Vorurteil

18. Januar 2017 § 3 Kommentare

An der Supermarktkasse schaut die Kassenkraft in den Einkaufswagen, bittet den Kunden, die darin befindliche Tasche ein bißchen anzuheben, öffnet kurz den Eierkarton.
Ein Kind, das von einer Wespe gestochen worden ist, läuft vor einer Schwebfliege davon.
Eine Versicherungsgesellschaft schließt aufgrund einer vorhergegangenen Psychotherapie einen Neukunden aus.
Ein Fahrkartenkontrolleur verlangt von jedem Fahrgast die Fahrkarte zu sehen.
Bei einer Autoversicherung zahlen Frauen einen geringeren Beitrag als Männer.
Ein Briefträger, der von einem Hund gebissen worden ist, macht fortan um Hunde einen großen Bogen.

Was ist allen diesen Fällen gemeinsam? Die Übergeneralisierung. Einige Kunden sind Diebe, einige Fahrgäste haben keinen Fahrschein – also werden alle Kunden, wird jeder Fahrgast kontrolliert. Eine kleine Maßnahme, die für den Preis, daß alle unter Verdacht gestellt werden, garantiert, daß auch alle relevanten Fälle abgedeckt sind. Nur wenige Psychotherapiepatienten entwickeln Störungen, die eine Versicherungsgesellschaft teuer kommen, aber wenn die Gesellschaft nach diesem Kriterium aussortiert, sind neben ein paar unauffälligen Patienten auf jeden Fall auch die teuren Fälle draußen. Nicht jedes gelbschwarz gestreifte Insekt verteilt schmerzhafte Stiche, aber wenn ich alle so gefärbten Tiere meide, werde ich garantiert nicht gestochen (jedenfalls nicht von gelbschwarz gestreiften Insekten). Das gleiche gilt für Hunde: Die wenigsten Hunde beißen, aber wenn ich alle meide, meide ich auch die bissigen. Manche Frauen fahren wie der Leibhaftige, und manche Männer vorbildlich – trotzdem tendieren Frauen zur Vorsicht und Männer zum Draufgängertum, weswegen es für eine Versicherung sinnvoll sein kann, alle Frauen und alle Männer in einen Topf zu werfen. Lieber ein paar vorsichtige Männer zu hoch eingestuft und einige wenige Frauen zu niedrig, als umgekehrt die Tendenz ignoriert. Wer alle relevanten Fälle abdecken will, muß mit Schrot schießen.

Übergeneralisierungen machen die Welt einfacher, aber sie haben einen Preis. Manche Früchte sind giftig, aber wer alle Früchte deswegen meidet, bekommt vielleicht Hunger. Übergeneralisierungen sorgen für Sicherheit, können aber unliebsame Folgen haben, dann nämlich, wenn der Nachteil einer falsch positiven Beurteilung (Frucht ist eßbar, wird aber trotzdem verschmäht) den Vorteil der richtig positiven (Frucht ist giftig und wird verschmäht) überwiegt.

Betrifft die Übergeneralisierung Menschen oder Menschengruppen, wird aus der eigentlich vernünftigen Haltung etwas, das wir nicht so gerne haben, und das man dann Vorurteil nennt. Dabei ist ein Vorurteil lediglich ein aufgrund einer begrenzten, unzureichenden Datenmenge gefaßtes Urteil. Die Datenmengen, mit denen wir es im normalen Umgang mit Fremden und Fremdem, gleich wer oder was es ist, zu tun haben, sind immer begrenzt; und das meiste von dem, was wir im Alltag beurteilen müssen, haben wir noch nie gesehen. Und selbst wenn doch: Können wir sicher sein, daß uns der Geldautomat diesmal nicht bescheißt? Der Schluß von Einzelfällen auf ein allgemeines Gesetz ist, wie wir wissen, sowohl unzulässig als auch notwendig, sonst gäbe es nicht nur keine Geldautomaten, sondern nicht einmal Geld, vom elektrischen Strom zu schweigen. Ohne Vorurteil, ohne Übergeneralisierung, kämen wir nicht weit, blieben wir ständig stecken. Wollten wir jeden Einzelfall von heißen Herdplatten, roten Ampeln, Steckdosen, Chemikalien, Scheißhaufen, brüllenden Fußballfans umfassend prüfen, ehe wir vorsichtigerweise die Finger davon lassen – wir hätten viel zu tun und überlebten möglicherweise nicht lange. Ein einziger Schaden, ein einziger Bericht eines Schadens, genügt, Vorsicht walten zu lassen.
Das positive Gegenstück zum Vorurteil heißt: Vertrauen. Der Mechanismus der Übergeneralisierung ist bei beiden derselbe. Wollten wir jeden Einzelfall prüfen, bevor wir uns ins Auto setzen, Straßenbahn fahren, mit Wildfremden im Kino zusammensitzen oder auch nur den Wasserhahn aufdrehen – wir hätten viel zu tun, brächten uns um ein normales Leben und kämen auf keinen grünen Zweig, weil wir alles noch einmal von vorne aufrollen müßten, was die Menschheit seit ihrem Bestehen bereits ausprobiert hat.

