Täglich Brot

16. November 2017 § 17 Kommentare

Die Brötchen sind gerade wieder teurer geworden, kosten jetzt € 0,32 statt € 0,28. Das ist eine Steigerung um, kalkulier, kalkulier, aha: 14,4 %. Eine Steigerung meines Nettoeinkommens um 14,4 %, das wären, kalkulier, kalkulier, aha: € 144,– mehr im Monat.

Nachgewogen: Ein Brötchen wiegt exakt 50 g. Wenn man davon ausgeht, daß davon etwa die Hälfte Wasser ist, bedeutet das, in jedes Brötchen gehen neben Hefe, Salz und allerlei Zusatzstoffen, die gewichtsmäßig vernachlässigbar sind, ungefähr 25 g Mehl. Das Kilo Mehl, also die vierzigfache Menge, kostet im Einzelhandel € 0,39, also pro Brötchen, wenn man den Einzelhandelspreis zugrunde legt, € 0,00975. Das ist, unter Vernachlässigung von Energie, Miete, Personalkosten etc, was auf ein einzelnes Brötchen heruntergerechnet auch nicht die Welt sein kann, eine Gewinnmarge von 97%. Hut ab. Die wissen, wie man Geld verdient. (Und nicht daß diese „Brötchen“ wenigstens schmecken würden.)

Echte Handwerkskunst ist da jedenfalls nicht dabei; und die 15-Cent-Brötchen vom SB-Bäcker schmecken auch noch besser. (Griechisches Weißbrot aus dem Holzofen, das wäre was. Aber ach.)

Die Bezeichnung „Manufaktur“ ist leider nicht gesetzlich geschützt; sonst dürfte mein Bäcker (also der Backkonzern, zu dessen Filiale ich gehen muß, weil der sich hier im Umkreis ein Quasi-Monopol geschaffen hat) sich nicht so nennen. Backmanufaktur, ha! Dabei verstecken die nicht mal den Ofen, in dem man die Teiglinge aufgehen sieht. Es ist eine Frechheit.

Jetzt hört man, daß in Berlin eine „Handwerksbäckerei“ eröffnet hat, im Hipsterviertel. Wo sonst, möchte man grimmig anmerken. Das geht, heißt es, wie, nun ja, warme Semmeln, auch wenn alles doppelt kostet (und sie plausibel machen, warum; aber von transparenter Preisgestaltung wird es halt auch nicht erschwinglich).

Wenn im Gewand des Neuen gute alte Dinge immer wiederkommen, sind es dann eben nicht mehr die alten Dinge, und vor allem sind sie dann eines: teuer. Eine Delikatesse. Was aber eigentlich lobenswert wäre, nämlich eine Rückkehr zu alter Kunst und alten Methoden, kann man unter diesen Bedingungen auch nicht richtig finden. Da wird dann aus einer Nahrungsgrundlage ein kunsthandwerkliches Feinkostprodukt für ökobewußte Besserverdiener und motorisierte Alnatura-Kunden. Das ist nur eine andere Form von Inflation: Man nehme ein ganz normales, ebenso schmackhaftes wie erschwingliches Produkt, hübsche es etwas auf, verbräme es mit allerlei Öko-Hokuspokus und verkaufe eine seit Jahrtausenden angewandte, durch nichts mehr verbesserbare Methode als den letzten Schrei. Gleichzeitig fallen die bislang als normal geltenden Produkte qualitativ (aber nicht preislich) unten raus, was wiederum die Bereitschaft der Kunden erhöht, viel mehr Geld als bislang für das bislang Gewöhnliche auszugeben. Etwas so Bewährtes wie Brot kann man nicht mehr verbessern. Man kann es nur teurer machen.

