Fensterkreuz, 28. Februar 2018

28. Februar 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Tag beginnt mit dem Brausen von Autoreifen, dem Jaulen von Zweitaktern. Meeresrauschen, an- und abschwellend, ein Stadt- und Stahlmeer. Der Schlaf geht fehl, schon wach, erwarte ich den Wecker.

Träume von ehemaligen Freundinnen. C., bist du es? Ich besuche sie in ihrem Haus, das sie mit dem neuen Mann bewohnt, jetzt schon viele Jahre. Man hat dort umbauen wollen, eine Zimmerdecke anheben, eine Zwischendecke entfernen, darüber war man sich uneins, der Mann (das alles erzählt mir C., oder ich weiß es von früher, sozusagen von einem im Wachzustand nicht mehr greifbaren, nur vom Traum her wieder zugänglichen Traum), der Mann also (ein merkwürdiger Wiedergänger eines ganz anderen Partners, einer anderen Bekannten) habe diesen Plan gehabt, C. einen anderen, C. sei skeptisch gewesen, funktioniert hat dann nicht das Vorhaben des Mannes, die Schwierigkeiten, von C. vorausgesehen, seien zu groß gewesen. Ich bin also in diesem Haus, und irgendwie trage ich eine Schuld, müßte jemand schlecht auf mich zu sprechen sein, falle ich zur Last, und das Gespräch, das Inspizieren des renovierten Raums, hilft darüber hinweg. Vielleicht sollte ich dem anderen Mann nicht begegnen. Zuletzt schneide ich eine Tube mit weißer Farbe oder Holzleim auf und bekomme etwas davon in den Mund. Es schmeckt nicht unangenehm, aber ich weiß, daß das giftig oder unverträglich ist, also bemühe ich mich, es auszuspucken. Irgendwie führt das weiter in eine andere Situation, wo ich eine Mahlzeit zubereite und Möhren in Ringe schneide, zu spät merke ich, daß die Möhren innen einen grünschimmeligen, pelzigen Kern haben, ringförmig von gesundem Gewebe umgeben, zu viele Möhrenstücke sind schon in der Suppe gelandet, um sie einzeln herausfischen zu können. Der Schimmel riecht nicht unangenehm, aber ich habe Zweifel, ob man das essen sollte. Große Frustration und Ungeduld angesichts der Aussicht, alles wegschütten zu müssen. Damit in keinem Zusammenhang stehend Gefahr, die von einer Frau ausging, von der nur bekannt war, daß sie ein Attentat plane und auf einem verödeten Bauernhof gesehen worden sei. Und dann ging es noch um einen Hund, mit dem Wortlaut: … um das Leiden bis zum Einschläferungstermin möglichst gering zu halten … Der Einschläferungstermin, so schien es im Traum, lag aber wohl noch wegen hoher Anmeldezahlen in weiter Ferne. – Mich gruselt es, wenn ich dabei an menschliche Zukünfte denke, die vielleicht in weniger großer Ferne liegen, als uns allen lieb sein kann.