So, und nach dieser langen Vorrede kommen wir zum heißen Kern, zu etwas Häßlichem, leider.
In der Silvesternacht 2016 belästigte Frauen gaben damals an, die Täter hätten „nordafrikanisch“ ausgesehen. Gehen wir mal davon aus, daß wir zweifelsfrei wüßten, was man sich unter „nordafrikanischem Aussehen“ denken muß – dann ergibt sich aus dem eben Gesagten, daß es im Jahr 2017 nur vernünftig gewesen ist, in der gleichen Situation eine Übergeneralisierung anzuwenden und Menschen eines bestimmten Phänotyps zu meiden, bzw., im Falle der Polizei, unter besondere Beobachtung zu nehmen. Ein Schaden soll dadurch abgewendet werden, indem man neben vielen unbescholtenen garantiert alle erwischt, die eventuell Böses im Schilde führen. Die Schwierigkeit besteht darin, aufgrund einer begrenzten Datenlage zu entscheiden, welches Verhalten die Unversehrtheit von Leib und Seele garantiert, wobei man obendrein noch politische Korrektheit obwalten lassen möchte. Auch in dieser Situation gilt: Der Nutzen der Verallgemeinerung muß gegen den Schaden abgewogen werden. Der Supermarkt verliert vielleicht Kunden, wenn die sich unter einem Generalverdacht des Diebstahls gestellt fühlen; wer ein paar als typisch empfundene Körpermerkmale zum Raster für den Generalverdacht sexueller Übergriffigkeit heranzieht, setzt sich dem Vorwurf des Rassismus aus. Der Schluß von irrelevanten Merkmalen wie der Hautfarbe auf relevante Merkmale wie Intelligenz, Aggressionspotential oder eben sexuelle Gewaltbereitschaft – das ist der Kern des Rassismus. Insofern hinkt der Vergleich mit dem Öffnen des Eierkartons im Supermarkt, weil dort wirklich alle Kunden verdächtigt werden, nicht nur diejenigen mit irgendeinem an sich irrelevanten aber als relevant empfundenen Merkmal. (Obwohl: Vielleicht verzichtet die Kassenkraft bei einem Anzugsträger auf die Kontrolle, schaut aber bei einem Menschen, der offensichtlich die Nächte im Freien verbringt, etwas genauer hin.)

Dem Vorurteil, der Übergeneralisierung als solcher entkommt jedoch niemand. Manchmal ist die Übergeneralisierung rassistisch, manchmal nicht, weil nur Hunde oder Schwebfliegen diskriminiert werden, der Mechanismus ist derselbe. Die Forderung kann daher nicht sein, keine Vorurteile zu haben. Sie muß vielmehr dahin zielen, die notwendigen Vorurteile korrigibel zu halten – also die Bereitschaft zu haben, dazuzulernen und sich eines Bessern belehren zu lassen. Im Mißtrauen, aber auch im Vertrauen.

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§ 3 Antworten auf Vorurteil

  • Sofasophia sagt:

    Über Übergeneralisierung habe ich bisher noch kaum je nachgedacht. Danke dafür!

  • Anhora sagt:

    Danke für diesen Text! Ich halte mich nämlich durchaus für tolerant und weltoffen, ertappe mich aber trotzdem mitunter bei Vorurteilen. (Es wird einem ja auch zu gern nach dem Mund geredet, wenn man nur einmal laut nachdenkt über vorgefasste Meinungen). Dabei fühle ich mich jedes Mal schlecht, aber nun lässt sich die Sache besser einordnen. 🙂

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