Da steckt doch mehr dahinter!

31. Juli 2017 § 5 Kommentare

Dieses Gefühl, daß mich jemand durchschaut, oder wenigstens zu durchschauen glaubt. Da werde ich sofort fuchsig. Mich kennen? Du ahnst nicht, was du alles nicht einmal ahnen kannst! Und dennoch, was man mir da beim Abendessen auf den Kopf zusagt, daß ich ein ängstlicher Mensch sei, das stimmt. Grund zu der Vermutung habe ich indes niemals gegeben, und so tröste ich mich damit, daß dieser Schluß von falschen Beobachtungen auf etwas zufällig Richtiges geht. Vielleicht mußte man auch einfach ein bißchen Vergeltung dafür üben, daß ich die Frage nach meinem Roman abgeblockt habe, und zwar mit klaren Worten. Doch noch ein bißchen was rausgekriegt haben über mich.

Es ist ein Muster, das sich oft wiederholt, und für einen ganz bestimmten Menschentypus charakteristisch ist. Wenn ich mich mal ausnahmsweise des gleichen Musters bediene, würde ich sagen, diesem Nachbohren liegt eine tiefe Unsicherheit zugrunde: Woran bin ich mit dem? Warum sagt der nix? Gehe ich ihm auf die Nerven? Der verbirgt mir doch was! – Und dann wird halt gestochert. Und im Nebensatz behauptet: Es ist ja nicht schlimm, wenn du Angst hast. – Wer hat hier Angst? Das sind dieselben Menschen, für die alles immer natürlich und locker sein muß. Mach dich doch mal locker! Und dabei sind sie selbst die verkrampftesten in ihrer Unfähigkeit, den andern so schweigsam, verkrampft und eingeigelt zu lassen, wie er halt ist: Da muß man doch was machen! Sei doch mal locker. Du kriegst es noch an der Nackenmuskulatur.

Nachbohren und Zuschreibungen: Klar hast du Schuldgefühle. Wir Frauen haben alle Schuldgefühle. – Das macht mich selbst stellvertretend wütend, vielleicht auch, weil die, um die es ging, es nicht wurde. Eine boshafte Vermutung wäre: Diese Menschen sind selbst so ängstlich und unlocker und voller Schuldgefühle und zugleich voller Neid auf die, die nicht ängstlich sind und keine Schuldgefühle haben, daß sie einen solchen Makel überall vermuten müssen. (Denn ein Makel ist es, sonst müßten sie nicht so sehr betonen, auch dies eine gängige Phrase aus dem Mund solcher Menschen, daß das doch nicht schlimm sei.) Und natürlich haben sie immer recht mit ihrer Vermutung! Denn wer hat nicht schon einmal Angst oder ein schlechtes Gewissen gehabt? Man muß nur laut und bestimmt genug drauflos vermuten, um Verunsicherung zu erzeugen. Und vielleicht geht es genau darum.

Dazu gehört auch, ins Licht zu zerren, was ich lieber auf dem Wege des Ausweichens oder der Diplomatie lösen würde. – Ich weiß ja, du läßt dich nicht gerne umarmen. (Gefolgt von einer dicken Umarmung.) Manche Leute sind ebenso taktlos wie dreist. Sie scheinen es darauf anzulegen, daß ich den Mund aufmache. Und loben mich dann noch dafür, daß ich unhöflich bin. – Endlich sprichst du mal Klartext! (Ich will aber keinen Klartext sprechen. Klartext ist unter Menschen, die sich nicht gut kennen, unangenehm, für beide Seiten.) Mir wäre es lieber, wir würden ganz im Stillen verstehen und unsere Schlüsse daraus ziehen. Das nennt man Rücksicht. Insbesondere, wenn es um Dinge geht, die mir peinlich sind. Nicht: die peinlich sind, sondern mir peinlich sind. Das Besprechen von Peinlichem ist etwas für engste Freunde. Aber vielleicht ist genau das das Problem: Solchen Menschen ist eben nichts peinlich, und darum akzeptieren sie nicht, daß mir etwas peinlich ist. Das muß dir doch nicht peinlich sein! Aus der Sicht solcher Leute ist das dann nur eine Frage der Lockerung, und also ein Fehler meinerseits, wenn ich eben nicht locker bin. Mir ist ja schon peinlich, daß mir überhaupt etwas peinlich ist. Und noch peinlicher, wenn das jemand merkt.

Selbst keine Geheimnisse haben, und dann dem andern die seinen nicht lassen, auch das gehört in das Muster. Alles von sich preisgeben, auch das, was ich gar nicht hören will. Neulich sagt mir jemand, Sie mögen nicht gern photographiert werden, stimmt’s? Ins Schwarze getroffen, und schon wieder werde ich ungehalten. Ich lasse mich nicht gerne beobachten, nein. Und daß jemand genau diese Scheu vor Beobachtung beobachtet hat, macht mich erst recht wütend. Wie aber verbarrikadiert man sich, ohne daß man die Barrikaden merkt?

Solche Menschen, die einem das eigene Innenleben aufzwingen und dann fast beleidigt sind, wenn man selbst von sich schweigt (Und du so? Erzähl doch mal was von dir!), haben, vermute ich, den Wunsch nach klarer Sortierung. Du bist so, ich bin so, ein Dritter ist so. Und fertig. Diese Menschen sind immer schon fertig mit ihrem Gegenüber. Dabei fängt man ja dort erst an, wo man eine Vermutung über einen fremden Menschen hat. Man wird ja mit sich selbst schon nicht fertig, wieviel weniger dann mit einem anderen.

