Dies natalis

26. Dezember 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 
Leuchtend der bleibende Ort, als gäb es hier sonstwas zu feiern.
      Fichten, ein Hochsitz und Farn. Wiedererkennbares Hier.

Hier, sagst du, hier. Und der Ort ist durch Jahre derselbe geblieben.
      Wünschtest, es bliebe das Jahr gleich auch am selbigen Ort.

Wünschtest, der Häher, der jetzt seinen Schrei durch die Wipfel geworfen,
      hätte gerufen wie je, kehrte die Stunde zurück.

Ferner der bleibende Ort, die fliehenden Stunden verloren.
      Wünschtest, der Ort blieb bei dir, Fichten, ein Hochsitz und Farn.

Wünschtest, auch du wärst geblieben, der einst hier als Wandrer gegangen.
      Fichten, ein Hochsitz und Farn. Wiedererkennbares Ich.

Advertisements

Solstitium

21. Dezember 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 
Wieder die bunten Jacken, Gesichter, jung wie Laternen.
      Blühend, wie niemals geküßt, schmeckten die Lippen nach Laub.
Immer kein Antlitz in Pfützen, die Fichten im Schatten von Glocken.
      Zitternd ein Rest noch vom Licht letzten, ach, vorletzten Jahrs.

Gedankenbibliothek

19. Dezember 2017 § 5 Kommentare

Ich laufe. Ich laufe in gemessenem Tempo. Ich laufe durch die Schwärze des frühen Wintermorgens. Durch den Wald laufe ich, schaue nach rechts und links, und die Stämme, gelockt von der Stirnlampe, treten aus der Dunkelheit heraus wie neugierige Geister. Zum gemessenen Tempo gehören gemessene Gedanken, Gedanken, die Zeit haben, Gedanken, die Muße haben, Gedanken, die zu Fuß gehen. Die Umgebung ist eine Kulisse, die nichts erfordert. Kein Autoverkehr durchkreuzt meine Spur. Keine Verkehrszeichen erfordern meine Aufmerksamkeit. Der Wald macht mir wohlwollend Platz. Den Weg kenne ich fast im Schlaf. Bestünde nicht die Gefahr des Stolperns, könnte ich den Weg ohne Licht laufen. Aber auch wenn die Füße sicher ihren Weg finden, in den Gedanken kann man sich verheddern und verrennen.

Es liegt eine große Kunst darin, das Richtige zu denken. Das beste wäre, man zieht einen Gedanken zum Denken wie zum Lesen ein Buch aus dem Regal. Falsche Gedanken können langweilig, ermüdend oder nervtötend sein; sie können aber auch verstören, Mut rauben oder schlechte Laune verbreiten. Ein guter Gedanke dagegen unterhält wie ein gutes Buch. Und wie ein gutes Buch zu weiteren Büchern führt, öffnet der gute Gedanken Räume zu weiteren guten Gedanken.

Leider stehen Gedanken aber nicht wohlgeordnet (oder wenigstens gut voneinander geschieden und ansprechbar) im Regal. Tatsächlich frage ich mich, wenn sie schon nicht geordnet sind, wie sie angeordnet sind. Bücher drängeln sich auch nicht vor; aber Gedanken haben die nervtötende Angewohnheit, sich ungebeten in die erste Reihe zu stellen. Weit davon entfernt, gute Gedanken zu sein, gehören zu den vorlauten Gedanken oft im Gegenteil die allerschlimmsten.

Ein dummes Buch läßt sich jederzeit zuklappen, ein dummer Gedanke aber, einmal aufgetaucht, ist kaum wieder wegzuschieben. Wenn es schon sehr schwierig ist, an etwas anderes zu denken, so ist es nahezu unmöglich, überhaupt nicht zu denken. Keinen Gedanken zu haben kann man sich eigentlich nicht vorstellen, denn schon die Vorstellung wäre ein Gedanke.

Selten gelingt eine so tiefe Konzentration beim Laufen, daß ich mich nicht mehr erinnern kann, an einem zurückliegenden Wegabschnitt vorbeigekommen zu sein. Welche Gedanken eignen sich besonders zur Versenkung? Verseschmieden: Während ich an einer Gedichtzeile herumfeile, bis Reim und Rhythmus stimmen, bin ich sowohl in mir drin als außerhalb von mir selbst. Ich bewege mich mit den Gedanken in einem Raum der Sprache, während meine Füße von selbst, und ohne daß ich den Befehl zum Abbiegen geben muß, meine Runde ablaufen. Solches inneres Arbeiten gehört zu den guten Gedanken, versetzt aber in eine gewisse Unruhe, weil man, was man nach längerem Probieren endlich gefunden hat, auch noch heil nach Hause bringen muß, während sich der nächste Vers auch schon halb formt und im Gedächtnis behalten werden will. So etwas kann in Arbeit ausarten, auch wenn man natürlich glücklich ist, wenn einem überhaupt was einfällt.

