Tabu

29. Juni 2016 § 5 Kommentare

Neulich eine Geschäftsmail bekommen, die mich darüber informiert, daß «eine weitere Studierende zur Klausur zugelassen» sei.

Nun hätte der Absender ja auch einfach «Studentin» schreiben können. Da es hier nur um eine einzige Person weiblichen Geschlechts geht, entfällt jede Not, einen Begriff zu finden, unter dem sich mehrere Menschen unterschiedlichen Geschlechts angesprochen fühlen. Warum also die verschraubte Formulierung «eine Studierende»?

Ich denke es mir so: Sprecher des Deutschen fassen inzwischen jede Form des Lexems Student (ebenso wie Schüler → «Lernende»; Radfahrer → «Rad Fahrende» etc.) als verpönt auf – auch in den Fällen, in denen nur ein einzelner Student oder eine einzelne Radfahrerin (oder einheitliche Gruppen von Studenten oder Radfahrerinnen) gemeint sind. Unter dem beständigen Druck, nicht mehr «Studenten» zu sagen, gerät das Wort unter den Zwang eines Tabus, das auch in solchen Fällen wirksam ist, wo der Zweck der Ächtung fehlt. Für die Sprecher ist es natürlich einfacher, das Wort Student samt der Ableitung Studentin sowie in allen Komposita (Studentenschaft, Studentencafé, Studentenwerk etc.) zu streichen und durch Studierenden zu ersetzen.

Wörter wie Student, Fußgänger, Künstler, Arbeiter werden, könnte man sich denken, über kurz oder lang ganz aus dem Lexikon verschwinden und durch Studierende, zu Fuß Gehende, Kunstschaffende und Arbeitende ersetzt werden. Das Ableitungssuffix -er zur Bildung von Nomina agentis bliebe dann nur noch zur Bezeichnung unbelebter Agentia wie dem Bohrer, dem Rechner oder dem Schraubenzieher übrig – falls es bis dahin nicht schon unangebracht ist, Werkzeuge mit Männern gleichzusetzen.

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§ 5 Antworten auf Tabu

  • Lakritze sagt:

    Wenn man ein altmodisches Sprachempfinden hat, dann zuckt man zusammen bei „sonnenbadenden Studierenden“ (was machense denn nu, sonnenbaden oder studieren?).
    Was die Männer angeht: die sollten sich allmählich mal dagegen wehren, daß sie wie Werkzeuge, äh, gebildet werden!

  • Trippmadam sagt:

    Irgendwo unter Netzfeministinnen hat sich mal eine beklagt, dass es DER Computer heiße, und versucht, einen Zusammenhang mit dem Frauenmangel in den technischen Berufen herzustellen. Ich wies dann darauf hin, dass es auf Spanisch schon immer „la computadora“ (wörtlich: die Rechnerin) heiße, was aber an der männlichen Dominanz in diesen Fächern meines Wissens nichts geändert habe. Danach habe ich mich auf der Website nicht mehr blicken lassen.

  • Lakritze sagt:

    Jetzt habe ich es doch noch gefunden:
    http://www.lawblog.de/index.php/archives/2016/05/06/gericht-weicht-handyverbot-am-steuer-auf/
    Berufsmäßige Haarspalter holen aus solchen gutgemeinten Änderungen noch das Bösestmöglicher heraus.

    • Solminore sagt:

      Aber die Spitzfindigkeit hat doch mit den genderneutralen Wendungen gar nichts zu tun! Und im übrigen hätte man auf der Grundlage der herkömmlichen Formulierung ganz genauso argumentieren können. (Ist ja auch nicht einzusehen, warum ich nicht ein Mobiltelephon in der Hand halten darf, wenn ich es zum Telephonat gar nicht brauche. Einen Bleistift oder einen Becher Tee benötige ich auch nicht zum Telephonat, und den darf ich (so weit ich weiß) ja, auch in der Hand halten beim Autofahren.)

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