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Frühprotokoll: Regen

25. Juli 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Schon eine halbe Stunde vor Weckerklingeln höre ich den Regen fallen. Kein Rauschen, nur vereinzelte Tropfen auf Mauerkronen, Autos, Regenrinnen. Dazwischen das laute, satte Klatschen, wenn ein Tropfen aufs Fensterbrett fällt. In einer Stunde werde ich laufen. Ich hasse dieses Wetter. Ich hasse überhaupt Wetter, wenn ich mit mir zum Laufen verabredet bin, jedes Wetter, das geringfügig von 15 °, Windstille, trocken abweicht. Ich hasse es so sehr, daß ich völlig verkrampft daliege und, statt wieder einzuschlafen, den Tropfen lausche, schwitzend vor Zorn. Ich weiß, das ist lächerlich. Und von dieser Einsicht werde noch wütender. Es regnet, denke ich, verdammt, es regnet schon wieder, es regn– Ich schlafe ein.

Wird man gelassener, wenn man viel draußen ist? Abgehärteter, gleichgültiger gegen die Unbilden der Witterung? Macht es einem irgendwann nichts mehr aus, durch den Regen zu laufen? Gelingt es irgendwann, das Wetter wahrzunehmen wie es ist, ganz ohne Bewertung? Mitnichten! Wer viel draußen ist, wer viel im Regen läuft, wandert oder arbeitet, explodiert schon bei zwei Tröpfchen. Man sensibilisiert sich. Es baut sich mit den Jahren ein Haß auf, keine Gleichgültigkeit. Man wird nicht immun, man bekommt eine allergische Reaktion.

Ich wache auf, Weckergesumm, irgendeine zu dieser Zeit unsäglich dynamische Sinfonie auf BR Classic (sic!). Nun, alles besser als das außerirdische Synthesizer-Gewabere, das sie neulich hatten (Sleep von Max Richter; mit Erstaunen nehme ich zur Kenntnis, daß Max Richter die Filmmusik zu Waltz with Bashir geschrieben hat. Und da dachte ich, die sei von Chopin gewesen!)

Ich habe Glück, der Regen läßt auf den ersten drei Kilometern nach. Der Himmel bleibt aber bedeckt und erinnert an verschimmelten Grießbrei, ohne Brille betrachtet, die Luft ist dick und dämmrig und feucht. Blinde Pfützen, triefende Brombeerhecken, das Longhorn-Rind ist umgezogen, die Antennen seiner Hörner haben mich schon aus zweihundert Metern Entfernung registriert. Es liegt zusammen mit fünf normalgehörnten Tieren auf der nassen Wiese, still wie atmende Sofas.

Seit Tagen keine Vögel mehr. Der Wald ist stumm, die Vorhänge heruntergelassen, die Darbietung beendet, die Putzkräfte noch nicht dagewesen, die Kulissen stehen noch. Die Korridore sind blind, das Grün hängt herab wie Schmutzwäsche aus einem Wagen. Keine Sonne. Nur überlaufende Pferdetränken, die Tiere dazu weit weg, schwankend und zart am dünnen Ende von Pfaden, wie die Fähnchen von Unterhändlern.

Schönen Tach noch!

20. Juli 2017 § 13 Kommentare

Wann hat das eigentlich angefangen? Beim Bäcker, an der Supermarktkasse, am Bahnkiosk, an der Eisdiele: Und dreißig Cent zurück, bittesehr, SchönenTachnoch. Natürlich hat man das nicht schon immer gesagt, gemurmelt, genuschelt, hingeworfen, diese Phrase, man hat sie nicht schon immer fast unbewußt heruntergeleiert mit der gleichen Mischung aus Pflichtgefühl und Gleichgültigkeit wie im Gottesdienst das WirhabensiebeimHerrn. Irgendwann fing es an, beendete diese Phrase eine Zeit, als man sich einfach bedankte und ging. Wie lange ist das her? Ich erinnere mich nicht mehr. Inzwischen machen es alle, und ich frage mich: Wer hat damit überhaupt angefangen? Und warum?
Einer Vermutung zufolge, die man recht häufig liest, ist es keineswegs eine spontane Erscheinung, sondern wird beispielsweise Kassiererinnen im Supermarkt von der Marktleitung angeordnet. Einer weitergehenden Vermutung zufolge handelt es sich um die Lehnübersetzung des englischen have a nice day. Konkret wird dabei vermutet, daß es von synchronisierten Fassungen englischsprachiger Filme und Serien seinen Anfang nahm, wobei die Partikel noch angepappt wurde, um die Viersilbigkeit beizubehalten.

