Mitnotiert: Hunderunde

23. August 2017 § 2 Kommentare

Noch einmal hat der Sommer zugenommen, wie ein Feiernder, der ein letztes Mal die Flasche ansetzt, obwohl der Morgen schon graut, das Hemd nicht mehr sitzt und die Wege nach Hause weit sind. Einer hat schon den Kopf auf des andern Schulter gebettet, ein dritter seine Schuhe ausgezogen und die Füße auf den Sitz gegenüber abgelegt. Ein Weg verschwindet im Unterholz, wie um in Abgeschiedenheit die Notdurft zu verrichten, der Himmel schaut weg, hebt sich kaum über den Horizont. Das Grün, dieses müde, aufgedunsene Grün, etwas zu farbig, wie hängende Tränensäcke, hat die Abteiltür geschlossen, die Vorhänge zugezogen, das Licht ausgemacht. Auf Zehenspitzen gehen die Pilze. Die Vögel sind still oder schon am Abend nach Hause gegangen.

Obwohl es inzwischen um sechs noch dämmrig ist, gibt es immer noch Frühaufsteher, die Hunderundenrundgänger, auf dem Feldweg bei Heimerzheim schlendern gleich drei von ihnen, einer in der typischen Kopfhaltung, früher hätte man sich gefragt, was macht der da, Nägel lackieren? Vokabeln lernen? Horoskope lesen? Kompaß gucken? Zu keiner dieser Vermutungen hätte die Geste richtig gepaßt. Heute weiß man sofort, der starrt auf sein Schächtelchen. Es gibt Körperhaltungen, die so eng mit einer bestimmten Kultur verbunden sind, daß sie in einer anderen, könnte man vermuten, seltsam wirken müßten, verschroben, ja, verstörend. Man denke etwa an die typische Haltung, zu der man sich zwingen muß, wenn man ein Telephon unters Kinn klemmt und gleichzeitig eine Computertastatur bedient. Man hat es so oft gesehen, es stellt sich sofort ein Bild dazu ein. Noch vor ein paar Jahrzehnten hätte es die ganze Situation, zu der Bilder sich hätten einstellen können, gar nicht gegeben. Oder man denke an den Griff zur Maus, an das angestrengte Vorbeugen am Bildschirm, an die zusammengekniffenen Augen. Man denke an den raschen Griff über die Schulter, das anschließende langsamere schräg über die Brust laufende Sinken der Hand, wenn man im Auto den Sicherheitsgurt anlegt. Da ich nicht zu dieser Kultur gehöre, befremdet mich die Haltung der Schächtelchengucker weiterhin, auch wenn ich inzwischen gelernt habe, sie zu deuten.

Jenseits der Hunderunde: kein Mensch mehr. Der Wald gehört mir allein, und niemand weiß, wo ich bin. Etwas Träges haftet den Dingen an, eine zähe Schlammigkeit, die Luft ist kühl, aber nicht wirklich frisch, das Licht gefiltert wie unter der Entengrütze eines schalen Tümpels. Auch das Gelb der zahlreichen Greiskrautarten ist brüchig, blättert ab, hinterläßt Flecken von farblosem Welksein. Noch zwei Wochen, vielleicht drei, wird das Grün zunehmen, noch mehr anschwellen und dabei noch müder werden. Die Flure lauschen. In der Nähe fließt Wasser, irgendwo tropft ein Hahn. Wege wie ausgeleerte Taschen, der letzte Kreuzer ausgegeben oder verloren, was willst du hier, geh nach Hause.

Und irgendwo hinter den Sträuchern warten sie bereits, die Hand am Abzug, das Visier heruntergeklappt – die Warnwestenmänner mit ihren Motorsägen.

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