Misanthropisches Gebrabbel vom 28. Februar 2018

1. März 2018 § Ein Kommentar

Man muß sich nur einmal vorstellen, es hätte anstelle des Rauchverbots in Gaststätten und öffentlichen Gebäuden eine blaue Plakette für schadstoffarme Zigaretten gegeben: Und schon geht einem die ganze Absurdität in all ihrer Pracht auf.

Schon jetzt haben wir eine Plakette an der Windschutzscheibe. Hat sich dadurch was geändert? Na sicher doch! Eine unvermindert große Anzahl von Fahrzeugen quält die Innenstädte – nur jetzt mit Grün verziert. Was also würde die blaue Plakette bringen? Die Fahrzeuge, die jetzt für miese Luft sorgen, würden das in Zukunft weiterhin tun, nur eben unter dem Schutz einer blauen Plakette.

Es gibt kein sauberes Auto, vergessen Sie das.

Man könnte manchmal Schaum vor dem Mund kriegen. Als selbst ein harter 12-km-Lauf mein Mütchen nicht zu kühlen verstand, einer liebe Freundin geschrieben, sie möge mich doch bitte mal von der Nummer runterholen, das sei ja schrecklich. Es gibt Tage, da kann mich ein zu lautes Zeitungsgeraschel in der Straßenbahnauf Mordgedanken bringen. Gestern waren es die knurpsenden Kaugeräusche einer Mitpassagierin in einem zwanzig Minuten verspäteten Zug, letzteres ein Umstand, der auch nicht eben zur Aufheiterung beitrug. Sie finden das misanthropisch? Da sollten Sie mich mal erleben, wenn ich richtig schlechte Laune habe.

Ausgebremst, denke ich und fluche in meinen Mantelkragen, ausgebremst. Es ist dieses ständige Auf-Hindernisse-Knallen. Von Dingen, die kaputt gehen, über Geräte, die noch nie wirklich funktioniert haben, über menschliche Schlamperei bis hin zu dem Irrwitz, wie er täglich in den Nachrichten manifest wird. Kaum glaubt man, die innere Ruhe endlich errungen zu haben, trötet einen der nächste dämliche Satz in irgendeinem Nachrichtensender nieder. Oder eine Verspätungsdurchsage der DB, was inhaltlich kaum besser, sprachlich und intonatorisch jedoch viel schlechter ist. Information zu? RB. 48! Von? Wuppertal-Vohlwinkel. Nach? Köln Hbf. Planmäßige Abfahrt? 12:28. Heute zirka fünf Minuten später? Woher soll ich das wissen, das sollten Sie mir sagen! Das Rauchen ist nur in den gekennzeichneten Raucherbereichen gestattet. Achso, in den anderen Raucherbereichen ist es also verboten?

Über solche Schludrigkeiten (laßt die Durchsagen bitte von einem Schauspieler oder einer Schauspielerin einsprechen, liebe Verantwortliche bei der DB!) können mich für Minuten aus meiner mühsam errungenen Konzentration kegeln. Ganz zu schweigen von dem in letzter Zeit überhandnehmenden Gequatsche im Zug. Durchsage folgt auf Durchsage. Der eine Bahnhof wird ab-, der nächste angesagt. Ferner wird wiederholt darauf hingewiesen, in welchem Zug man sitzt, wohin der fährt, woher er kommt, und auf welcher Seite (in Fahrtrichtung) man aus dem Zug fallen kann, wenn man das möchte. Dann wird vor der Videoüberwachungsanlage gewarnt, dann davor, daß die Trittstufen nicht ausgefahren werden, und zu guter letzt soll man beim Aussteigen bitte an sein Gepäck denken. Würde man ja gern. Wenn einen nur die ständigen Durchsagen nicht so konfus machten. (Wie wäre es noch mit Durchsagen zu Sehenswürdigkeiten auf der Strecke? Verehrte Fahrgäste, soeben fahren wir über die Hohenzollernbrücke. Die große, schwarze Kirche in Fahrtrichtung links ist der Kölner Dom. In Fahrt- wie in Gegenfahrtrichtung liegt unter uns der Rhein. Ausstieg bitte in Fahrtrichtung links. Denken Sie beim Aussteigen bitte daran, Ihre persönlichen Gegenstände mitzunehmen. Vielen Dank!

Zuviel Gequatsche in der Welt. Ist es beim Gulliver, wo ein Land beschrieben wird, in dem ein weiser König einmal die Sprache abschaffen wollte und anordnete, statt mit Wörtern auf die Dinge, sollten die Leute die Dinge selbst zeigen? In der damaligen Deutschstunde sagte ein sehr kluges Mädchen, vielleicht würde man sich in einem solchen Königreich besser überlegen, was man sagt und ob es überhaupt wichtig genug ist, es zu sagen. Von dieser jungen Frau, fällt mir eben ein, habe ich heute nacht geträumt. Ich sah sie nur; sagen wollte sie nichts, nicht einmal in meinem Traum.

Denk an was Schönes, riet die Freundin übrigens. Das tue ich. An was, wird hier nicht verraten.

[Antonín Dvořák, Slawische Tänze]

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§ Eine Antwort auf Misanthropisches Gebrabbel vom 28. Februar 2018

  • rotewelt sagt:

    Das ständige Gebrallel im Zug ist nervig, stimmt. Wenn man mit dem TGV von Deutschland nach Frankreich fährt, kann es aber auch zum Schmunzeln sein, wenn der französische Durchsager des Deutschen (und Englischen sowieso – ja, mindestens drei Sprachen müssen schon sein) nicht mächtig ist. Aus einem „Bevor Sie aussteigen, vergewissern Sie sich, dass Sie nichts im Zug liegenlassen“ kann dann zum Beispiel ein „Bevorr Sie aussteigän vergewissärrn lassen“ werden.

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