112 Meilen (3a)

5. November 2015 § 5 Kommentare

Gegen abend läuft aus einem Hohlweg plötzlich ein ungezäumtes Fohlen auf uns zu, wild, närrisch verspielt, neugierig, die ganze Welt zum Freund erklärend wie ein Welpe. Tänzelt, stakst, schnuppert, stolpert schier über die eigenen meterlangen Beine. K. streichelt das Tier über den witternden Nüstern; da hält es ganz still. Schaut zurück, ohne den Kopf zu wenden, nach seinen Begleitern, was die wohl davon halten. Als wir weitergehen, schnappt es, wie befreit von einem Bann, nach einem leuchtend roten Ahornblatt.

Zum ersten Mal seit Beginn der Wanderung brechen die Wolken auf und lassen etwas Sonnenschein über die Ränder laufen. Sofort glühen die Felder. Ich denke kilometerlang über Farben nach. Wolkenspiele schieben die Bäume auf dem Feld herum wie Schachfiguren. Noch mehr Pferde: ein Turnier in Dressurreiten, eine Stimme schallt über Lautsprecher, Namen fallen, die Landstraße ist auf hunderten Metern vollgeparkt. Wir machen Rast in Frohngau, wo es noch eine Dorflinde gibt, die aber eine Dorfkastanie ist. Wir setzen uns auf eine helle Bank in milder Luft, der Baum ist durchlässig für Himmel. Kinder spielen unbegreiflich junge Dinge in einer Seitenstraße. Wie das wohl ist, frage ich mich, hier aufzuwachsen, als kleiner, wilder Mensch inmitten der Weite von Äckern und Feldern. Ob diese Kinder noch lernen, Bäche zu stauen, auf Obstbäume zu klettern, Zweighütten zu bauen? Ob sie noch Tiere kennen, die wilder sind als Tauben und Hunde? Ich wünsche ihnen von Herzen ein Trekkergaspedal unterm Fuß und die Namen aller Bäume.

Immer noch vertrauter Grund. Hier bin ich dieses Jahr schon einmal gegangen, in die andere Richtung. Die Luft ist da fast schon dieselbe gewesen. Erst später, am Abend, biegen wir ab, lassen die erinnerte Landschaft zurück, als einen bleibenden Ort in der Ferne. Lange Feldwege, von Weißdorn und Schlehen gesäumt, führen in Richtung Abend. Hinter den Sträuchern, auf der wegabgewandten Seite, hält sich die Sonne länger, als treibe auf den Straßen der Wind das Licht vor sich her. Plötzlich geht es überall nach Hause. Ein Dorf liegt eingeigelt in einer Talfalte, dort unten haben wir ein Lager. Der Lärm der Fernstraße dringt nicht bis in die stillen Plätze. Die Fassade des ältesten Hauses wölbt sich vor, als wollte das Haus zu seinen eigenen Fenstern hinaus.

Der Zeh schmerzt wieder; bis morgen hat er Zeit, sich wieder zu beruhigen. Das Zimmer ist hell und freundlich, die Betten ein Traum aus Federn und gestärkter Wäsche, so schön, wie ich mir zu Hause nie ein Lager bereite. Es ist gut, zu essen; und dann, zu liegen und zu schreiben. Die Fenster sind offen für Stille. Nachts wird es empfindlich kalt.

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