Eine echte Rückkehr zum Normalen, zu gewöhnlichem Brot und echten Brötchen hieße eben genau das: In der Backstube zu backen müßte normal, und weithin die einzige Art sein, Backwerk herzustellen. Das andere wäre eben überhaupt kein Backwerk und dürfte auch nicht unter dieser Bezeichnung verkauft werden. (Was heißt dürfte: Es käme niemand auf den Gedanken, weil fernliegend.) Und die Preise müßten so sein, wie sie vor einem Vierteljahrhundert noch waren, von den Mieten und Personalkosten über den Einkaufspreis für Mehl, Salz und Energie bis hin zum für alle erschwinglichen Verbraucherpreis (gemessen an den unteren Einkommen, versteht sich). Eine solche Backkultur diente nicht der Gewinnmaximierung, sie diente überhaupt keinem Gewinn. Sie diente, wie von Alters her üblich, der Versorgung der Bevölkerung mit Brot. Eine Utopie ist das nicht. Das gab es mal. Ist noch gar nicht so lange her.

Nur hat eben darum am Normalen keiner mehr Interesse. Versorgung war mal. Damit überlebt man nur, damit macht man keinen Gewinn. Das Normale ist keine Geschäftsidee. Und innovativ, man verzeihe mir dieses gräßliche Wort, ist es auch nicht. Immer neu, immer anders muß es sein. Sogar das Alte ist das neue Neue. Eine Insel des Alten in der schönen Welt des Neuen aber ist nicht möglich: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Auch kein besseres.

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§ 17 Antworten auf Täglich Brot

  • vilmoskörte sagt:

    Wenn du bereit bist, für 50g Brötchen 32 Cent auszugeben, dann kannst du gut und gerne 750g wirklich gutes Brot für 4,50 € beim Handwerksbäcker ausgeben.

    • Solminore sagt:

      Zum einen: Brötchen sind schon immer proportional teurer gewesen, warum auch immer. Auch sind sie ja ein ganz anderes Produkt, also für den Vergleich nicht geeignet.

      Zum anderen: Hätten Sie vor 2002 wirklich neun Mark für ein 750-g-Brot ausgegeben? Ich möchte wetten, Sie wären (zu recht) entrüstet aus dem Laden gestürmt. Wäre 2002 mein Gehalt an den Brotpreis gekoppelt worden, wäre ich jetzt ein gemachter Mann.

      Fünf Mark, ok. Das habe ich sogar als Student berappt, für ein Bio-Brot, 1000g. Das wären dann also € 2,50. Bereinigen wir das noch ein bißchen wegen der Inflation (wobei ich mich schon immer gefragt habe, wozu die gut sein soll), legen noch eins drauf, dann sind wir bei € 3,50. Das wäre für mich die Schmerzgrenze. Ist aber nirgends zu haben. Das heißt, fast jeder Einkauf bewegt sich bei mir zwischen Entrüstung und Hohnlachen.

  • Lakritze sagt:

    Es ist vermutlich sehr leicht, die Durchschnittsbäckerei zum Aufgeben des Teiglings zu zwingen: sie müßte nur mal drei Wochen lang keinen einzigen davon verkaufen. (Ähäms.)

  • Etwa 500 m von meiner Wohnung entfernt gibt es einen „echten“ Bäcker, der auch keine Backmischungen braucht. Luxus! Ein „Einfaches“, andernorts „Schrippe“ genannt, kostet dort 32 Cent, das Brot ist lecker und kostet auch nicht mehr, als bei den Aufbackketten.
    Was tun die Nachbarn, mit mehr Geld? Sie gehen zum Discounter gegenüber, weil es da auch abends frische Brötchen gibt.

    Abstimmung mit den Füßen?

  • Erika sagt:

    Dein Beitrag hat sicherlich seine Berechtigung. Du solltest jedoch Energie-, Personal-, Mietkosten u.ä. nicht unterschätzen. Außerdem weiß ich von meinem Bäcker, dass u.a. Brötchen zur Quersubventionierung von Bisquittortenböden und anderen aufwendigeren Produkten dienen.

  • karu02 sagt:

    In meiner Umgebung gibt es nur noch „Ketten-Bäcker“, verschiedenen Ketten angeschlossen, die es aber erstaunlicherweise schaffen, alle Brötchen gleich schmecken zu lassen bzw. sie geschmacklos zu gestalten, also wie von einem einzigen Hersteller.