Was mich an dieser Phrase so stört, ist nicht, daß sie nicht ehrlich gemeint, ist nicht, daß der Wunsch, ich möge einen schönen Resttag haben, nicht aufrichtig vorgebracht sei; das ist ohnehin Quatsch. Wir sagen ja auch Guten Tag einfach so daher, ohne es zu meinen, und wir sagen Auf Wiedersehen, auch dann, wenn wir wissen, daß das nicht wahrscheinlich ist, oder den anderen dorthin wünschen, wo der Pfeffer wächst. (Immerhin sind wir uns aber der wörtlichen Bedeutung der Floskel noch so bewußt, daß wir am Telephon Auf Wiederhören sagen, und Bestatter die Formel aus Pietätsgründen vermeiden, wenn sie sich von Angehörigen verabschieden.) Das allermeiste, was wir so tagtäglich sprachlich absondern, hat weder mit Ehrlichkeit noch mit Informationsübermittlung zu tun. Das allermeiste, was wir sagen, ist irrelevant („Schönes Wetter heute, was?“) oder liefert nicht nachgefragte Informationen („Ich krieg die Krise!“) oder dient nur der gegenseitigen Bekräftigung allseits bekannter Tatsachen („Die Bahn wird auch immer teurer.“) – es hat eine andere als die wörtliche Funktion, dient etwa dazu, ein Gespräch einzuleiten, die eigene Meinung gestärkt zu bekommen oder sich mit einem Gefühlsausdruck Luft zu verschaffen, wobei alles drei und noch weitere Funktionen zusammenfallen können. Oft sagt man einfach nur deshalb etwas, weil es blöd wäre, nichts zu sagen. Etwa, wenn man den Chef der Firma zufällig in der Straßenbahn trifft. Sprechen ist die neutralste Form der Interaktion zwischen zwei Angehörigen unserer Spezies. Mit Sprache akzeptieren wir die Gegenwart des anderen; ein Guten Tag! bedeutet nicht, daß wir dem andern einen guten Tag wünschen; es bedeutet: „Ich nehme dich zur Kenntnis und respektiere wenigstens vorübergehend deine Anwesenheit; ich bin zur Interaktion, zum allermindesten zur zivilisierten Höflichkeit bereit (selbst wenn ich dich nicht ausstehen kann).“

Es gibt Menschen, die solche Floskeln prinzipiell ablehnen, wenn sie nicht ehrlich gemeint seien. Diese Menschen haben die Funktion von Formeln nicht begriffen. Daß unsere Begrüßungsformel Guten Tag lautet, ist gänzlich zufällig, was man schon daran sieht, daß sie sich in vielen Situation durch das von jeder wörtlichen Bedeutung befreite Hallo ersetzen läßt. Zu sagen, Hallo sei nicht aufrichtig gemeint, ist sinnlos. Hallo leistet reine Funktion, weiter nichts. Es gibt auch Menschen, die meinen, als Ungläubiger dürfe man nicht Gottseidank sagen. Dieser Forderung liegt derselbe Irrtum zugrunde: Der Ausdruck der Erleichterung könnte von einer beliebigen anderen Form geleistet werden. Der Spanier sagt für unser „hoffentlich“ ojalá, ruft damit aber keineswegs Allah um Beistand an. Die Formel zur Begrüßung ist nunmal wörtlich ein Wunsch; aber ihre Funktion ist nicht die, etwas zu wünschen. Und wo steckt beispielsweise der Wunsch in der erodierten Form Tach!?

Nirgendwo zeigt sich das besser als dort, wo Floskeln bis zur Unkenntlichkeit ihrer wörtlichen Bedeutung verschliffen werden. Allah ist im spanischen ojalá nicht mehr zu erkennen; niemand, der Ciao oder Servus sagt, empfiehlt sich aufrichtig als Diener; auch gänzlich unreligiöse Menschen sagen in Bayern Pfüatdi ((Gott) behüte dich) und andernorts Tschüß (adieu, adiós). Wird die wörtliche Bedeutung solcher Formeln unkenntlich, bleibt nur ihre Funktion übrig: Man könnte auch Schmackofatz oder Vitzliputzli sagen, es würde die Funktion der Begrüßung nicht besser oder schlechter erfüllen als Guten Tag.

Was mich an Einen schönen Tach noch stört, ist etwas anderes, das indessen wirklich etwas mit Ehrlichkeit zu tun hat. Man darf vermuten, daß Bedien- und Kassenpersonal die Formel nicht freiwillig verwendet, sondern daß ihr Einsatz aus einem Geschäftskalkül heraus erfolgt, dessen Absicht freilich durch allzu liebloses Daherrotzen unterlaufen wird. Dann hätte die Schönentachnoch-Pandemie eine Parallele in der Mein-Name-ist-Herta-Hohlsprech-was-kann-ich-für-Sie-tun-Pandemie. Man lese sich einmal durch, was sich Verkaufsexperten so alles an Tips und Tricks ausgedacht haben. Am Telephon sollen die Mitarbeiter lächeln, weil man das an der Stimme hört und ihr einen wärmeren Klang verleiht; sie sollen den Kunden mit Namen anreden, weil jeder gern den eigenen Namen hört und sich geschmeichelt fühlt; sie sollen den Kunden nach weiteren Wünschen fragen, vielleicht sogar etwas vorschlagen („Darf es noch ein Teilchen zum Kaffee sein?“), weil Ablehnen immer schwerer fällt, als von vorneherein keinen Wunsch zu äußern, und so weiter. Ich finde solche Spielchen widerwärtig. Und ich finde es widerwärtig, Mitarbeitern Floskeln in den Mund zu zwingen, die sie nie freiwillig in denselben genommen hätten. Kassenkräfte müssen sich vorkommen wie Aufziehpuppen. Ich stolpere jedesmal darüber, es ist wie eine sprachliche Fliege, die man ständig fortwedelt, aber sie kommt immer wieder zurück. Soll man darauf etwas erwidern? Ihnen auch oder Ebenso oder Gleichfalls? Es ist eine aufgezwungene Interaktion, die die linguistische Pragmatik im deutschen Sprachraum nicht vorgesehen hat. Es ist, als stellte sich mir die Kassiererin plötzlich mit Namen vor. Oder als streckte mir der Kioskbesitzer zum Gruß die Hand hin. Es ist ein Skript, das hier unbekannt ist, und auf das man deshalb jedesmal mit einer Improvisation zu antworten gezwungen wird. Danke, auch so Es ist anstrengend. Am schlimmsten aber ist, daß solche Verordnungen rasch Nachahmung finden und über den Bereich, wo sie absichtsvoll eingeführt wurden, hinauswuchern. Unabsichtlich. Oder mit ganz neuen Absichten. Was sagt der Oberdachlose, wenn ich ihm nichts gebe? Richtig:
Schönentachnoch! (Lächeln nicht vergessen!)

