Mit ins Boot

10. Mai 2015 § 4 Kommentare

Streiktag, Berufsverkehr, von drei Zügen in der Stunde fährt nur einer, das sogenannte Fahrgastaufkommen ist enorm. Der Bahnsteig gepackt voll Menschen, und plötzlich ist da diese alte bucklige Frau mit ihrem Handkarren. Sie trägt einen langen, graubraunen Mantel, einen Pferdeschwanz langer, weißer, glatter Haare und einen herrischen Blick. Woher sie so plötzlich gekommen ist, und ob sie schon die ganze Zeit am Bahnsteig gewartet hat, wird ein Geheimnis bleiben, ebenso, wie sie ihr Gepäck überhaupt aufs Gleis geschafft hat. Jedenfalls ist sie da nun, sie und ihr Handkarren, ein etwa anderthalb Meter langes Gestell mit einer Radachse am Ende und einem Aufbockbogen vorne, beladen mit etwa einem Dutzend prall gefüllter schwarzer, mit Leinen verschnürter Plastikmüllsäcke. Und dieses Gefährt schickt sich die Frau nun an, unter gewaltigem Protest der übrigen Kundschaft, darunter mehr als ein Fahrgast mit Fahrrad, in den Zug zu zerren. Das gehe doch nicht! Das könne sie nicht machen! Die Bahner streikten! Die Bahn sei doch dreimal so voll wie sonst!
Doch die Frau keift nur zurück, man solle doch die Klappe halten und ihr gefälligst mal helfen. Eine Frau mit Fahrrad versucht, sich gewaltsam an den Müllsäcken vorbeizudrängeln und wird gleich angegiftet, sie solle Platz machen. Der Wagen ist halb drin, da rutschen die Räder in die Lücke zwischen Trittstufe und Bahnsteigkante und verkeilen dort. Es geht weder vor noch zurück. „Stehen Sie hier nicht rum, helfen Sie mir doch mal gefälligst!“ Fahrgäste treten zögerlich näher. Schüchternes Zupacken, eher guter Wille als hilfreich. Die Räder sitzen fest. Die Stimme der Frau ist schneidend und hart, gewohnt, zu befehlen, frei von jeder Angst. „Unten anheben! Anheben!! Nein, nicht ziehen, verdammt noch mal!“ Einige Fahrgäste schütteln den Kopf, andere lachen, dritte zucken die Achseln. Vereinzelte tadelnde Hinweise auf Überfüllung und Streik fallen in taube Ohren. Die Frau will mit und ist fest entschlossen, ihren Willen zu kriegen, läßt sich auf keine Diskussionen ein, spart stattdessen nicht an Zurechtweisungen, Gezeter und Kommandos. Drei Männer stehen schließlich um den verkeilten Karren, lassen die Schimpfkanonade gelassen über sich ergehen, einer macht den glücklichen Vorschlag, den Aufbockbogen als Hebel zu verwenden, ein Ruck, die Räder kommen frei. In diesem Augenblick erst fällt der zweite, mit nicht weniger Säcken beladene Karren ins Blickfeld, der noch auf dem Bahnsteig steht. Wenn jetzt die Türen schließen … Aber die Türen schließen nicht, hilfreiche Hände packen zu, die Erfahrung mit dem ersten Wagen zahlt sich aus, und ruckzuck ist auch der zweite Karren im Fahrradabteil, wo ein murrendes Rutschen und Schieben und Umsortieren begonnen hat. Wieder Lachen, Proteste, Flüche, Achselzucken. „Die Holzplatten noch, heda! Bringen Sie mir noch die Holzplatten!“ Tatsächlich, da liegen noch zwei Sperrholzbretter, die müssen auch noch mit. Jemand vom Bahnsteig reicht sie herein. Dann kann die Tür schließen, man hat sich sortiert, der Zug fährt ab. —

Es war das reinste Soziorama, und alle, alle Rollen waren besetzt: Da gab es die mit den guten Ratschlägen und die, die wirklich zu helfen wußten; es gab die Neider, die Widerständler und die, die zuerst um ihren eigenen Platz bangten. Es gab die tatenlos zusehenden Spötter und Besserwisser. Es gab die Solidarischen, die Selbstlosen, die Zupacker. Es gab diejenigen, die die Systemfrage stellten, und es gab die, die am liebsten erst einmal alles ausdiskutiert hätten. Und es gab vor allem die, die das ganze überhaupt nichts anging.
Und noch etwas. Alle, die geholfen haben, waren Männer. Alle, die die Frau am liebsten an der Mitfahrt gehindert hätten, waren Frauen. Wahrscheinlich hat das nichts zu bedeuten. Vielleicht aber doch.
Die Hauptsache aber ist wohl: Schlußendlich sind alle mitgekommen.

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§ 4 Antworten auf Mit ins Boot

  • Wirklich ein Drama. Absurd, komisch, traurig… alles zusammen. Und sehr genau beobachtet.

    Der letzte Absatz erinnert mich an etwas anderes. Also mich Frau… was mir dabei eigentlich wurst ist.
    Berliner S-Bahn wegen irgendwelcher technischen Probleme mit anderen Bahnen vollständig überfüllt. Sommerliche Wärme draußen, in den Abteilen entsprechend. Ich bin einer von vielen Radfahrern, die mitfahren. Plötzlich die Stimme des Zugführers, freundlich: „Liebe Radfahrer, ich weiß, daß Sie mitfahren dürfen, aber nehmen Sie doch bitte Rücksicht und steigen Sie trotzdem aus. Es ist nicht zu erwarten, daß die Züge heute noch leerer werden.“ Darauf sage ich zu den Umstehenden: „Er hat ja recht – darf ich mal durch?“ und steige aus.
    Die meisten Radfahrer bleiben drin. Viele Männer. Hat nichts zu bedeuten. Und zwar wirklich nicht!

  • Sofasophia sagt:

    Ein genialer Text, der einer Art menschlicher Fabel gleicht.

    (Ob Tiere beim Fabelnerzählen wohl
    mit Klischees und Adjektiven bedachte Menschen als Platzhalter einsetzten?)

  • Lakritze sagt:

    Daß das Grundlegendes über Frauen und/oder Männer lehrt, wage ich zu bezweifeln; aber es lehrt wohl: wer keine Angst hat und austeilen kann, kommt weiter. Nun. Sind ja alle mitgekommen.

    • Solminore sagt:

      Eine gewagte Vermutung: Männer sehen eher die Herausforderung des Problems und fragen nicht lange, ob die Lösung überhaupt sinnvoll, gerecht oder politisch korrekt ist.

      (Verallgemeinerungen dieser Art gehen indessen sowieso meist fehl. Es fiel mir nur auf, in dem Moment.)

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