  • Ich möchte nur einige Zahlen beisteuern:

    >> Ein Brötchen wiegt exakt 50 g. Wenn man davon ausgeht, daß davon etwa die Hälfte Wasser ist..

    Die Teigausbeute bei Weizenbrötchen ist etwa 160, d.h. aus 100 kg Mehl erhalte ich etwa 160 kg Teig. (100 kg Mehl und ca. 60 kg Wasser). Der Backverlust (verdunstetes Wasser) bei Kleingebäck beträgt etwa 20%, d.h. 100 kg Teig ergeben 80 kg Gebäck. => Aus 1 kg Mehl erhalte ich etwa 1,28 kg Brötchen ( 1 kg * 1.6 * 0.8 ) ~ keine 2 kg.

    >> Das Kilo Mehl, also die vierzigfache Menge, kostet im Einzelhandel € 0,39

    Wenn ich die Brötchen mit den Brötchen von früher vergleichen will, darf ich nicht ein solches Schrott-Mehl zum Vergleich hernehmen, sondern muss ein vergleichbares Mehl wählen. Ein 550er-Weizenmehl in guter Qualität (wie es eigentlich für normale Brötchen genommen werden sollte) kostet heute pro kg im Direktvertrieb von der Mühle 1,50 – 2,00 € (gut, in Großabnahme vielleicht weniger, aber niemals 0,39 €)

    Und zu guter Letzt, 1960 (als Beispiel für früher) war der Brotpreis bei 0,43 € / kg, heute (die Zahl ist vom Dezember 2016) kostete im Bundesdurchschnitt ein Brot 2,43 Euro je kg.

    Das Durchschnittsentgelt (das Durchschnittseinkommen aller Versicherten im Sinne der deutschen Sozialversicherung pro Jahr) lag 2016 bei rund 36.000 €, 1960 bei 6.100 DM (also etwa 3120 €).
    Oder in kg Brot: 1960 = 7.255 Brote, 2016 = 14.814 Brote.
    Das heißt, ein Brot kostet heute nur noch die Hälfte!

    >> Was aber eigentlich lobenswert wäre, nämlich eine Rückkehr zu alter Kunst und alten Methoden…
    >> in Berlin eine „Handwerksbäckerei“ eröffnet hat, … auch wenn alles doppelt kostet

    Ja, das kann man haben, aber dann halt auch zu alten Preisen, und die sind nun mal doppelt so hoch!

    Oder kurz: ein handwerklich hergestelltes Brot aus ordentlichen Zutaten kostet heute genau so viel wie früher – nur der Schrott, den es früher gar nicht gab und den viele heute kaufen, ist halt billiger.

    • Solminore sagt:

      Sie wollen mir doch nicht erzählen, daß das Kilo Mehl im Großhandel fünfmal so viel kostet wie im Einzelhandel!

      Außerdem kann man natürlich den Vergleichszeitraum so wählen, daß schöne Wohlstandszahlen dabei herauskommen. Gehen Sie statt bis 1960 bis in die Kriegsjahre zurück, kriegen Sie noch viel günstigere Preise im Vergleich. Mein eigener Vergleich bezieht sich auf den Zeitraum 2002 bis heute, und da ist völlig klar, daß der Brotpreis sich verdoppelt hat. Nie im Leben hat das Brot neun Mark pro Kilo gekostet. Nicht einmal das Bio-Brot. Das teuerste dürfte etwa sechs Mark gekostet haben, im Durchschnitt aber bedeutend weniger.

      Mein Gehalt seit 2002 ist aber nicht um den Faktor 2, sondern lediglich 1,3 gestiegen — demnach kostet mich das Brot heute eben mehr. Tendenz steigend. Und von dem Einkommen, daß Sie als Durchschnitt anführen (ich nehme an, Sie meinen das arithmetische Mittel), kann ich nur träumen.

      Und wenn Sie schon 1960 erwähnen, dann sollten Sie auch anführen, wie hoch damals die Mieten, Strom und Heizung waren. Ich wette, da kämen auch interessante Zahlen heraus.