Frühprotokoll: alter Planet

19. Juli 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Morgens jetzt schon nicht mehr ganz hell. Ich mache mir den Kaffee im Halbdunkeln, nackt bei geöffnetem Fenster, egal, fünf Uhr morgens ist die Straße sogar hier menschenleer. Die Luft riecht nach Nässe und Müdigkeit. Zwei Amseln singen gegeneinander an, während die Tasse sich füllt. Ein halbes Ohr für die Vögel, mit dem anderen halben nach den Nachrichten gelauscht.

Man merkt der Sonne die Anstrengung an. Sie hat sich beeilt, und es doch nur gerade über den Horizont geschafft. Wie ein müdes Augenlid hängen die Hügel des Siegerlandes über der Bucht. Fernsicht, ohne den Halt von Vögeln.

Man müßte ein völlig neues Vokabular für Licht erfinden. Heute früh ist es weich, geschmeidig, leicht gerötet vom Sonnenaufgang, härtet sich in der nächsten halben Stunde, hängt an Baumstämmen wie vorwitzige Tiere, die dem Schwarm vorausgelaufen sind. Früher habe ich auf diese Dinge nicht geachtet. Der Jahreslauf, das war das Wetter, nichts weiter. Seit ein paar Jahren verfolge ich die astronomischen Eckdaten, Tagundnachtgleiche, Sonnenwenden, prüfe im Kalender die Sonnenauf- und -untergänge. Es ist wie eine Unruhe, daß mir auch ja nichts entgeht, daß das Jahr, und mit dem Jahr die Zeit, nicht auch noch diesen Vertrag auflöst. Auch empfinde ich jetzt immer eine gewisse Trauer, wenn der längste Tag überschritten ist: Oh weh, so spät schon wieder.

Traurig auch der Gedanke, daß dieses Gestirn, auf dem wir leben, schon ein alter Planet ist. Es mag für menschliche Maßstäbe egal sein, ob die Zukunft des Lebens nun eine Million Jahre, hundert Millionen Jahre oder gar noch eine Milliarde Jahre zählt – dennoch macht mich die Tatsache, daß es eben nicht mehr um Milliarden geht, sondern nur noch um etwa hundert Millionen Jahre, traurig. Dem Menschen sind Zahlen egal, Geschichten nicht. Der Mensch kann sich unter hundert Millionen Jahren nichts vorstellen; aber ob eine Geschichte erst anfängt oder ihrem Ende entgegengeht, das versteht er sehr gut – da spielt es keine Rolle, nach welchen Maßstäben die Teile der Geschichte dauern. Es ist egal, wie schnell es zu Ende geht, es ist egal, daß wir das nicht mehr erleben. Ich sehe die Bäume ihre Früchte zur Reife bringen, die üppigen Brombeeren, die signalroten Vogelbeeren, die Äcker mit ihren gelben Ähren, einen Bussard, der sich träge von einem Pfahl abstößt. Ich denke daran, daß selbst dies alles nicht bleiben wird, und werde sehr traurig. Was ist schon der eigene Tod? Aber daß es keine Schnecken, keine Fliegen, keine Blauwale mehr geben wird, und nicht, weil wir sie ausgerottet hätten, sondern weil ihre Zeit auf diesem Gestirn vorbei sein wird – das ist wirklich schlimm.

Das Rind mit den Riesenhörnern wieder, womöglich sind sie noch ein Stück gewachsen, es sieht aus, als könnte das Tier den Kopf nicht wenden, ohne an irgendeinen Baum oder Zaunpfosten zu stoßen.

Und ich dacht’ schon, da läuft einer! Der Unmut, der mich angesichts dieses Irrtums anfällt, zeigt mir, wie sehr ich diese Gegend, zumindest zu dieser Stunde, als mein ureigenstes Revier betrachte. Aber dann blinkt in der Nähe eine Zentralverriegelung, und der Mann, den ich für einen Läufer hielt, setzt sich ans Steuer. Später begegne ich einem Walker. Es ist ein Mann irgendwo zwischen sechzig und siebzig, ich habe ihn schon oft gesehen. Fünf Kilometer und eine Runde weiter begegne ich ihm abermals. Und dann noch einmal. Merkwürdig. Würde er Laufen, wäre es ein Rivale, der in meinen Augen hier nichts zu suchen hat. Da er nur geht, ist er mir gleichgültig. Ich könnte jetzt ein bißchen über Konkurrenz und Wettbewerb nachdenken, lasse es aber. Der Morgen ist zu still für so laute Gedanken.

