112 Meilen: Blasenexkurs

9. November 2015 § 2 Kommentare

Man kann mit knurrendem Magen wandern, und man kann halbverdurstet wandern. Man kann mit fünfzehn und mehr Kilo Gepäck auf dem Buckel wandern. Man kann schwitzend, frierend und übermüdet wandern. Man kann mit einem Kater wandern und mit Muskelkater auch. Man kann durchnäßt immer noch prima einen Fuß vor den andern setzen, und der Gegenwind fällt beim Gehen am wenigsten auf. Man kann durch Tiefschnee waten oder über glühende Steine springen, man kann bei Dunkelheit gehen und buchstäblich bei Nacht und Nebel. Man kann halbtot sein vor Erschöpfung, und man staunt, was noch alles geht, nachdem man das erste Mal gedacht hat, Ich kann nicht mehr. Man kann mit dem Kopf unterm Arm gehen, wenn nur die Beine noch nicht abgefallen sind. Aber eine kleine Blase am Fuß, und die Wanderung ist gelaufen – wenn man Glück hat, und eine Bahnlinie in der Nähe ist.

Erst ist da nur so ein komisches Gefühl, als wäre der Socken verrutscht. Dann ist es ein Kratzen. Aus dem Kratzen wird ein Scheuern. Aus dem Scheuern ein Brennen, aus dem Brennen ein Schmerz. Und schließlich kann man nur noch humpeln. Als wäre eine glühende Münze im Schuh. Wer das nicht selbst erlebt hat, wird nicht glauben, wie weh ein solch vermeintliches Wehwehchen tun kann. Und es ist auch kaum glaubhaft, was so ein Schmerz mit demjenigen macht, der ihn zu ertragen hat. Gestandene Männer fragen, wie weit es noch sei; vernünftige Erwachsene stampfen mit dem Fuß auf (dem gesunden, versteht sich) und verkünden, daß sie keinen Schritt mehr weitergehen; Kerle, die sich durchaus das Epithet «hart» zutrauten, brechen weinend am Straßenrand zusammen. (Das ist nicht übertrieben. Ich muß das wissen, denn der harte Kerl war ich selbst. Es geschah auf einer viertägigen Wanderung von Wittlich nach Bonn; die Blasen traten am Nachmittag des zweiten Tages am kleinen Zeh auf, wuchsen sich aus zu einer Blasenkolonie, unter der der Zeh verschwand wie unter Luftkammerpolstern; ich lief die hundertvierzig Kilometer trotzdem durch, aber hinterher konnte ich drei Tage keine Schuhe mehr tragen. Seitdem weiß ich, daß es Mehrkammerblasen gibt, wo eine Blase über der anderen wächst wie Pilze aus Schmerz. Wieviele Schritte machen einen Kilometer? Wieviele zwei? Zehn? Zwanzig? Wer Blasen hat, weiß das. Kaum jemand macht sich Gedanken über die Anzahl von Schritten – bis jeder einzelne so weh tut, daß man in die Knie gehen möchte. Oder besser: auf Knien.)

Aber eine Blase ist wenigstens ein manifestes Übel. Man kann sie untersuchen, betasten, aufstechen, abkleben. Man kann ihren Verlauf beobachten. Man kann den nackten Fuß schütteln und mit Erstaunen registrieren, daß die Flüssigkeit schwappt. Man kann sie anstaunen, anstarren, verfluchen. Man hat was zu tun mit einer Blase. Andere Schmerzzustände zeigen sich nicht in äußerlich sichtbaren Symptomen. Keine Rötung, keine Schwellung, keine Läsion gibt Hinweis darauf, daß irgend etwas kaputt wäre, dort wo es bei jedem Schritt so höllisch schmerzt: diese Stelle an der Ferse, am Spann, am Zeh. Der Schmerz verschwindet, sobald man aus dem Stiefel schlüpft, als wäre nie was gewesen; läßt sich durch keine Bewegung, keinen Druck des prüfenden Fingers hervorrufen. Nur im Schuh schmerzt es. Bei jedem Schritt, und bei jedem Schritt ein bißchen mehr. Man tritt anders auf, man variiert die Schnürung, man klebt Pflaster auf die Stelle. Vergebens. Vielleicht Rückwärtsgehen? Ein Freund erzählt mir von einem Wanderkameraden, der am Ende so verzweifelt war, daß er versuchte, an der betreffenden Stelle ein Loch in den Schuh zu schneiden. Aber Schuhe, Wanderschuhe zumal, sind nun einmal dafür gemacht, scharkantigen Gegenständen zu widerstehen. Auf Socken, erzählt der Freund, hätten sie in der Dunkelheit das nächste Dorf erreicht, wo sie den Pfarrer vom Fernsehkrimi wegklingelten und baten, ob er sie zur Bahnstation fahren könne.

