Zwischenjahrszeit

8. Januar 2018 § 2 Kommentare

 
Es wintert. Es wintert neue Winter. Es wintert alte Winter neu, uralte. Ich stelle mir vor, wie sie sich entwickeln, Organismen, die aus Zellteilung hervorgehen, die Jahreszeiten, jede eine nicht ganz perfekte Kopie ihrer Elternjahreszeit. Die Zäune streben nach schmutzigen Horizonten, in den knapp bemessenen Fenstern frierender Häuser drängeln sich die Wolken, ferne Spiegel, gefangen wie in einem tiefen Brunnen. Ein Weg ergibt den anderen, jedes Feld führt zu einem anderen Horizont, und all diese Fernen sind nur den Vögeln vertraut, die sich ihrerseits ihnen anvertrauen, ihrem Sog, ihrem Wind. Windstimmen, Wolkenohren, Regenglocken. Ein Bach verfängt sich im Gestrüpp. Ein Apfelbaum schüttelt Meisen aus seiner Krone. Die Fernen fließen ineinander.

Früher hielt die Zeit still in diesen Tagen. Zwischen Feiern und Feiern, schon entlassen aus dem alten Jahr, noch nicht angekommen im neuen, sie stand still und war still dabei, alles war still und sehr groß, größer und ferner als sonst, groß und in der eigenen Tiefe ruhend. Da schaute man zwischen den Baumkronen in den regenschwangeren Himmel und wurde selbst still. Die Weite hielt Glockengeläut in der Faust, zwischen den mächtigen Fingern rieselte Klang heraus, es war, als atmeten die Wurzeln der Pappeln, leise, langsam, nur in diesen Tagen konnte man es hören. Die Menschen waren fortgegangen, man blieb zurück, als Hüter oder als Verbannter, das war nicht genau zu sagen. Von der flachen Hand der Erinnerungen flogen Vögel auf.

Langsam wird es heller, die Luft leichter atembar, die Weite bietet sich gangbarer an, die Schritte stolpern nicht mehr, fühlen festeren Grund. Schon will ich aufatmen, aber noch traue ich mich nicht. „Freundlich sein zu anderen und zu mir selbst“, das schreibe ich mir, keinen Vorsatz, einen Wunsch, ins Tagebuch.

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