Still, und in sich gekehrt und alt, uralt, unermeßlich alt. Die vier milliardste Wiederholung des immer gleichen Vorgangs. Dieselbe Sonne, die schon über Palmfarnwäldern aufging, deren Überreste sie jetzt, wenige Kilometer von hier, aus der Erde kratzen. Dasselbe Licht, das sich in der Retina eines Velociraptors brach oder in den Facetten eines riesigen Eurypteriden regenbogenartig schimmerte. Und doch war es nie der gleiche Morgen, nie genau dasselbe Licht, nie exakt so, wie es jetzt den Staub in der Ebene in Schwingung versetzt, ins Rheintal einfällt, einen Schieferhauch übers Siebengebirge legt, sich wie kondensierender Dampf auf den Kiefernadeln absetzt, diese uralte, immer junge und doch sterbliche Sonne.

Man müßte ein völlig neues Vokabular für Licht erfinden.

Hitze, ein Versuch.

18. Juli 2017 § 3 Kommentare

  1. Sommer, die Räume streiten um Schatten. Am Türgriff verbrennt sich die Tür.
  2. Tief in seinem kühlen, schweigenden Innern sammelt das Klavier Töne für den nächsten Regentag. Obendrauf hockt eine leere Vase, durstig nach Münzen.
  3. Du kannst die Hand ausstrecken, wohin du willst, du bekommst nur Leguanzungen zu fassen, Kakteenstacheln, Gläser mit getrockneten Erbsen, den Staub abgelaufenen Schneckengifts. Die Tasse auf dem Tisch bringt einen Löffel langsam zum Schmelzen.
  4. Wohl fühlt sich nur ein Brocken Vulkanschlacke auf der Fensterbank. Vor Jahren entführt von einer südlichen Insel, liegt sie sonst nur apathisch herum. Nun feiert sie Urständ von Schwefel und Feuer.
  5. Auf der Seite eines kühlen Verses sperrt das Buch die Kehle auf. Beim Lesen suchen Vokale Schatten unter ihren Umlauten.
  6. Zu warm, die heißen Augenhöhlen auch noch mit Wimpern zuzudecken. Kaulquappen häuten sich in deiner Achsel.
  7. Wie herausgerissene Vogelherzen zerfließen die Erdbeeren im Brennglas der Schale.
  8. Schlägst du den Kalender auf, stehen da die Tage vorm kühlen Winter Schlange.
  9. Unbeirrt nimmt die Uhr der flach atmenden Zeit den Puls.
  10. Das Fenster fiebert, das Glas hustet Fliegen aus.

Frühprotokoll: alte Heimat

10. Juli 2017 § Ein Kommentar

Durch den Wald laufen wie durch einen schweißfeuchten Pelz. Dem Ilex in den blutigen Rachen geschaut. Fieberheiße Stirn Horizont. Am Grund wirres Frösteln von Ameisen. In Worten suche ich die Rehe, aber sie schauen nicht her.

Die Sonne brennt die Schatten von den Uhren. Es ist früh, und doch so hell, der Himmel so gleißend und so müde, als hätte der Tag gestern durchgemacht. Man sucht umsonst nach Spuren, nur Steine, Äste, Kies, zu anorganischen Rillen geformt, laufen über den Asphalt. Der Hochsitz ist im Stehen eingeschlafen.

Ein Hase nippt an einer Pfütze, sieht mich, flieht ins Feld. Als ich die Stelle erreiche, sehe ich, die vermeintliche Pfütze ist nur ein Loch voller Schlick.

Später die Karte des Laufreviers, so viele Heimaten, daß es für viele Kindheiten reichen würde. Zwar war es nur eine, doch im Nachforschen unerschöpflich. Namen, Weiler, Ortschaften, Kleinstgewässer, alles weist über sich hinaus und an mir vorbei, als bedeute es mir einen dritten Ort, den ich erst noch finden muß. Ich muß mich beeilen, bevor er endgültig verschwindet und alle Zeiger ins Nichts deuten. So befinde ich mich im Gespräch mit der Karte und ihren Namen, meiner Erinnerung und der Vorstellung des nächsten Laufs durch das abgebildete Territorium.

Schon damals wollte ich nicht in die Zukunft. Schon als Kind war ich der Archivar meines eigenen, kleinen Lebens. Nun sind die Zeitschriften aus dieser Zeit fortgeworfen. Man hat mich nicht gefragt, als man Platz schaffen wollte im Regal.

Frühprotokoll: Freiheit und Sehnsucht

6. Juli 2017 § 3 Kommentare

Noch einmal laufen und immer wieder laufen, ich denke nicht darüber nach, wo andere erst lange von Motivation reden, reibe ich mir die Augen, stöhne leise und schlage dann die Bettdecke weg. Kaffee kochen, Mails lesen, Zähneputzen. Und los. Ich diskutiere nicht mit mir. Wenn es regnet, fluche ich, aber ich bleibe nicht zu Hause. Es ist wie Zähneputzen oder Duschen. Man tut es halt, mal lieber, mal weniger gern, auch gegen den Widerwillen. Weil man das halt so macht. Wer spricht von wollen? Tun ist alles. Ich aber genieße es, mein Tun in niemandes Dienst zu stellen. Was ich tue, hat mit Sehnsucht zu tun, nicht mit Nützlichkeit. Auch für die Sehnsucht ist Disziplin vonnöten.

