112 Meilen (2)

27. Oktober 2015 § 2 Kommentare

Ein kleines Privatarboretum in einem Garten: Bei der Magnolie denkt man sich noch nichts. Dann aber kommt ein Tulpenbaum in den Blick, der auf einen Amberbaum verweist, hinter dem sich ein Ginko verbirgt. Starr wie Soldaten stehen die Zypressen, aufrecht bis zur Ohnmacht. Fremde Pflanzen, ebenso wenig einheimisch wie die Millionen Fichten in den Mittelgebirgen. Ein Ginko fällt noch auf, die Fichten hält man schon für echten Wald.

Hallimasch, ganze Kolonien davon, rot schimmernde Wülste und Knorpel, als lauschten chthonische Zwerge in die Oberwelt hinaus.

Th. an der U-Bahn-Station Wiener Platz. Breites Grinsen im schmalen Gesicht. Seltsam, so aus der Welt gefallen zu sein. Th.s Arbeitsalltag beginnt, wo wir aus unserem aussteigen, am selben Ort. Ihr kleiner Stadtrucksack, unser Marschgepäck. Ihre Jeans und leichte Jacke, unsere Stiefel, Wollsachen, Hüte, K. und ich stehen vor diesem leichten Grinsen da wie zwei gepanzerte Fahrzeuge.
Keine drei Kilometer von hier habe auch ich mein Büro, das heute leer bleiben wird.

Immer wieder Heimweh. Die Bahnfahrt nach Walberberg, der Gang auf den Villerücken, noch durch unbekanntes Gelände, aber dann die Begegnung mit dem Straßenzug, dem Turm, dem Hohlweg, der Burg vom vergangenen Sonntag, zum Greifen nah die Normalität eines Sonntagnachmittagskaffees am eigenen Tisch zu Hause. Ich sehne mich wie ein Verbannter beim Abschied. Später dann die graue Linie meines Heimatwalds, zwei Stunden höchstens zu Fuß, im Lauftempo halb so weit. Drei Stunden später wären wir zu Hause.

Drei Stunden später sind wir hinter Heimerzheim, unbekannte Wege. In der Ferne immer noch Wegmarken, die auf zu Hause zeigen, der weiße Turm zu Buschhoven, er bleibt sichtbar, bis wir fast angekommen sind am Etappenende, als wäre er uns gefolgt, als könnte auch die Heimat nicht von mir lassen. Ich stelle fest, daß das ein ganz schön großes Gebiet ist, die Heimat. Selbst das, was ich auf eigenen Füßen abgewandert bin, ist von einem Ende zum nächsten mehr, als man an einem Tag schaffen kann.
Morgen die Versuchung von Bahnhöfen.

Wie die Luft hinter einem vier Meter hohen Turm aus Stroh anders ist. Es weht kein Wind, den die Strohwand abhalten könnte. Es ist, als sei die Luft ein Ton, der um ein paar Schwingungen sinkt, wenn man hinter den Strohturm tritt, als werfe der einen Schatten ins Klanglicht.

Dörfer, die keine Dörfer sind. Häuser, die sich zwischen zwei Ortsnamenschildern um eine Straße sammeln, sind kein Dorf. Wir sind müde, wir lechzen nach Kaffee. Straßen sind nicht eßbar; Autos auch nicht. Im Herbstlicht zerfallen die Farben zu Laub.

K. macht ausgiebig Bilder von einer abgestorbenen Eiche. Dutzende Höhlen, Spalten, Klüfte, alle bewohnt. Staub, Holzmehl, trockene Dunkelheiten. Rückseiten von Spinnen. Der Bach macht kein Aufhebens von sich, braunes Wedeln von Steinen. Jogger treffen sich zum Wettkampf. Mehr Heimweh. Hier, auf diesem Weg, habe ich auch schon trainiert. Das paßt alles in einen Samstagmorgen hinein. Unser Weg führt weit darüber hinaus. Und weiter. Und fort.

Wieder aufs Feld, wo der Himmel ausbricht wie eine Epidemie.

Ende des Tages. Ein Wohnwagen, Staub, Moder, Spinnennetze, die in unserem Atem leise wallen. Meine Bereitschaft zum Spartanischen, merke ich, endet beim Schmutz. Ich denke über Schmutz nach. Ein Klumpen Walderde, Schäben, Stroh, welkes Laub, Fichtennadeln, Sand sind kein Schmutz. Hausstaub, Spinnenweben, Moderbrösel, Putzplacken, Mörtelbrocken sind Schmutz.
Ich lege mich auf unser Lager, als wäre mein ganzer Körper spitze Finger. Stocksteif.
Glocken einer fernen Kirche. Stimmen, Gepolter aus dem benachbarten Wohnwagen. In der Tür Eimer, ein Schuppen. Verquollenes Holz, Verfall. Fahrräder unter einer Plane. Ich fröstele. Morgen dreißig Kilometer.
Schlaf zwischen Ekel und dunklem Vergessen. In jedem Wachmoment der Schimmelgeschmack auf der Zunge, und ich muß wieder an das Haus mit den Spinnen denken. K.s schlafender Körper nah, vertraut, sauber, ein behaglicher Trost im Unbehaglichen.
Seltsam beruhigend, als käme darin irgendetwas in Ordnung, was vorübergehend aus dem Lot war: die Liebesgeräusche – das Rumpeln, Iris’ leises Seufzen, später Huberts Lachen – aus dem benachbarten Wohnwagen der Gastgeber. Ich schlafe.

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§ 2 Antworten auf 112 Meilen (2)

  • Lakritze sagt:

    Ohoh, das Fremdeln in Unterkünften –! Ich bin da sehr anfällig. Der Herr Zeilentiger hatte da auch so eine Geschichte … (Ich folge weiter gespannt.)

    • Solminore sagt:

      Das Wort „Unterkunft“ für diesen Wohnwagen ist ein Euphemismus; aber naja, war umsonst, und die Kasse knapp.

      Ich mußte ständig an den Anfang vom „Hobbit“ denken, wo eine Hobbithöhle beschrieben wird.

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