Bei der Behandlung oder Vorbeugung von Blasen gehen die Ansichten auseinander. Während die einen darauf schwören, die Blasen mit einer sterilen Nadel aufzustechen, zu desinfizieren und abzukleben, lehnen andere diesen Eingriff als unhygienischen Leichtsinn ab. Nicht von der Hand zu weisen, denn wer hat schon auf einer Wanderung sterile Nadeln und Desinfektionsmittel dabei? Die Blase ist ein natürliches Polster, das das Gewebe vor Läsionen durch Reibung schützen soll, erfüllt also eine ähnliche Funktion wie die Schwellung im verknacksten Knöchel, die das Gelenk ruhigstellt. Wer jetzt mit Eisspray die Beweglichkeit wiederherstellt, tut sich keinen Gefallen. Dummerweise neigen Blasen dazu, bei anhaltender Belastung aufzuplatzen. Und wenn das passiert, jammert der harte Kerl nicht mehr, sondern ruft nach seiner Mama.
Manch einer meint auch, durch Blasen müsse man einfach durch, wie durch Kinderkrankheiten. Ich kann mich gut an den Schweizer Bergsteiger erinnern, der mir sagte, Blasen könne man nicht verhindert, Blasen müssen man aushalten. Ich weiß nicht, welches Epithet sich so einer zutraut. Jedenfalls ist wohl richtig, daß man sich in einem eingelaufenen Schuh keine Blase mehr holt. Eigentlich. In der Theorie. Andererseits ist der Blasenschmerz vielleicht ein zu teurer Zoll für einen passenden Wanderschuh. Schwierig wird es zumal, wenn man den Schuh nur ein- zweimal im Jahr trägt; da geht der Blasenzirkus nämlich jedesmal wieder von vorne los. So wird die monatelang geplante Korsika-Durchquerung oder der Inka-Trail zum Höllentrip.
Für viele bewährt hat sich der Einsatz von Blasenpflastern. Die Sache hat allerdings zwei Haken. Erstens: Wer schon einmal einen Langstreckenlauf mit Blasenpflaster absolviert hat, weiß, daß der Klebstoff nach zwei Dutzend Kilometern aufgibt, das Pflaster mithin verrutscht. Das ist in einem Wettkampf, wo man nicht so ohne weiteres anhalten und die Füße neu pflastern kann, recht mißlich. Zweitens: Man muß vorher schon wissen, wo es später weh tun wird, sonst nutzt das beste Pflaster nichts. Wenn man das weiß, hat man Glück, aber dann tut es auch einfach Leukoplast, das ist billiger, läßt sich besser zurechtschneiden, klebt wie Pech und Schwefel und verhindert zuverlässig Reibung. Nach meiner Erfahrung ist dagegen von besonderen Socken aus Funktionsgeweben, die einerseits rutschfest anliegen, andererseits an einschlägigen Stellen wie Ferse und Zehenbereich besonders stark gepolstert sind, abzuraten: Sogenannte Funktionsstoffe führen im Widerspruch zu ihren Versprechungen nicht zum Abtransport von Feuchtigkeit, sondern erst einmal zu extremer Schweißproduktion. Schweiß aber läßt die Haut aufquellen, was die Blasenbildung begünstigt. Das beste Material für Socken ist immer noch Wolle. Wolle ist angenehmer zu tragen, bevördert das Schwitzen weniger, transportiert die Feuchtigkeit ebenso gut wie Funktionsstoff aus Kunstfaser, und anders als jene fängt sie nicht nach ein paar Kilometern an zu stinken. Besondere Polsterungen aber können recht schnell zu Druckstellen und blauen Zehennägeln führen. Ob das besser oder schlechter als eine Blase sei, ist Geschmacksache.
Die beste Vorbeugung gegen Blasen ist natürlich ein passender Schuh. Es gibt Schuhhändler, die behaupten, Schuhe müßten nicht eingelaufen werden; gebe es Blasen, trage man einfach noch nicht den richtigen Stiefel. In Zeiten von Konfektionsware eine leichtfertige Behauptung: Finde da mal einer den richtigen Schuh. Ich habe zudem schon Blasen in Schuhen bekommen, in denen ich bereits viele hundert Kilometer blasenfrei gegangen war. Und Wolfgang Büscher berichtet in seinem Buch Berlin–Moskau, daß ihn der Stiefel gedrückt habe, auch noch nach tausenden von Kilometern – Blasen, scheint es, schmerzen nicht nur, sie sind auch so unberechenbar wie Pest und Schnupfen.

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