15. März 2017 § 4 Kommentare

 
*Es muß etwas mit dem Gegensatz von Kratzigem und Glattem zu tun haben. Wolle, dem Augenschein nach weich, unter den Fingern rauh; und die warme Glätte von Haut, warm nicht zuletzt durch die rauhe Wolle; diese Dopplung der Empfindungen beim Schlupf unter einen fremden Wollärmel, den man vielleicht vorher außen gestreichelt hat; rauh und neutral gleitet die Wolle am Handrücken vorbei, während unter den Handflächen, verwirrend, weich und verbindlich, die fremde Haut glüht, und beide Empfindungen, in einer einzigen Bewegung zusammengebracht, die einem, vielleicht aufgrund des Mutes, den sie erforderte, erst gar nicht richtig einleuchten mag, so sehr ist das Tasten mit sich selbst beschäftigt und mit der Frage, wie weit es gehen darf, in welche Bezirke zwischen Wolle und Haut – diese beiden gegensätzlichen Taktilia prägen sich ein, rufen beim Anblick eines Wollpullovers an einer Frau unvermeidbar ein Assoziations- und Erinnerungsprogramm auf, in der der Stoff durch den bloßen Anblick erinnerungsweise beinahe spürbar wird. Als kratzte etwas auf der eigenen Netzhaut. So erwarten die Fingerspitzen die ersehnte, spannende Glätte der darunter warmgehaltenen Haut. Und je intensiver dieses Gefühl ausbleibt, desto stärker wird der Drang, hinzuschauen um die Finger mit dem Gesichtssinn für die verlorene Empfindung zu entschädigen, vielleicht.

Ferner: Wollstoff, der sich über Brüsten spannt, ist Haar über Stellen, wo keine Haare zu erwarten sind, ein weiterer Gegensatz, der ein bißchen schwindelerregend ist, wie für einen mittäglichen Faun vielleicht. Ein Verweis auf die Tiernatur des Menschen, insofern als Körperhaar, echtes wie nur aufgelegtes, immer ein Verweis auf die Tiernatur, und mithin auf die Geschlechtlichkeit des Menschen ist. Haar finden wir verwirrend, störend, peinlich, ja, abstoßend, wenn es, jede kulturelle Überformung ignorierend, die Grenzen der zivilisatorischen Zähmung ebenso überschreitet wie den vorgegebenen Bezirk des Bikinis, unkontrollierbar wächst, an den falschen Stellen auftritt, seine Form und Farbe, seine Textur und Länge selbst bestimmt, wuchert, klebt, strähnt, verfilzt und im falschen Moment grau wird – oder gar ganz ausgeht. Das urwüchsige, wild sprießende, unkontrollierbare Haar steht für das Irrationale, für das Triebhafte, für den niederen Instinkt, weswegen wir es nur dulden, wo es frisiert, gekämmt, pomadiert oder in Form gezupft ist. Wenn überhaupt: Dem schärfsten Zwang unterwirft das Haar, wer es rasiert oder ganz ausrupft. Zugleich wird dabei aber auch eine Machtlosigkeit demonstriert. Wer töten muß, der hat die Kontrolle verloren, dem ist die Zähmung nicht geglückt.

Ferner: Haar ist in mehr als einer Hinsicht eine peinliche Erinnerung daran, daß wir Tiere sind: Haardrüsen produzieren Fett und Duftstoffe, Haare halten Schweiß fest, Haare riechen entweder selbst, oder sie sorgen dafür, daß Gerüche sich gut ausbreiten können. Manche Biologen meinen gar, die Verbreitung von Duftstoffen sei die ursprüngliche Funktion des Haars gewesen; erst nachdem es sich für diesen Zweck entwickelt hätte, habe es dann sekundär die Aufgaben übernehmen können, an die man beim Haarkleid zuerst denkt, den Schutz vor Kälte und Nässe. Immerhin haben geschlechtsreife Menschen bis auf den heutigen Tag Reste eines primordialen Fells genau an den Stellen behalten, wo es immer noch riecht und wahrscheinlich auch riechen soll, denn der natürliche Körper- und Drüsengeruch ist nach wie vor, allen Anfeindungen und Kriegserklärungen der Kosmetikindustrie zum Trotz, das stärkste Stimulans, wenn es zur Paarung gehen soll. Scham- und Achselhaar sind Überbleibsel von Fell, da ändert kein Rasierer was dran. Und Wolle, dieses sublimierte Fell, dieser Tierpelz, verweist in seiner Haarigkeit eben genau darauf zurück, durch Gegensätzlichkeit auf das Kahle von Brust, Schultern und Bauch ebenso wie durch Verwandtschaft auf die Stellen knisternden Fells, die er bedeckt.

Ferner: Wolle riecht. Nasse Wolle zumal kann einen strengen, scharfen Geruch annehmen, nach Tier und Geschlechtlichkeit, einen Duft, den ich sehr mag, ebenso wie den Geruch der Tiere selbst, von denen die Wolle stammt.

Ferner: das gezähmte Tier. Gereinigt, entfettet, gekämmt, kardiert, in Farbe getaucht, gestrickt, gewalkt, gewebt, mit Parfum besprüht, mit Weichspüler gewaschen, in menschliche Form gebracht, künstlich um Arme, Schultern, Brüste drapiert. Und doch: ein Regenschauer, und das Tier macht sich sofort bemerkbar. Und in diesem Wollduft verborgen der persönliche Duft der Frau, die den Wollstoff trägt, eins aus dem andern herleitend, wenn beide Düfte tief im innersten Bezirk einander wieder ähnlich werden.

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