20. November 2017 § 4 Kommentare

 
Das Geräusch, mit dem ein Reh sich ankündigt, ist ein kurzes, scharfes Rascheln. Ich wende den Kopf. Die Stirnlampe schlägt den Funken des Augenpaars aus der Finsternis überm aschfahlen Laub. Merkwürdig klein, verharrt es geduckt am Boden, dann aber hochschnellend, setzt es in Bögen davon. Wie lange mag es im Dunkeln verharrt und das herannahende Licht mit wachsender Furcht beäugt haben? Eine Spielfigur in der großen Aufstellung des Waldes, die ich ihm durcheinandergebracht habe.

Der Forst, wo ich laufe, ist kein Wald, sondern eine Fabrik, wo Bäume hergestellt werden, tagsüber; nachts werden sie dann in großen Mengen geklaut. Immer wieder sind die Wege aufgefurcht von Raupenfahrzeugen, fällt der Lichtkegel plötzlich ins Leere einer Rodung, findet meterweit keinen Halt, wo tags zuvor noch in dichter Reihe die Stämme standen. Plötzlich gedämpfte Spiegelungen, Reflexe auf Lack und Glas und blinden Scheinwerferschalen. Ein Harvester, selbst fast so hoch aufragend wie die kümmerlichen Buchenstämmchen ringsum, massiv, träge vor lauter Überlegenheit, gefährlich wie ein schlafender Drache. Geruch nach Schlamm, Dieselöl, Gefahr.

Manche Amseln fliegen nicht auf, wenn ich an ihnen dicht vorbeilaufe, sie flattern nur so ein bißchen mit den Flügeln, als wäre es der Mühe nicht wert; oder als seien sie zu schwer, zu schwarz zum Fliegen, in der Dunkelheit, die sie nicht trägt.

Vielleicht ist die Nacht voller fluglahmer Vögel, festgeheftet am Leim der Dunkelheit.

In völliger Finsternis den Akku der Stirnlampe wechseln. Nach ein paar Sekunden ist es, als hebe sich der Himmel von der schwarzen Erde ab, während die kahlen Baumkronen niederzuschweben scheinen, Aufwärts- und Abwärtsbewegung im Nachlicht auf der Netzhaut. In nicht allzu großer Ferne dröhnt der frühmorgendliche Verkehr; hinter dieser Lärmkulisse, scheint es, hält der Wald den Atem an. Ab und zu entfährt den Räumen ein Tropfen oder ein Rascheln. Sortieren von Spielfiguren.

Am nächsten Morgen im Postfach ein Katalog. „Der Motorsäger. Komfortabel, sicher & günstig durch die Motorsäger-Saison.“

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§ 4 Antworten auf

  • karu02 sagt:

    „Vielleicht ist die Nacht voller…“
    Dieses Bild gefällt mir sehr. Auch, dass die Amseln nachts zu schwarz sind zum Fliegen. Wunderbar.

  • Auch ich benutze manchmal eine Stirnlampe, vor allem, wenn ich alleine etwas repariere. Vor ein paar Wochen ein Ventil im Küchenschrank.

    Laufen ist nicht meins, Deins schon. In mir wächst eine Frage: Ist eine Stirnlampe im dunklen Wald so fremd wie ein Harvester?

    Hier wird seid Jahren ein anderes Waldkonzept gelebt ohne große Rodungen mit Rückepferden. Aus historischen Gründen gehören auch manche Waldgebiete in anderen Kreisen der Stadt, die privaten sind zu klein für solche Wege. Wahrlich nicht alles ist im Lot.

    Mein gegipster Flügel hindert mich gerade am Rad fahren.

    Vor etwa einer Stunde traf ich eine schwarze Amsel. Ein Mensch ganz ohne Fahrradlicht, in dunklen Klamotten radelte mir auf dem Fußweg entgegen. Ich habe geflucht, im letzten Augenblick. Nichts ist geschehen. Seine Sprache, die Stimme war tief, habe ich nicht verstanden.

    Was wäre geschehen, wenn wie gesungen hätten?

    • Solminore sagt:

      Die Stirnlampe ist im Wald so fremd wie der Harvester. Das Bild dafür sind die verrückten Spielfiguren. Ich betrachte mich auch durchaus als Eindringling, der im Gehölz eigentlich nichts verloren hat. Anders als der Harvester hinterlasse ich aber keine Spuren und klaue auch keine Bäume, weshalb ich meinen Waldfriedensbruch eher als Kavaliersdelikt ansehe.

  • zeilentiger sagt:

    Solcher Texte wegen ermahne ich mich zu recht, eben doch gelegentlich in den WordPress-Reader zu schauen.

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