Schon besser für das innere Abtauchen geeignet ist die Mathematik. Manchmal vergegenwärtige ich mir einfache mathematische Zusammenhänge, versuche mich an das Heron-Verfahren zum Wurzelziehen zu erinnern oder memoriere den Beweis, daß es unendlich viele Primzahlen gibt. Sehr einfache Dinge, aber sie halten mich ein paar Kilometer davon ab, Unbequemes oder gar Schlechtes zu denken.

Schlechte Gedanken kommen von alleine. Ungerufen, sind sie schon lange da, bevor man sie überhaupt bemerkt. Haben sich eingeschlichen, ohne zu klingeln oder die Füße an der Matte abzustreifen. Die Hintertür stand auf, die Terrassentür, die Kellertür, und ehe ich es recht merke, sitzen sie mit einem Glas Wermut im Wohnzimmer, grinsen frech und verwickeln mich in die hitzigsten Diskussionen. Gegner, Feinde, denen ich selbst Stimmen verleihe, um sie dann niederzubrüllen. Ich bin Wort und Widerwort in einem, bin mir mein eigener Feind, fuchtele in der stillen Morgenluft herum, komme außer Atem, verziehe das Gesicht, es ist anstrengend, ärgerlich und so nervenaufreibend, daß ich manchmal richtig schlecht gelaunt vom Laufen nach Hause komme. Es heißt immer, Sport baue Streßhormone ab. Ich kann das nicht bestätigen. Ein zwei Stunden nichts zu tun zu haben bedeutet, den Kopf freizuhaben für die widerlichsten Arenen.

Da hilft dann manchmal wirklich nur noch ein Gedicht.

Ich verstehe, daß manche Menschen sich permanent ablenken müssen. Radio, Fernseh, Internet, nur um sich nicht mit den eigenen Gedanken abgeben zu müssen. Nicht, um die äußere Stille zu verscheuchen drücken sie aufs Knöpfchen, sondern um den Lärm im Innern zu übertönen. Solche Leute gehen auch in Gruppen laufen. Um zu quatschen. Dann quatschen sie nicht beim Laufen, dann laufen sie beim Quatschen, daß man es im ganzen Wald hören kann. Quatschen bei knappem Atem, das gibt ein ganz charakteristisches Geräusch, so ein bellendes Herausstoßen von möglichst vielen Silben zwischen den schnellen Atemzügen. Natürlich geht es dabei um mehr als ums Quatschen, es geht darum zu zeigen, wie überaus gut in Form man ist: Da ist, japs, noch, japs, Atem übr, japs, ig, um zu reden. Gott, was sind diese Leute cool.

Ich mache so etwas nicht, für mich besteht der Sinn des Laufens unter anderem darin, daß ich alleine bin. Meine Gedanken, wenn ich Pech habe, stören mich schon genug, da kann ich mich nicht auch noch mit Mitläufern befassen.

Am besten ist es – aber es gelingt nur sehr selten – wenn ich mir beim Laufen Geschichten erzähle. Für Geschichten braucht man ein gutes Auge und ein scharfes Gehör. Oft sieht man sie nur von hinten, ihren Schluß. Oder sie zeigen die Schnurrhaare ihres Anfangs, und dann, raschelraschel, sind sie wieder weg, und man steht da mit dem Anfang von Geschichten und weiß nicht weiter. Geschichten sind empfindlich, sind bei ihrem Entstehen zarte Gebilde, zarter als die Geister von Verstorbenen, schwerer faßbar als Geister von zukünftigen Menschen, man könnte sagen, sie sind scheu, flüchtiger als die Rehe, die manchmal im Morgengrauen unter den Schemen von Weiden und Weißdorn vor mir reißaus nehmen.

Abseits. Kein Lauf

13. Dezember 2017 § 3 Kommentare

Der Morgen hoch, fern und still, einsam balancierend, wie Wind auf der Spitze von Türmen. Nicht mehr fiebernd aber noch krank, denke ich mir die Wege. Es verursacht leichten Schwindel zu denken: Die Wege sind auch ohne mich da. Ich stelle mir vor, wie sie sich im Dunkel verzweigen, überkreuzen, in sich selbst zurücklaufen, abseits von Zeichen und Weisern im Unterholz liegenbleiben oder quer übers Feld einem Schwarm Raben folgen. Die Nacht der Wege ist dieselbe wie die hier vor den Scheiben. Ich liege im Bett und trinke den Morgenkaffee. Oben, auf dem Villerücken, ist eine Wiese, und auf dieser Wiese ein Apfelbäumchen. Wie mag es dort jetzt, in diesem Moment, aussehen? Ich könnte aufstehen, hochlaufen und nachsehen. Der Baum wäre zuverlässig da. Auffindbar, in der Welt. Aber.