Dann die Nachrichten, und auch die aus den Meldungen wenn nicht erschließ- so doch erahnbaren Zukünfte verheißen wenig Gutes, bzw. lassen den Hörer, den unausgeschlafenen Hörer zumal, am menschlichen Verstand zweifeln. (Als ob man an den noch geglaubt hätte.) Man ist auf den Mond geflogen, man läßt Lego-Autos über den Mars rollen, man setzt eine Sonde auf dem Titan auf und plant eine Tauchfahrt in den subglazialen Ozean auf Europa – allein, in der sublunaren Welt, vulgo hier auf Erden eine Infrastruktur zu bauen, in der man ohne Autos leben, arbeiten und wirtschaften kann, nein, das kriegen wir nicht hin, das scheint zu schwierig zu sein. Lieber streitet man sich über Abgaswerte. Als ob die – egal ob gefälscht oder echt – der Kern des Problems wären! Die einen fordern Aufrüstung der alten Dieselmotoren, die anderen, und jetzt kommt’s: eine Investition in modernere Fahrzeuge. Ich höre die nächste Abwrackprämie schon von ferne klingeln. Was aber ist der Kern des Problems? Die Automobilität an sich. Das Auto muß weg. Wir sollten lieber schauen, wie wir das hinkriegen, statt uns um blaue Plaketten zu kloppen. Da könnte man sich auch über Schadstoffgrenzwerte in Zigarettenrauch streiten, es wäre nicht weniger albern. Pünktlich zu den Nachrichten bekomme ich über Campact die allfällige Unterschriftenaktion unterbreitet, worum geht es? Die Nachrüstung von Dieselfahrzeugen darf nicht zu Lasten der Allgemeinheit (des Steuerzahlers) gehen! Prinzipiell bin ich damit einverstanden; nur kleben an dieser Forderung unausgesprochen so viele falsche Prämissen, allen voran die, daß diejenigen, die sich überhaupt ein Auto zulegen, keine Schuld an mieser Stadtluft treffe, daß ich diesmal von einer Unterzeichnung absehe. Unterzeichnen würde ich Appelle für die Aufwertung innerstädtischen Lebens durch Grünanlagen und autobefreite Zonen; für die flächendeckende Versorgung mit Geschäften; für die Abschaffung von Einkaufszentren auf der grünen Wiese; für den Ankauf von öffentlichen Gebäuden durch die Gemeinden sowie deren kostengünstige Vermietung an kleine Einzelhändler; unterzeichnen würde ich sofort für eine Einführung einer drastischen Umweltsteuer für Fahrzeughalter; für ein Tempolimit; für eine ordentliche Besteuerung von Flugbenzin; für einen flächendeckenden Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Das wären Maßnahmen für saubere Luft in den Städten, die langfristig wirksam wären, vom besseren Leben ganz zu schweigen.

Meine Antwort auf den Irrsinn? Irrelevante Texte auf relevanten Quark werfen. Anflüstern gegen einen ohrenbetäubenden Lärm.

[Johann Joachim Quantz, Trio c-Moll für zwei Flöten & BC]

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Fensterkreuz

27. Februar 2018 § Ein Kommentar

Eine halbe Stunde, bevor das Fensterkreuz sich vorm Himmel abzuzeichnen beginnt, klingelt der Wecker. Im Traum habe ich eine fremde Sprache gesprochen. Die Sprache der Stadt-am-Ende-des-Jahrtausends, was eine Weile nachklingt. Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe, aber ich weiß, daß es stammelnd war, im tastenden Sprechmodus eines, der ein geliebtes Idiom durch langen Nichtgebrauch beinahe vergessen hat und erkennen muß, daß ihn die Geliebte ihrerseits im Stich läßt.

Ich würde am liebsten liegenbleiben, aber die Pläne sprechen dagegen. Was für Pläne? Und ist nicht jeder Plan eitel? Was wird sein, wenn die Pläne alle zum Ziel geführt haben werden? Nichts wird sein. Außer neuen Plänen. Und den letzten Plan läßt man unvollendet zurück. Und von den vollendeten hat man auch nichts mehr. Ich habe jetzt schon nichts von den vollendeten Plänen. Sie sind vergessen, kaum, daß sie verwirklicht sind.
Erfolg und Stolz, so leicht vergessen wie das geliebte Idiom. Du weißt vielleicht zu siegen, dich am Sieg zu freuen verstehst du nicht.
Oder man verzichtete auf jeden Stolz. Wie aber sollte man dichten, ohne stolz zu sein?

Beine anwinkeln, rechte Hand auf der Stirn, linke zwischen die Knie geklemmt, seufze ich behaglich. Nur noch ein bißchen liegenbleiben und das geliebte Idiom praktizieren. Nur noch ein bißchen Netze auswerfen und Spiegel fangen, nur noch ein bißchen. Und dann geht der Wecker. Und ich fordere mir Worte ab, Worte und Worte, denen ich, die mir, immer fremder werden.
Ich wünsche mir einen Pelz aus Wäldern und den Gedächtnisschwund des Mooses. Wie ein Stein mit dem Gesicht nach unten im Waldboden liegen und durch die Erde Wolken atmen.
Arbeit, Arbeit. Fremde Leben in einem Text, was bindet mich an sie? Wer sind diese Personen überhaupt, was wollen sie von mir? (Nichts; ich will etwas von ihnen.) Im Fensterkreuz graut es farblos. Der Mond ist verschwunden wie eine Brille in einem schimmernden Etui. Allenfalls zu ahnen: die Kurzsichtigkeit der Kirchturmuhr.