Die Sehnsucht nach einem Ort und einem Weg ist stets größer als das Gefühl, angekommen zu sein, der erwartete Friede größer als der gefundene. Weniger eine Enttäuschung als eine Unruhe, die mich noch weitertreibt, der nächsten Sehnsucht nach. Du fändest Ruhe dort heißt es im Gedicht vom Lindenbaum, das mich, wann immer es mir in den Sinn kommt, zuverlässig zu Tränen rührt, aber ich weiß: Solch einen Ort unter der Linde oder wo auch immer gibt es nur im eigenen Innern, gibt es nicht in der äußeren Welt, gibt es nur als Sehnsucht. Man fände keine Ruhe dort, wo immer dort ist. Man fände dort gar nichts. Der innere Sehnsuchtsort dient höchstens der Ordnung und Orientierung, er sortiert die Erscheinungen des eigenen Lebens, richtet sie aus, schenkt ihnen Bedeutung, indem er sie auf sich als auf ein Zentrum hin bezieht. Schon allein das kann hilfreich sein, aber man sollte nicht mehr erwarten.

Räume, die uns Frieden schenken, sind keine Sehnsuchts-, sondern Gewohnheitsräume. Selten achte ich einmal auf die Kirchenglocken in meinem Ort; klängen sie aber eines Tages anders, würde ich das sofort bemerken.

Die Luft ist noch kühl, das Licht wie frisch abgebraust, die Bäume wie gebürstet. Die Segler schlafen noch, irgendwo hoch oben, außer Sicht- und Hörweite. Daß sie da sind, ist nur eine Vorstellung, aber es beruhigt und macht froh. Sechs Uhr, die Sonne schon weit überm Horizont. Warum entscheide ich mich für diesen und nicht für den anderen Weg? Ich kann es nicht sagen. Entspricht etwas in mir einem bestimmten Ort, so daß mir die Vorstellung davon eher entgegen kommt? Woher stammen unsere Wünsche, diejenigen, die wir uns so schnell erfüllen können, daß wir sie gar nicht als Wünsche wahrnehmen? Letzten Endes ist es egal, welche Strecke ich laufe. Trotzdem weiß ich, daß ich heute diese und keine andere laufen will. Was aber heißt das, ich will?

Keine Autos heute, das ist ungewöhnlich, diese Gegend schmaler Feldwege ist sonst der beste Beweis für die Behauptung: Wo man fahren darf, wird auch gefahren. Gerne nimmt man hier eine Abkürzung, damit man unten in den Dörfern nicht an den dämlichen Ampeln warten muß. Heute aber gibt es nur Rinder. Eines fällt auf, es trägt armlange, gabelförmiger Hörner, ausladend und rätselhaft, wie eine Sendeanlage, viel zu groß für das schmächtige Tier.

Flach streichendes Licht, Zäune mit der Hand an der Stirn, blinzelnde Wegweiser. Hier bin ich zu Hause, was immer das heißt. Irgendwo zu Hause zu sein, ist für mich ein unproblematisches Gefühl, wie das Verliebtsein. Es ist nicht bezweifelbar und einfach gegeben. Es muß nicht ausgelegt oder bewertet werden. Ich muß nicht ja sagen zu meiner Heimat, die Heimat sagt ja zu mir. Problematisch sind allenfalls die Konsequenzen dieses Gefühls. Wer sich an etwas bindet, wird verletzbar.

Vorurlaubszeit. Das meiste des Sommers hat bereits geblüht, das Unterholz ist geschwollen von Grün, die Kiefern duften. Hunderte Meter entfernt dröhnt die Straße. Laß sie doch alle dröhnen! Ich nehme mir die Freiheit, jede Form von Fleiß abzulehnen. Ein alter Mann mit Fahrrad steht an einem Gatter und ruft etwas, drei Pferde trotten über die Weide auf ihn zu. Es gibt Momente, da wünsche ich mir, daß mein Leben nicht mehr umfaßt hätte als solche Dinge. Pferde, Rinder, Weiden, Zäune. Blicke, die sich nicht nach Straßenecken messen, sondern nach Quadratmeilen.

Jetzt sind die Mauersegler wach. Die Kirchturmuhr schlägt sieben. In den Straßen hat die Mobilmachung für wieder einen Arbeitstag begonnen. Ich zucke mit den Schultern. Ein halber Vers fällt mir ein, als ich die Haustür aufschließe, den kritzel ich schnell hin, bevor ich duschen gehe.

Turris eburnea

5. Juli 2017 § Ein Kommentar

Ich rege mich nicht mehr auf, nehme ich mir vor, ehe ich loslaufe, und dann rege ich mich doch wieder auf. Diskussionen mit imaginären Gegnern, auf deren Einwände ich antworte, bis mir der Atem wegbleibt. Es kommt vor, daß ich dabei mit den Armen fuchtele; manchmal spreche ich laut aus, was ich in Gedanken formuliere. Wer mich so sähe, vor mich hin murmelnd, mit den Armen wedelnd, in Laufklamotten, glaubte, einen Wahnsinnigen vor sich zu haben, und vielleicht läge er mit dieser Vermutung gar nicht so falsch.

