Schloß B.

7. Mai 2016 § Ein Kommentar

Vor einem halben Jahr hat man hier gesessen, nach zwei Wegstunden schon durchgeweicht, weitere acht Wegstunden bei nicht nachlassendem Niederschlag noch vor einem, und diese zehn Wegstunden nur der Auftakt zu einer ganzen Woche Gehens. Ist es da ein Wunder, daß wir grimmig in den Tassen rührten, die Zähne gierig ins Rührei schlugen, immer wieder Blicke auf die Karte warfen, Generälen nicht unähnlich, die den wagemutigen Ausfall planen? Draußen pladderte der Regen, tanzte in den Pfützen, lief über die Straße in den angeschwollenen Bach. Selbst die Statue des Kiepenkerls, dessen Pfeife längst erloschen sein mußte, blickte drein, als wolle sie die Kiepe abwerfen und sich schleunigst irgendwo unterstellen. Vor dem Waldrand hingen die Schlieren so dicht, daß die Umrisse der Bäume sich auflösten. Neben uns auf der Heizung tropften die nassen Regenumhänge, während sich die Schuhe unterm Tisch schon klamm anfühlten. Der Kaffee dampfte, der Regen fiel, die Bäume lösten sich auf, und wir waren entschlossen; und wie es manchmal so geht, wenn man sosieso keine Wahl hat: war unsere Laune ausgezeichnet.
Heute ist dieser Tag lange her, er ist in eine sagenumwobene Region schlechten Wetters gerückt, in eine Zeit, damals, du weißt schon, als der Regen fiel und die Wälder umdurchdringlich waren. Hier und heute scheint die Sonne, Mauersegler kratzen am Himmel herum, die Motorräder dröhnen an der Baustellenampel. Man denkt ans Ende des damaligen Tages, als man verschlammt, durchnäßt, fußmüde aus dem Waldrand in die erleuchtete Ordnung der Siedlung und ihrer Hauptverkehrsstraße taumelte. Jedesmal, wenn wir hier Kaffee trinken, erinnern wir uns daran, was damals vor uns lag, und sind glücklich.
September, überlegen wir jetzt, eine Woche, mehr Urlaub gibt’s sowieso nicht, reicht aber für die 150 Kilometer nach der Stadt im Südosten. Zwei Etappen kennen wir schon, zwei Gasthäuser, und was die da für Frühstück machen. Frühstück ist sehr wichtig; man fängt an, auf Wanderschaft, die Unterkünfte nach der Menge und Qualität des Frühstücks zu beurteilen. Das Frühstück in den ersten beiden Gasthäusern wäre in Ordnung, finden wir.
Von der Terrasse sieht man den Passanten zu, die, gekleidet in allerlei aufsehenerregendes Plastik und mit Stöcken und Minipacks bewaffnet, den Bach queren und, was sie da tun, für Wandern halten. Wir hätten sie und ihre Wolke aus Weichspüler und Sonnenmilch einszweidrei überholt, das Geschnatter und Gegacker nach ein paar strammen Schritten hinter uns gelassen. Wir grinsen. Irgendwo weiter oben liegt die Talsperre, und es verlockt, dem Weg abermals zu folgen, einen Zipfel des Waldsaums anzuheben, um zu sehen, wie blau jenseits der Himmel ist. Ein andermal. Für jetzt kühlt man die Blicke im Eschbach, man macht Pläne, man ist faul und kühn und zufrieden und läßt dem Samstag die Zügel schießen.

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