Einer wie der andere reihen sich die Tage. Warum müssen Tage Namen haben? Es wäre besser, sie hätten keinen. Ungerahmte Bilder. Ungeschliffene Edelsteine. Quellwasser ohne Fassung.
Dieser heißt Diens, und ist wieder einer von diesen Tagen, gleich welchen Namens, die mich absolut nichts angehen.

(Mysliveček, Sinfonie A-Dur.)

Arme Poeten

27. Februar 2018 § 2 Kommentare

Vor kurzem über Baudelaire gelesen, er habe in einer Zeit gelebt, die für einen wie ihn keine Verwendung hatte. Einen Moment lang tröstet mich das: So einer bin ich doch auch? Siehstemal, und trotzdem oder gerade deswegen war Baudelaires Leben bedeutungsvoll; wir beurteilen ihn von einer Warte höherer Gerechtigkeit und celebrieren seinen Nachruhm mit Genugtuung. Dann sei, sage ich zu mir selbst, stolz darauf, daß deine Zeit mit dir auch nichts anzufangen weiß: Wage, dich mit derselben höheren Gerechtigkeit zu rechtfertigen, die du auf jenen armen Poeten angewandt siehst und vor der seine brüchige Existenz doch noch Gnade fand: Kannst du dir nicht eine solche Gnade schon als Vorschuß auf deinen Post-Mortem-Nachruhm selbst auch leisten?
Für einen Moment ist das ein guter Gedanke. Nur: Ich bin nicht Baudelaire. Auf Nachruhm darf ich nicht hoffen, geschweige denn, mir darauf einen Vorschuß zu genehmigen. Und die Gerechtigkeit, die wir dem Dichter angedeihen lassen, folgt auf einer höheren (der höheren Gerechtigkeit angemessenen) Ebene doch wieder dem Leistungs- und Brauchbarkeitsprinzip. Wir decken nur einen Irrtum auf. Weit gefehlt, wenn wir annähmen, wir schätzten Baudelaire jetzt für seine Unbrauchbarkeit. Wir weisen nur nach, daß er eben doch brauchbar war. Nicht für das, was er nicht war (ein braver Bürger, brauchbarer Mitläufer und fleißiger Konsument), loben wir ihn heute, sondern eben doch nur für das, was er war: ein genialer Dichter. Seine übrige Unbrauchbarkeit für die bürgerliche Gesellschaft verzeiht man ihm ja nur, weil er dichten konnte, nicht weil sie an sich selbst einen Wert gehabt hätte. Niemand erinnert sich heute an die vielen Verweigerer, Versager, Unbrauchbaren, Unpassenden, denen eben nicht gegeben war, ihre Brauchbarkeit auf einem anderen als dem bürgerlichen Terrain unter Beweis zu stellen, niemand weiß von den vielen, die es zweifellos auch gegeben haben muß, die nichts besaßen außer ihrer Unpassendheit, und die für diese Unpassendheit nicht mit eigenen Fleurs du mal bezahlen konnten. Unpassend zu sein reicht nicht. Irgendwas muß der Mensch auch leisten (und sei’s, wenn schon nichts Besseres, daß er dichte), sonst ist er nichts.

(Ich denke gerade an eine Donald-Duck-Geschichte, in der die Hauptfigur Donald (ein Versager par excellence), vom Philosophen Diogenes hört und, begeistert von dessen Vorbild und weil er die Miete nicht mehr zahlen kann, sich auch in eine Tonne legt. „Jetzt verkauft er“, schimpfen die drei (ebenso cleveren wie clever angepaßten, womöglich aber auch für eine humanere Zukunft stehenden) Neffen, „seine Faulenzerei auch noch als Philosophie!“)

