Fensterkreuz

27. Februar 2018 § Ein Kommentar

Eine halbe Stunde, bevor das Fensterkreuz sich vorm Himmel abzuzeichnen beginnt, klingelt der Wecker. Im Traum habe ich eine fremde Sprache gesprochen. Die Sprache der Stadt-am-Ende-des-Jahrtausends, was eine Weile nachklingt. Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe, aber ich weiß, daß es stammelnd war, im tastenden Sprechmodus eines, der ein geliebtes Idiom durch langen Nichtgebrauch beinahe vergessen hat und erkennen muß, daß ihn die Geliebte ihrerseits im Stich läßt.

Ich würde am liebsten liegenbleiben, aber die Pläne sprechen dagegen. Was für Pläne? Und ist nicht jeder Plan eitel? Was wird sein, wenn die Pläne alle zum Ziel geführt haben werden? Nichts wird sein. Außer neuen Plänen. Und den letzten Plan läßt man unvollendet zurück. Und von den vollendeten hat man auch nichts mehr. Ich habe jetzt schon nichts von den vollendeten Plänen. Sie sind vergessen, kaum, daß sie verwirklicht sind.
Erfolg und Stolz, so leicht vergessen wie das geliebte Idiom. Du weißt vielleicht zu siegen, dich am Sieg zu freuen verstehst du nicht.
Oder man verzichtete auf jeden Stolz. Wie aber sollte man dichten, ohne stolz zu sein?

Beine anwinkeln, rechte Hand auf der Stirn, linke zwischen die Knie geklemmt, seufze ich behaglich. Nur noch ein bißchen liegenbleiben und das geliebte Idiom praktizieren. Nur noch ein bißchen Netze auswerfen und Spiegel fangen, nur noch ein bißchen. Und dann geht der Wecker. Und ich fordere mir Worte ab, Worte und Worte, denen ich, die mir, immer fremder werden.
Ich wünsche mir einen Pelz aus Wäldern und den Gedächtnisschwund des Mooses. Wie ein Stein mit dem Gesicht nach unten im Waldboden liegen und durch die Erde Wolken atmen.
Arbeit, Arbeit. Fremde Leben in einem Text, was bindet mich an sie? Wer sind diese Personen überhaupt, was wollen sie von mir? (Nichts; ich will etwas von ihnen.) Im Fensterkreuz graut es farblos. Der Mond ist verschwunden wie eine Brille in einem schimmernden Etui. Allenfalls zu ahnen: die Kurzsichtigkeit der Kirchturmuhr.

Einer wie der andere reihen sich die Tage. Warum müssen Tage Namen haben? Es wäre besser, sie hätten keinen. Ungerahmte Bilder. Ungeschliffene Edelsteine. Quellwasser ohne Fassung.
Dieser heißt Diens, und ist wieder einer von diesen Tagen, gleich welchen Namens, die mich absolut nichts angehen.

(Mysliveček, Sinfonie A-Dur.)

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