    • Solminore sagt:

      Und noch etwas, ist zwar weniger basal als Brot, eignet sich aber zur Illustrierung ganz hervorragend. Zuletzt, also bis zum 31.12.2001, kostete die Rosinenschnecke bei meiner Lieblingskette 0,95 Pfennig. Also müßte sie jetzt € 0, 58 kosten, wenn mit der Euroumrechnung alles mit rechten Dingen zugegangen wäre. Was kosten die Dinger heute? Mancherorts schon 1,20. Ein Vergleich mit 1960 macht diesen Sprung nicht leichter verdaulich, wirklich nicht.

  • slowcar sagt:

    Die „Rückkehr zu alter Kunst und alten Methoden“ halte ich für einen Mythos, von den Möglichkeiten her kann man heutzutage besseres Brot backen als jemals zuvor. Modernist Bread als Stichwort.
    Handwerkskunst ist es natürlich trotzdem und einen solchen Bäcker hätte ich auch sehr gerne in der Nachbarschaft oder dem Wochenmarkt.

  • Svenson sagt:

    Als ökoverbrämter Hipster und Kunde besagter Bäckerei sage ich: Die Brote und Brötchen sind göttlich und jeden einzelnen Cent wert. Es ist zum Glück nicht „normal“, denn normal ist eben gleichbedeutend mit billig in Deutschland, billig in Preis und Qualität. Wer ein Problem damit hat 4,5€ für ein Nahrungsmittel auszugeben, welches ihn 3 Tage ernähren kann, hat meines Erachtens den Bezug zu seinen Nahrungsmitteln verloren. Leider auch normal.

    • Lakritze sagt:

      … oder hat schlicht nicht genügend Geld übrig. Übelnehmen könnte ich das nur Leuten, die die Wahl haben — und dazu gehört, neben dem entsprechenden Einkommen, auch die entsprechende Infrastruktur. Leider so gut wie ausgestorben; wird jetzt für die Hipsterviertel neu erfunden …

    • Solminore sagt:

      „Wer ein Problem damit hat 4,5€ für ein Nahrungsmittel auszugeben, welches ihn 3 Tage ernähren kann, hat meines Erachtens den Bezug zu seinen Nahrungsmitteln verloren. „
      Wer damit ein Problem hat, hat vielleicht einfach kein Geld. Schon mal diesen Grund erwogen?

  • Lakritze sagt:

    Ich fürchte, wir leben in einer verkehrten Welt. Es ist völlig normal, den Löwenanteil des Einkommens fürs bloße Wohnen hinzulegen, und einen weiteren großen Batzen für Mobilität. Das war mal anders, da kostete Essen die Hälfte des Verdienstes. (Aber da kannte man in der Regel seinen Bäcker auch noch persönlich.)

  • Fabian sagt:

    Ich verstehe die Aufregung nicht. Die Kunden haben sich für die großen Ketten usw. entschieden. Billig ist gewollt und das bekommt man. Das fängt beim Brot an, geht weiter über’s Fleisch bis hin zu allen anderen Kosumgütern.

    Wenn die Gewinnmarge beim Discounter so groß ist, dann müsste es sich ja rentieren wieder „normal“ Brot und Brötchen zu backen. Aber für das Gehalt will auch niemand mehr um 2 Uhr aufstehen.

    Was mich interessieren würde: Wie soll denn die Rückkehr zum „normalen“ Brot funktionieren? “ In der Backstube zu backen müßte normal, … Und die Preise müßten so sein, …“ Wie? Subventionieren wie in Frankreich?

    Was dabei auch vernachlässigt wird: Es muss genügend Kunden geben. In der Stadt funktioniert das. Auf dem Land … Da sterben ja auch die Tante Emma Läden usw. Wenn man dann einkaufen fährt (gehen geht ja nicht, der Laden ist ja nicht um die Ecke), dann nimmt man das Brot/Brötchen gleich dort mit. Spart ja auch Zeit.

    Und in Nullkommanix ist man dann wieder bei der Steigerungslogik des Kapitalismus, …. Hartmut Rosa lässt grüßen ….

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