21. Februar 2018 § 2 Kommentare

Allein bei Nacht im finsteren Wald, das ist nicht schlimm. Schlimm ist nicht allein bei Nacht im finsteren Wald.
Da war zum Beispiel neulich dieses Geräusch. Es hörte sich an wie ein Hundegebell – und doch wieder nicht. Eher ein Knall. Ein Gerumpel. Und dann doch wieder ein Bellen. Egal, was es war, es machte Angst, weil es unbekannt war. Die normalen Geräusche des nächtlichen Waldes sind mir alle vertraut, nicht einmal ein Wildschwein oder Hirschgebell kann mich ernstlich aus der Fassung bringen. Aber das hier, das war etwas ganz anderes, das war keiner Quelle zuzuordnen, das klang sofort nach Gefahr. Selbst wenn es Hunde gewesen wären: Hunden, die so bellen, will ich nicht begegnen, nicht allein im dunklen Wald und auch sonst nicht. Viel beunruhigender als die eventuelle Tatsache von Hunden war aber der Ort und der Zeitpunkt. So tief im Wald führt gegen sechs Uhr niemand seinen Hund aus. Es sei denn, es ist ein Jagdhund. Mit Jagdhunden habe ich indes keine Erfahrungen, ich kann nur alles zwischen Promenadenmischung und Pinscher einschätzen. Natürlich dachte ich sofort an den Fall der britischen Touristin, die in Griechenland einer Meute Wildhunde zum Opfer fiel.
Das sind Momente – zum Glück sind sie sehr selten –, wo ich mir allen Ernstes überlege, umzukehren. Nun habe ich das zwar noch nie wirklich gemacht, aber spaßig ist der Lauf dann – bis zum Moment, wo sich der Lärm als das Gerumpel von Baumstämmen beim Umladen entpuppt – ein Spaß, wie gesagt, ist das dann nicht mehr.

Oder Lichter. Was zum Kuckuck! Da leuchtet doch was. Links im Wald, in unbestimmter Entfernung. Da gibt es nichts zu beleuchten, da ist nichts von Interesse, da ist nicht einmal ein Weg! Lichter haben da nichts verloren. Jetzt schwankt es, verschwindet hinter Bäumen. Jetzt taucht es wieder auf. Lautlos. Manchmal begegne ich Fahrradfahrern. Aber Fahrradfahrer benutzen, genau wie ich, Wege. Dieses Licht da drüben, ein weißes Scheinwerferlicht, zuckt in wegloser Wildnis. Und jetzt geht es aus.

Ich denke da immer an Science-Fiction-Filme, wo das außerirdische Raumschiff auch immer bei Nacht in irgendeinem nebligen Sumpf landet. Es gibt keinen besseren Katalysator für Horrorphantasien als sich allein im Wald bei Dunkelheit aufzuhalten. Doch: sich in einem Wald aufhalten, bei Dunkelheit, in dem Lichter umherspazieren und unklare Ursachen Geräusche machen. ein Wald, in dem man nicht länger allein ist.

An einem Frostmorgen

20. Februar 2018 § 3 Kommentare

Die Trauer, daß nichts bleibt: Manchmal ist der Sog der Zeit fast körperlich zu spüren. Die Bücher und Gechichten sind inzwischen Fluchträume. Nicht um der Zeit zu entgehen (auch das Lesen ist schließlich in der Zeit), sondern um die alternative Zeit innerhalb der Geschichte gegen die unerbittliche äußere Zeit zu stellen. Die Zeit in der Geschichte kann vieles, was die echte Zeit nicht kann: jederzeit angehalten und wieder aufgenommen werden; sich beliebig oft (eingebettet in die reale Zeit) wiederholen; sich dehnen oder beschleunigen (relativ zur einbettenden Zeit); Schleifen beliebiger Länge bilden.
Nur eins kann sie nicht: rückwärts laufen und den Gang der Geschehnisse ändern.

Was sind Erinnerungen? Habe ich das, woran ich mich erinnere, wirklich erlebt? Kann ich an meinen Erinnerungen zweifeln? Wahrscheinlich muß ich es sogar. Aber was für ein Zweifel ist hier gemeint? Der Wahrheitsanspruch der Erinnerungen, daß sie etwas abbilden, das wirklich geschehen ist, und daß sie es so abbilden, wie es geschehen ist. Und in der Reihenfolge, im Verhältnis zu anderen (Erinnerungen von) Geschehnissen. Aber wie wirklich ist die Vergangenheit? Ist sie überhaupt wirklich? Man könnte sagen, die Vergangenheit muß wirklich sein, insofern sie die Summe von Vorläufergegenwarten zur aktuellen Gegenwart ist, als notwendige Folge von Weltzuständen, die zum jeweils aktuellen Weltzustand geführt hat. Auch meine Erinnerungen sind dann das Ergebnis einer Folge von Weltzuständen, zu denen neben der äußeren Wirklichkeit auch die Wirklichkeit meines Wahrnehmungs- und Gedächtnisapparates gehört.