Nicht aufzustehen und loszulaufen hat etwas von einer Regelwidrigkeit. Es ist wie im Gottesdienst an der falschen Stelle aufzustehen oder sich zu setzen. Wie Schuleschwänzen. Man ist fehl. Dort, wo man sein müßte, fehlt man, hier, wo man ist, ist man fehl am Platz: Die Stadt wird inzwischen von ganz anderen Wesen bewohnt. Alles starrt mich an, was ich hier verloren habe. Selbst die eigenen vier Wände schauen mich an, als fühlten sie sich durch meine Anwesenheit gestört. Als wäre ich in die Probe eines absolut unbegreiflichen Stücks geraten. Die Fenster werden hell. Ich begreife, daß sie darauf warten, daß ich endlich verschwinde aus diesem kühlen Innenraum, der ihnen zu dieser Stunde alleine gehört. Allein, hohl, hallend und weitläufig leer, wie die falsche, die Gangseite des Klassenzimmers, all der Klassenzimmer, nachdem es zur Stunde geklingelt hat. Nie hingen die Jacken lebloser und sinnloser an ihren Haken.

Es ist, als wäre das Wasser eines tiefen Sees abgelassen, und nun fänden sich am Grund die unglaublichsten Dinge. Dinge, die durch ihre Vereinzelung plötzlich ein intensiveres Dasein bekommen, wie ein Schornsteinfeger in einer Backstube oder ein Feuerwehrmann in voller Montur in einer Sauna. Eine Badewanne voller Schlamm. Ein Lenkrad. Ein Zahnarztstuhl. Eine Glasvitrine voller Gläser und verrutschter Untertassen. Dinge für sich allein, unbeobachtet, haben mich schon als Kind fasziniert. Es konnte etwa passieren, daß ich am Morgen der Heimreise vom Urlaubsort ein Detail meiner Umgebung fixierte, eine Terrassenkachel, einen flachen Feldstein, ein Gartentor, und mich in den Gedanken versenkte, daß Kachel, Stein oder Tor auch heute abend noch da wären, wenn meine Blicke davon schon lange abgezogen wären, ich längst fort, und hunderte Kilometer entfernt wäre; und daß mir dann an meinem entfernten Ort dieses Kachel wieder einfallen würde, so daß das, was mir jetzt noch lebendig und verfügbar und nahe vor Augen stand, zwar nicht weniger real als jetzt, aber unzugänglich weit entfernt sein würde. Eine ganz andere Welt! Zwei Welten, und ich bewegte mich von einer zur anderen, doch stets so, daß sie sich in ihrer Wirklichkeit nie würden zur Deckung bringen lassen. Dieser Gedanke verursachte mir stets ein sanftes Grauen, von dem ich bis heute nicht weiß, ob es angenehm gewesen ist oder nicht. Natürlich kann man sich solchen von jeder Beobachtung isolierten, weit entfernten, in sich selbst versunkenen Gegenständen niemals nähern. Man kann nie wissen, wie sie wirklich sind, und wirklich heißt: Unabhängig von ihrer Beobachtung. Denn näherte man sich ihnen, dann wären sie ja nicht mehr unbeobachtet. Zugänglich sind diese einsamen Gegenstände und Orte einzig durch die Sprache, durch die Imagination. Und ihren grauenhaften Zauber haben sie nur kraft der Entrücktheit und der Ambivalenz, daß sie zwar real aber unverfügbar weit entfernt sind.

Ich werde also nie wissen, wie der Weg wirklich ist. Der Apfelbaum auf der Wiese am Scheitel der Straße, er ist eben nicht auffindbar, nicht als derjenige Apfelbaum, den ich mir vorstelle, wenn ich unpäßlich im Bett liegen bleibe. Die Orte fliehen, die Wege. Man holt seinen Weg niemals ein. Der ersonnene Ort ist nicht der wirkliche Ort. So wie die Erinnerung nicht das Ereignis ist, das sie abbildet: Irgendwo gibt es das vielleicht noch, jetzt, in diesem Augenblick, die Kachel, den Feldstein und jenes Gartentor, das offen steht oder nicht.

Wo bin ich?

Du siehst dir momentan die Archive für Dezember, 2017 auf VOCES INTIMAE an.