Mitnotiert

29. August 2017 § 6 Kommentare

Sechs Uhr früh, noch dunkel jetzt. Nach Westen die Bäume, still unter den Laternen, darüber der Vorgebirgshang, der schieferblaue Himmel. Alles ist Schiefer zu dieser Stunde. Der Tau auf den Mülltonnen, die dunklen Fensterscheiben, der Straßenasphalt, selbst der Gingko hat Blätter aus Schiefer.

Im Osten über der Bahnlinie ein rostiger Balken Helligkeit, der sich später, beim Ersteigen des Hangs, zu einem rosaroten Wulst ausweitet, der bläulichen Dunst darunter von bläulichem Dunst darüber abtrennt. Der Sommer tauscht Amseln gegen Fledermäuse. Wie alte Damen im Theater haben sich die Bäume am Wegesrand niedergelassen. Fächer schwingen, Seide raschelt, Blüten erlöschen wie Lampen. Man läuft wie eine Sinnestäuschung an den Zäunen entlang. Die Sonne wird noch eine Stunde brauchen.

Ich denke über Sinn und Sinnlosigkeit nach, besonders über letztere. Warum quäle ich mich hier den Berg hoch, was fange ich mit meiner Fitneß, die ohnehin höchst relativ ist, an, dient sie mir zu etwas, wenn ja, zu was, zu Stolz? Zum Wohlfühlen in diesem Körper? Es ist sowieso alles nur Aufschub, der Stolz wird sich bald nur noch auf die Vergangenheit richten, und das Wohlfühlen wird seine Grenze in der Grenze nachlassender Leistungsfähigkeit noch kennenlernen. Es fühlt sich nicht falsch an, was ich hier tue, noch nicht, aber sinnlos. Es zielt nirgendwo hin, es hat nur präventiven Charakter. Aber was will ich verhüten? Das Alter? Kann man nicht. Muß ich mir Ziele suchen, um die Illusion aufrechtzuerhalten, es gehe vorwärts? Den 50-km-Lauf etwa? Oder den Two-Oceans-Run, oder ein Jahr lang jeden Sonntag Marathon? Tatsache ist, daß weder die Prävention mir zu Sinn und Motivation taugt, noch der überschießende Ehrgeiz der Mittlebenskrise für mich als Rollenmodell taugt. Dieses letzte Aufgebot, daß so viele Männer meines Alters praktizieren, habe ich schon immer lächerlich gefunden. Zwar verstehe ich jetzt, wie man darauf verfallen kann, aber es wird in meinen Augen dadurch nicht weniger lächerlich. Es ist so albern, daß ich mich fast schäme, wenn ich die Laufschuhe anziehe. Man könnte das mißverstehen, wie man mir schon vor Jahren mitteilte. Es gebe viele Männer, gerade meines Alters, die plötzlich anfingen, das Extreme zu suchen. Verdammt, ich selbst könnte das mißverstehen, wenn ich meine Laufschuhe schnüre. In solchen Momenten ekelt mich beinahe vor mir selbst.

Warum empfindet ein junger Mensch diese Sinnlosigkeit nicht? Auch er wird alt und klapprig werden, auch seine 100-Meter-in-9-Sekunden werden absolut nichts mehr wert sein, wenn es in die Grube geht. Und in die geht es mit ihm wie mit mir. Warum kommen ihm seine Strampeleien dann nicht auch schon sinnlos vor? Was sind ein paar Jahrzehnte mehr, bitteschön? Ist es die vermeintliche Offenheit seiner Zukunft? Während die meine sich zu schließen beginnt: aber das ist eine Illusion. Geschlossen ist die Zukunft für jeden Menschen, vom Moment seiner Zeugung an. Allein das Wort Lebenserwartung legt das nahe. Trotzdem leben wir fröhlich drauflos, mit unserer Erwartung, wenn wir sechzehn oder zwanzig sind, als wären 85 Jahre die Unendlichkeit.

Ich muß an Oscar Wildes Bonmot denken, daß es höchst ungerecht von der Natur sei, daß sie die Jugend an Kinder verschwende. Recht so! Wieviel mehr als die Jugendlichen von heute wüßte ich mit der Jugend anzufangen! Anders als Oscar Wilde meine ich das völlig ernst. Die Jugend sollte man sich erst mal verdienen müssen. Dieses Leben ist ungerecht, von Anfang bis Ende. Besonders am Ende.

Später die Sonne, scharf abgezeichnet, ein Auge ohne innere Struktur, böses Leuchten, unentrinnbarer Blick, wie die Ankündigung einer nahenden Katastrophe schwebt sie über der ahnungslos-geschäftigen Ebene.

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§ 6 Antworten auf Mitnotiert

  • Trippmadam sagt:

    Nein, ich möchte die Jugend nicht zurück. Gelebt ist gelebt.

    • Solminore sagt:

      Ich möchte nicht meine Jugend noch einmal leben, ich möchte die Jugend an sich wiederhaben. Die Kraft, die Unbekümmertheit, die Zuversicht, die Gesundheit, die Selbstverständlichkeit, mit der man im Dasein wurzelt. Die Unerschütterlichkeit, das Vertrauen, die Selbstvergessenheit, sogar die Naivität. Die Neugier. Den Hunger. Kombiniert mit den Erfahrungen und der Gelassenheit, die man inzwischen erworben hat, wüßte man das jetzt so viel besser zu nutzen als, na ja, damals. Und ich würde meine Seele dafür verkaufen.

      Herzlich,
      Ihr Dorian G.

      • Trippmadam sagt:

        Sie wissen, mit Dorian hat es kein gutes Ende genommen. Und schließen sich Erfahrungen und Unbekümmertheit nicht größtenteils gegenseitig aus?

        • Solminore sagt:

          Ich würde es natürlich schlauer anstellen als Dorian.

          Und was die Unbekümmertheit betrifft: Ich hätte gerne wieder das Talent, dort hinzuschauen, wo es sich hinzuschauen lohnt, und den Rest einfach auszublenden. Die schlechten Erfahrungen abzuhaken und die guten zu nutzen.

          Nicht, daß ich als Jugendlicher ein fröhlicher Mensch gewesen wäre — insofern ist mein Wunsch sowieso ein bescheidener.

    • Lakritze sagt:

      Da sagen Sie was: Ihre Seele. Die müßten Sie wohl wirklich verkaufen, wollten Sie die Jugend behalten. Ich sehe viel, was aus der Vergänglichkiet erwächst, sogar aus dem Vergehen selbst, das ich nicht missen wollte. Ich glaube, vieles — Barmherzigkeit, Gelassenheit, Verzeihen, nur als Beispiele — erwerben wir erst, indem wir vergänglich sind. Schwach. Unvollkommen.

  • Sofasophia sagt:

    Obwohl ich Wildes Bonmot nicht kannte, habe ich ähnliches schon gedacht und mir auch schon zusammengesponnen, wie es wäre, wenn die Richtung von alt nach jung statt umgekehrt gehen würde … Und warum es so ist.
    Sinnlosigkeit? Vielleicht ist es das, was das Leben ist? Aber wir werden es wohl erst im Moment des Sterbens verstehen. Oder so.

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