Solche Überlegungen machen nichts leichter, im Gegenteil. Solche Überlegungen zerren an den Fundamenten, am sicheren Grund dessen, was Dasein heißt. Dasein heißt, zu ignorieren.

Den eigenen Erinnerungen beikommen. Das Unverfügbare zu einer Geschichte formen. Vielleicht ist nichts wirklich außer Geschichten. Damit würde ich meinen Erinnerungen erst Dasein verleihen, wenn ich sie aufschreibe. Mit diesem Akt des Aufschreibens und Veräußerns entsteht indes etwas, das sich von den Erinnerungen vollständig gelöst hat und unabhängig von ihnen existiert. Erinnerungen lassen sich nicht verlustfrei digitalisieren. Sie lassen sich nicht einmal zuwachsfrei, zuwucherungsfrei, verfälschungssicher festhalten. Im Aufschreiben entsteht grundsätzlich etwas Neues, zu dem die Erinnerungen nur die Vorlage liefern. Etwas Neues, das wiederum selbst, weil das Schreiben und Sich-Erinnern ja auch innerhalb der Zeit stattfindet, neue Erinnerungen hervorbringt (an den Akt des Schreibens und Wiederlesens nämlich).

Ein Moment, ein beliebiger, aber dieser, dieser eine, am frühen Morgen. Frostgewölk über einem verschrumpelten Berghang; zwei Amseln im kahlen Flieder; ein gelber Schnabel leuchtet anstelle von Blumen; Rauch aus Kaminen, wie die Nachahmung von Vögeln; Heizungsluft läßt eine Gardine leise wogen. Auf den Knien summt der Rechner. Die Amsel fliegt davon.

Das ist nun dieser Augenblick gewesen. Werde ich mich anders daran erinnern, jetzt, wo ich etwas darüber aufgeschrieben habe? Ein Zeichen, so eine gängige Definition, ist etwas, das für ein anderes steht. Wörter, die für meine Erinnerungen stehen. Aber das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Denn das, wofür ein Zeichen steht; das, was ein Zeichen nur zusammenfassen kann: ist ja soviel mehr als das Zeichen. Und umgekehrt kann ein Zeichen, durch impliziten Verweis, Aufruf, Ausstrahlung so viel mehr sein als das, wofür es steht.
Zeichen und Erinnerungen, beide sind mehr als das andere.

Irgendwann lese ich diesen Absatz vielleicht noch einmal. Nächstes Jahr oder übernächstes oder in zwanzig Jahren, sollte ich dann noch leben.

Schon jetzt aber die Trauer, diesen Himmel, diese Wolken, diesen Amselschnabel und diesen Flieder nur einmal gesehen zu haben, und nie wieder, nie wieder so.