Anlässe für solche inneren Kämpfe gibt es viele. Der Grund aber ist eine innere Verteidigungsbereitschaft, die sich dem ständigen Gefühl einer Bedrohung verdankt. Meine Lebenswelt ist in Gefahr, so empfinde ich es seit Jahren, oder es wird bereits an ihrer Vernichtung gearbeitet, was mir teuer, ja, heilig ist, wird beschmutzt, der Lächerlichkeit preisgegeben, gering geschätzt, und droht, alsbald vielleicht ganz zu verschwinden. Das Wort Elfenbeinturm wird im allgemeinen nicht positiv verwendet. Mir aber ist der Elfenbeinturm heilig. Von der kulturellen Überformung des Gefühls der Angst in den Epen Homers über die Fermatsche Vermutung und das Modussystem des Lateinischen zur nichtlinearen Phonologie und über formale Semantik, Maya-Epigraphik und Modallogik wieder zurück: Diesen Dingen habe ich entweder mein Leben dargebracht oder würde es wieder tun, wenn ich nochmal die Wahl hätte. Mein ganzes Leben! Und dann kommt jemand, der von dieser Faszination so wenig begreift wie eine Ameise von doppelter Buchhaltung, und zückt den Rotstift. Ich könnte manchmal einfach ausrasten. Das fühlt sich an, als würde man selber ausradiert.

Als ich vor Jahren einmal mit Freunden am Mittagstisch über die Abwicklung des sprachwissenschaftlichen Instituts einer benachbarten Universität sprach – Bücher landeten der Einfachheit halber auf dem Müll –, schaute mich einer an, der mich gut kennt und schlug vor, wir sollten über was anderes reden, „Für dich ist das richtig schlimm, was?“

Hilflosigkeit, bis zu Tränen. Welcher Mächtige vertritt meine Sache? Wer streitet für den Geist und wider die tödliche Logik der Verwertbarkeit? Nützlichkeit ist banal und geistlos. Nützlich kann jeder. Wer aber verteidigt die Elfenbeintürme, die wilden Gärten, die dicken, schwierigen, unhandlichen Bücher, die selten gebrauchten Wörter, die selten gedachten Gedanken? Wem ist das Gute, Wahre, Schöne mehr als nur ein billig zu habendes Zitat? Und wer holt diesen Wert wieder in den Alltag zurück, ins Zentrum der Gesellschaft, einer Gesellschaft, die so reich ist, daß sie Geld kotzt, und sich allemal mehr leisten könnte als einen Flachbildschirm und die neueste Flatrate.

Wieviele Lehrstühle für Indogermanistik oder Altgriechische Philologie hätte man mit den Geldern finanzieren können, die zur Rettung notleidender Banken lockergemacht wurden? Stattdessen: die Indologie in Köln. Abgewickelt. Der einzige Lehrstuhl für dieses Fach weit und breit. Niemand hat je von notleidenden Indologen gesprochen.

Oder daß niemand sieht, daß wir uns selbst abschaffen, wenn wir nicht jetzt Halt! rufen. Macht euch doch nichts vor, fuchtele ich auf dem Feldweg, daß die Pferde zusammenzucken, ihr braucht ein Schicksal, ihr braucht das Scheitern, ihr braucht Widerstände, Sorgen und Nöte, sonst seid ihr keine Menschen mehr. Was wollt ihr denn den ganzen Tag beginnen, wenn es nichts gibt, wofür ihr unentbehrlich seid? Wenn der Mensch nicht mehr unentbehrlich ist, was ist er dann? Ganz genau. Aber die Liebe! ruft jemand. Die Kunst! Nee, Leute. Schon jetzt gibt es Algorithmen, die Bach-Choräle schreiben, vierstimmiger Satz, die ununterscheidbar von echten Chorälen sind. Über 5000 am Tag. Bald könnten Rechner unsere Romane schreiben. Bald könnten Maschinen und Avatare auch das Liebesbedürfnis besser (und harmonischer) befriedigen als jeder von einer Frau geborene Mensch. Fühlt sich gut an? Dann weiter so. Dann nur immer weiter. Vorwärts Marsch.

Und dann faselt schon wieder jemand was vom rapiden Wandel, an den man sich anzupassen habe. Fehlt noch, daß das Haßwort von der schnellebigen Welt (ja, das schreibt man mit nur zwei l) in den Mund genommen wird. Als bräche der Wandel über uns herein wie weiland der Asteroid über die Dinosaurier! Als wäre der Wandel nicht gewollt! Aber das sagt man nie dazu, nie. Denn wenn sich das mal in die Köpfen eindränge, dann stünde man ja plötzlich vor der Wahl, ob man den überhaupt will, den Wandel. Hilfe! Und dann? – Der Wandel, das waren für mich immer andere. Ich wollte den nicht. Ich wollte das Netz nicht. Ich wollte nicht einmal Computer. Ich war immer zufrieden mit dem, was vorhanden war. Nicht, daß nichts gefehlt hätte; aber was ich noch gern gehabt hätte, hätte kein technischer Fortschritt, hätte kein Computer, hätte kein Wandel mir zu verschaffen gewußt.

