique Romani Quiritium fiat, facio.“ Fetialis erat M. Valerius; is patrem patratum Sp. Fusium fecit, verbena caput capillosque tangens. Pater patratus ad ius iurandum patrandum, id est, sanciendum fit foedus; multisque id verbis, quae longo effata carmine non operae est referre, peragit. Legibus deinde, recitatis, „Audi“ inquit, „Iuppiter; audi, pater patrate populi Albani; audi tu, populus Albanus. Ut illa palam prima postrema ex illis tabulis cerave recitata sunt sine dolo malo, utique ea hic hodie rectissime intellecta sunt, illis legibus populus Romanus prior non deficiet. Si prior defexit publico consilio dolo malo, tum ille Diespiter populum Romanum sic ferito ut ego hunc porcum hic hodie feriam; tantoque magis ferito quanto magis potes pollesque.“ Id ubi dixit porcum saxo silice percussit. Sua item carmina Albani suumque ius iurandum per suum dictatorem suosque sacerdotes peregerunt.

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§ 2 Antworten auf Foedus antiquum (Livius, Ab Urbe Condita I, 24)

  • Lakritze sagt:

    Ja, damals hatten sie noch gewaltige Kieselsteine. Was mit dem Gras passiert, wird auch nicht weiter verfolgt, oder?
    (… multisque id verbis, quae longo effata carmine non operae est referre …
    Das liest sich, als hätte es ein schreibfauler Mönch da hineingeschmuggelt.)

    • Solminore sagt:

      Ich muß zugeben: Bei silex habe ich meine Not gehabt. Vielleicht ist es besser, einfach „Stein“ zu schreiben.

      Leider habe ich keinen Kommentar in Reichweite; aber bei nächster Gelegenheit werde ich mal nachsehen, was die Philologie über diese Stelle zu sagen hat. Das Gras wird nicht weiter erwähnt; vielleicht wußten Livius‘ Leser noch, was es damit auf sich hatte, so daß er keine Notwendigkeit sah, hier etwas erklären zu müssen.

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