Grimm

19. Februar 2018 § Ein Kommentar

Eigentlich hätte ich von den Grimmbrüdern träumen müssen nach der Lektüre gestern abend. Nicht von den Märchen- aber von den Wörterbuchbrüdern. Deren Darstellung und Lebenserzählung durch Günter Grass in seinem Buch Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung hätte gewonnen durch die eine odere andere Wortgeschichte und wäre besser gelungen, wenn Grass auf die Eitelkeit verzichtet hätte, Episoden seines eigenen politischen Engagements an Stichwörter aus dem Wöterbuch wie aus dem Leben seiner Begründer zu knüpfen. So interessant das manchmal sein mag, so klingt es doch in dieser eigentlich einen anderen Zweck verfolgenden Biographie wie vorgedrängt und wichtig getan. Grass beschreibt an der Lebensgeschichte der Brüder Grimm entlang in Zeitsprüngen aktuelle und schon länger nicht ausrottbare Mißstände im modernen Deutschland und andernorts herrlich böse und mit einem Sarkasmus, der den Leser nicht ohne grimmige Zufriedenheit mit den Zähnen knirschen läßt. Aber man denkt ständig, das gehört in ein anderes Buch! Was hat das mit mit den Wörter- und Märchensammlern Wilhelm und Jakob zu tun, außer, daß das Lemma Freiheit oder Democratie als Gelenk für die Darstellung von Grass‘ politischem Aktivismus dient? Das ist doch manchmal arg bemüht: „A propos Freiheit: Das erinnert mich, wie ich einmal auf dem SPD-Sonderparteitag deutliche Worte fand …“ etc p.p. (Vielleicht doch mal die Zwiebel lesen? Und eine wissenschaftliche Biographie der Gebrüder Grimm!)
Was man sich völlig unabhängig davon auch mal vornehmen könnte: Täglich ein Lemma aus dem Grimmschen Wörterbuch nachlesen. Zum Beispiel, warum nicht, das Lemma Anfang? Oder, da wir gerade beim Anfang sind, den Anfang: A, der edelste und ursprünglichste aller Laute, aus brust und kehle voll erschallend, den das kind zuerst und am leichtesten hervor bringen lernt, den mit recht die alphabete der meisten sprachen an ihre spitze stellen. a hält die mitte zwischen i und u, in welche beide es geschwächt werden kann, welchen beiden es sich vielfach annähert. Vorgeschichte und geschichte unserer sprache verkünden solche übergänge allenthalben. … Das ist Literatur!

Animalia tristia

14. Februar 2018 § 3 Kommentare

Und da sitzen wir nun in einer Sofanische eines Eiscafés, miteinander geschlafen habend, aufgewärmt, geduscht, durchgefroren von der Promenade und verschrien von Möwen, jetzt abermals aufwärmend, zivilisierten Anscheins, aber inwendig, oh je, total verstrubbelt.
„Ich bleibe einfach hier bis morgen früh“, hast du zu Hause gesagt, als ich von der Toilette kam, und ich habe mich übers Bett gebeugt, dich geküßt und geantwortet, ja, mach das, und wir beide wußten, was wir immer wissen, daß das nicht geht. Und auch, daß solche Sätze dazugehören, lange nachklingen und trösten, wenn man sie nur von der Vorderseite anschaut.
Wir brauchen viele Vorderseiten, um uns zu trösten.
Heute scheinst du mehr davon zu brauchen als sonst, schmal siehst du aus, wie unversehens aufgewacht, wo du gar nicht sein wolltest, ein Vogel, der aus dem Nest fiel. Das beste daraus machen, so ist es immer. Das beste ist, einander unterm Tisch die Hände wärmen und einander Dinge sagen, die nur eine Seite haben, Pläne, die realisierbar, Zufluchten, die erreichbar sind, aufrufen und voreinander ausbreiten. Am Nebentisch sitzen zwei alte Frauen, eine hockt hinter ihren Brillengläsern wie eine Eule, die andere hat Parkinson, ihre braunfleckige Hand hat ein Eigenleben wie ein Kaninchen. Ein Pinscher fängt an zu bellen. Eine Espressomaschine röchelt und spuckt Dampf. Ich schaue dich an, wir sind fehl am Platz. Wir sind nirgends zu Hause, wir kommen nirgendwo an. Wir reden, aber der ganze Raum scheint mitzuhören. Wir fassen uns bei den Händen, es ist heimlich. Wir schauen uns an und sind nicht allein. Vorhin, in meiner Wohnung, habe ich dir einen Pullover angeboten, Extrasocken, du wolltest nicht, du wolltest in mein Bett, mit mir. Aufladen, haben wir das vor ein paar Tagen genannt, es ist manchmal das einzige, das hilft, und in diesem Moment, innerlich zerzaust, eins den Geschmack des andern noch unter der Zunge, vor dem Tisch, unter dem sich die Hände halten, inmitten Geklirrs von Geschirr und Gekläffs zweier Hunde, im Geruch überhitzen Speisefetts, ist jenes Bett, jener Ort zum Aufladen, Aufatmen, Aufwärmen und Aufleuchten so weit weg wie der Mond. Es ist warm in dem Café, Licht strömt in Wintersträußen herein, aber ich sehe, daß du frierst, und kein Pullover kann dieses Gefühl vertreiben. Deine Augen frieren, dein Blick.
Kurze Zeit später schaue ich wieder einmal einem Zug nach. Ich winke in die frostige Luft, in der das Licht keinen Halt findet, denke, daß du mich schon gar nicht mehr sehen kannst, winke weiter, und von all den schönen Sätzen, die wir uns gesagt haben, sind wieder nur die Rückseiten übrig.