Auf der Wiese bei Sonnenaufgang die Rinder. Dreißig, vierzig Tiere, wie von einem Kind zerworfene Schachfiguren über die Weide verstreut. Blitzsaubere Tiere, kauend und blinzelnd, aufmerksame, doch lässig in sich ruhende Geschöpfe, das eigene Dasein so intensiv für selbstverständlich haltend wie den Sonnenaufgang, das Glänzen auf den Halmen, den Geschmack des Grases, den seltsamen Jogger, der fuchtelnd und rufend vorbeiläuft. Denen muß ich nichts erklären, die nehmen mich hin. Ich hätte mich gerne einfach dazugelegt, den Kopf auf der warmen Flanke einer Kuh abgelegt, ihren Kräuterduft in der Nase, stumm und wortlos, hätte mir die salzige Hand lecken lassen und keinen einzigen Gedanken gehabt, der größer wäre, als diese Wiese reicht.

Laren und Penaten

3. Juli 2017 § 5 Kommentare

Nachts taste ich nach der Brille, krabbele aus dem Bett, stolpere an den Resten von Gerümpel vorbei, die Tür geht von alleine auf, denn der Rahmen ist schief, ich schließe sie, damit der Lichtschein von der Kellertreppe nicht ins Zimmer fällt, dann Licht an, mit dem rechten Fuß auf die erste Stufe, Tritt, Tritt, Tritt, links oben am Türrahmen festhalten, mit rechts um den unteren Pfosten, Drehung im Gegenuhrzeigersinn und die letzten drei Stufen rückwärts, damit ich mir nicht den Schädel anstoße. Dann gebückt durch den Gang, Vorsicht, noch ein niedriger Durchgang, nachts ist der Modergeruch besonders stark, oder meine Nase besonders empfindlich. Noch ist es Sommer, der Keller ist nicht allzu kalt, ich muß nicht frieren, während ich Wasser lasse, aber wie das im Winter wird, will ich mir gar nicht ausmalen. Vielleicht ist dann aber wenigstens der Modergeruch geringer.
Und schon im Bad, blinzelnd an der Strippe ziehend, überkommt mich mit voller Wucht das Heimweh nach der alten Wohnung. Nach ihrer Sauberkeit, der Helligkeit, der Großzügigkeit der Räume, nach dem Ausblick vom Balkon übers Tal, nach dem Tisch in der Küche, nach einem Bad, das man blind im Dunkeln fand. Ich denke mir das Geräusch, das die Wohnzimmertür machte, an das wohlige Brummen der Therme, und daß die Türen der Küchenschränke nicht immer von alleine zuklappten. Am ersten Abend des Wochenendes auf das Schlüsselklappern warten, auf dem Bett liegen, Blick auf den Südhang des Tals, im Kopfhörer einen schönen Beethoven; oder Schreiben am Küchentisch, während die Gefährtin noch schlief, Heimkommen nach dem Lauf, die vertrauten Plätze für Mütze, Schuhe, Jacke, Rituale, die für ihre Zelebrierung diese Räume brauchten, wie antike Opfer einen bestimmten Tempel in einer bestimmten Stadt. Texte auch, die, auch wenn sie nicht diese Räume besprachen, doch von ihnen inspiriert waren und immer auch irgendwie von diesem Schrank, dieser Küchenzeile, diesem Fensterbrett handelten, Dinge und Dimensionen, so vertraut wie die eigenen Gliedmaßen. Jetzt sind diese Räume unausdenkbar leer, leblos, unbesprochen, und selbst das, was ich in ihnen und über sie schrieb und dachte, ist jetzt heimatlos geworden, ohne Anker in der Welt. Neulich nachgesehen: Im Fenster ein Schild, „zu Vermieten“. Es ist, als bandele eine Geliebte vor meinen Augen mit einem anderen an.
Ich war dort auch nur zu Gast, so wie ich in dem windschiefen neuen Haus nur zu Gast bin, aber ich war nicht zu Gast in den Geschichten. Ich war nicht zu Gast in den Verrichtungen, ich war in den Arbeiten zu Hause, in den Feiern und Ritualen, für die diese Räume sich mir geliehen haben, und die ohne diese Räume erst wieder Wurzeln schlagen müssen in einem neuen. Laren und Penaten, mögen sie sich wohlfühlen am neuen Ort. Ich ziehe mühsam hinterher und liege nachts wach vor Heimweh.
Oder vielleicht aus Angst vor Einschnitten, auch oberflächlichen, irrelevanten. Wie oft denkt man schon über die vertraute Umgebung nach? Erst wenn die fehlt, drängt sie sich ins Bewußtsein und schafft Brüche. So ein Umzug ist eine Zäsur, allein deshalb, weil er die eine Gleichförmigkeit des Erlebnishintergrundes beendet, eine neue Gleichförmigkeit aber erst eröffnet, und wer weiß, was jetzt kommt? Eine Veränderung färbt die Zeit ein, zerhackt das Kontinuum, ordnet die Erinnerung in vorher und nachher. Eine Veränderung macht die Zeit fühlbarer, indem sie wie ein Standort auf einer Karte einen unübersehbaren Punkt setzt: Da bist du jetzt. Am Rand der Zukunft. Die längste Zeit unseres gemeinsamen Lebens haben die Gefährtin und ich in den jetzt zurückgelassenen Räumen verlebt. Sieben magische Jahre. So viele müssen wir erst noch wieder schaffen.

Wo bin ich?

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