un admirador

6. Februar 2018 § 3 Kommentare

Wagen kann ich es nicht, zu leugnen die lockeren Sitten,
     oder für meinen Fehl heuchelnde Waffen zu ziehn.
Also gestehe ich frei, wenn Geständnisse irgendwie nützen;
     töricht der ganzen Schuld trete die Beichte ich an.
Hassen muß ich und will vergeblich nicht sein, was ich hasse:
     Ach, wie schwer ist die Last, die man zu lassen sich müht!
Denn es fehlen mir Kraft und Gesetze, mich selbst zu beherrschen:
     Wogen reißen mich hin, gleich dem gebeutelten Schiff.
Nicht ist’s nur eine Gestalt, die mich einlädt, mich zu verlieben:
     Tausendundeinen Grund gibt es, der Liebe mir weckt.
Sei es, daß eine so züchtig den Blick hält zu Boden geheftet,
     gleich muß ich brennen für sie, weil so viel Zucht mich bezirzt.
Ist eine wiederum frech, so verlieb ich mich, weil sie nicht blöd ist,
     und weil die Hoffnung besteht, daß sie auch frech ist im Bett.
Ist eine spröde und tut wie ein strenges Weib der Sabiner,
     glaube ich gleich, daß sie will, trägt nur die Nase recht hoch.
Bist du gebildet, entzückt deine Gabe erlesener Künste;
     bist du es nicht, mich entzückt einfach dein schlichtes Gemüt.
Nennt eine doch das Werk Kallimachs verglichen mit meinem
     bäurisch: Hach! Mir gefällt, der ich gefalle, sofort.
Will eine mich als Dichter zusamt meiner Dichtung bekritteln:
     wünscht’ ich, die Kritikerin setzte sich mir auf den Schoß.
Schreitet sie weich: die Bewegung entzückt. Eine andere mag hart sein:
     Weicher wird sie wohl sein, liegt sie erst neben dem Mann.
Dafür, daß eine süß singt und kunstvoll die Stimme läßt klingen,
     will ich der Sängerin Kuß rauben und schenken zurück.
Eine läßt laufen die Finger so artig auf klagenden Saiten –
     oh, welch kundige Hand! Lieben, wer könnte sie nicht?
Eine gefällt mir beim Tanz, wie sie windet die zahlreichen Arme,
     kreiseln in lieblicher Kunst läßt sie den biegsamen Leib –
Abgesehen von mir, der vom kleinsten Liebreiz gerührt wird:
     Hippolyt an meiner Statt würde hier gleich zum Priap!
Du, so groß wie du bist, du gleichst Heroïden, den alten.
     Füllen wirst du wohl ganz, lang wie du bist, mir das Bett.
Kurz ist die andre und darum recht handlich – ich schwärme für beide;
     denn meinen Wünschen entspricht Lang oder Kurz, ganz egal.
Putzt sie sich nicht, überleg ich, wie schön erst geputzt eine wäre.
     Putzt eine sich, ihren Reiz weiß sie zu stellen zur Schau.
Auf die Blondine flieg ich, ich fliege auch auf die Brünette,
     auch unter schwarzem Haar geizt nicht Frau Wollust mit Reiz.
Sei es, daß dunkles Gelöck über schneeweißen Nacken herabfällt,
     war doch auch Leda schön grade mit pechschwarzem Haar;
sei’s, es ist braun – auch Aurora war hübsch durch Locken wie Safran.
     Mythen jeglicher Art fügt meine Liebe sich ein.
Jugend reizt mich sowohl wie mich anzieht das reifere Alter;
     letzters ist besser im Bett, jenes ist besser fürs Aug.
Deshalb, was immer für Mädchen man stadtweit nur liebenswert fände,
     ernstlich in jede davon ist meine Liebe verliebt.

Non ego mendosos ausim defendere mores
     falsaque pro vitiis arma movere meis.
confiteor—siquid prodest delicta fateri;
     in mea nunc demens crimina fassus eo.
odi, nec possum, cupiens, non esse quod odi;
     heu, quam quae studeas ponere ferre grave est!
Nam desunt vires ad me mihi iusque regendum;
     auferor ut rapida concita puppis aqua.
non est certa meos quae forma invitet amores—
     centum sunt causae, cur ego semper amem.
sive aliqua est oculos in humum deiecta modestos,
     uror, et insidiae sunt pudor ille meae;
sive procax aliqua est, capior, quia rustica non est,
     spemque dat in molli mobilis esse toro.
aspera si visa est rigidasque imitata Sabinas,
     velle, sed ex alto dissimulare puto.
sive es docta, places raras dotata per artes;
     sive rudis, placita es simplicitate tua.
est, quae Callimachi prae nostris rustica dicat
     carmina—cui placeo, protinus ipsa placet.
est etiam, quae me vatem et mea carmina culpet—
     culpantis cupiam sustinuisse femur.
molliter incedit—motu capit; altera dura est—
     at poterit tacto mollior esse viro.
haec quia dulce canit flectitque facillima vocem,
     oscula cantanti rapta dedisse velim;
haec querulas habili percurrit pollice chordas—
     tam doctas quis non possit amare manus?
illa placet gestu numerosaque bracchia ducit
     et tenerum molli torquet ab arte latus—
ut taceam de me, qui causa tangor ab omni,
     illic Hippolytum pone, Priapus erit!
tu, quia tam longa es, veteres heroidas aequas
     et potes in toto multa iacere toro.
haec habilis brevitate sua est. corrumpor utraque;
     conveniunt voto longa brevisque meo.
non est culta—subit, quid cultae accedere possit;
     ornata est—dotes exhibet ipsa suas.
candida me capiet, capiet me flava puella,
     est etiam in fusco grata colore Venus.
seu pendent nivea pulli cervice capilli,
     Leda fuit nigra conspicienda coma;
seu flavent, placuit croceis Aurora capillis.
     omnibus historiis se meus aptat amor.
me nova sollicitat, me tangit serior aetas;
     haec melior, specie corporis illa placet.
Denique quas tota quisquam probet urbe puellas,
     noster in has omnis ambitiosus amor.

Ovid, Amores II,4

Mitnotiert: Warten auf Vögel

5. Februar 2018 § 4 Kommentare

Beim Blick zum Fenster, Frühe ohne Zeit, Die Stunde mit Tüchern verhängt, in den Ladenritzen Bullaugen, Dunkel, vom Dunkel gehoben wie Urzeitschiefer in der Hand des Paläontologen. Hieroglyphen des nach außen gewendeten Schlafs, dessen Inneres ich gerade erst gewesen bin. Nachbild eines Traums.

Die Küche ein Ausguck aus Licht. Unter der Spüle schlafen die Kartoffeln in einem Eimer, hängen Erdträumen nach. Die Anrichte, halbgefüllte Töpfe, benutzte Tassen, die im Schlaf erstarrten Fette; Löffel und Messer, verkrustete Spiegelungen, entweihte Utensilien eines vergessenen Tempeldienstes.

Nur die Uhr ist schon wach, weckt schlaflos die Sekunden auf. Ein angeschnittener Kuchen hat sich abgewendet, versteckt seine triefende Blöße. Ein paar Handschuhe hängen am Haken wie auf einem fremden Wappen.

Die Kerzen zu müde für Flammen. Im Fenster breitet sich hinter den Spiegelungen die Nacht aus. Die Spielräume zwischen den Sekunden werden kleiner und kleiner. Bald paßt keine Geschichte mehr hinein.

Man wird sich wieder sortieren, erinnern, am Riemen reißen müssen. Die Straßen spinnen Meilenfäden auf der Suche nach Tag. Mit Flossen an den Handgelenken versucht man, alte Briefe noch einmal neu zu schreiben, wartet, wie das Haus sich aus dem Keller heraufzieht wie Münchhausen am Haarzopf. In den Gründen, denkt man, dämmert es zuerst, von den Wurzeln der Bäume, der Türme.

Ich warte auf Vögel, auf Schnee.

Wo bin ich?

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