12. März 2018 § 2 Kommentare

Noch einmal zusammen aufwachen, zusammengefaßt von der späten Nacht zu einer einzigen schlaftrunkenen Seele. Das Dunkel weicht nicht von unter den Lidern, da kann man die Augen aufsperren wie man will. Es ist ein kostbarer Moment, und niemand weiß, wie lange er eigentlich dauert. Vielleicht dauert er auch gar nicht. Trotzdem erinnert man sich später daran. An den Schlafsproß, aus dem man hervorwuchs als zwei, an den noch fühlbaren Keim, fühlbar wie die Wärme in einer schon zurückgeschlagenen Decke, in dem man noch eines gewesen ist. Eben erst. Schon wach genug, um zu verstehen; nicht wach genug, um sich wieder zu verlieren. Wach genug, um zu wünschen, man wäre wieder da, woraus man sich gleich (ich mache das Radio aus, oder bist du es, die zuerst aus dem Bett sich wälzt? Wer greift nach der Brille? Wessen Hand ist es, die den Lichtschalter betätigt?) trennen muß. Wie schön war es, mich mit Deinen Lippen zu küssen. Das ist der Moment, wo Tastsinn und Ertastetes auseinanderfallen, wo Haut sich von Haut löst und einander vermißt, wo ein Faden ins Licht reißt, wo die Schlafblume sich selbst bestäubt –

– und erwacht. Einen Moment war es, als riefe der Schlaf uns zurück. Kaum wahrnehmbarer Vogelklang, der sich entfernt. Ein Tasten im Dunkel, zueinander hin. Doch in dieser Bewegung wird unser Zweisein als ihre Voraussetzung offenbar, und kaum daß das Radio angesprungen ist, fallen wir an der Saumnaht der Nacht auseinander. Ich kenne dich nicht mehr. Es sind nur meine Lippen, die die deinen küssen. Meine Hände halten, was von Fremd als Haut und Wärme nur zu ihnen strahlt. Das Radio dudelt. Im Haus geht eine Tür. Wie mühsam es ist, wieder zwei zu sein. Wie anstrengend, getrenntes Ich und Du zu sein, Hier und Dort, ein halbwaches Blinzeln mit einer halben Seele. Jedes mit seiner Hälfte aus Körper und Zeit, Zeit und Tag, Tag und Blick. Zwei, die sich getrennt zurechtfinden müssen, in Einzelheit auf dem Einzelnen von Dein und Mein. Unsere Träume, wir müssen sie einander wieder Wort für Wort buchstabieren. Was uns hielt, das trennt uns nun.

Und da springst du auch schon ins Bad, nackt, und nackt stehe ich am Herd und koche Kaffee, und beide Nacktheiten sind dort, wo sie sind, völlig fehl am Platz, sind roh wie Wurzeln, die man aus der Erde riß, und der Skandal, das ist dieser Morgen, dieses schamlose Auge, das uns so früh schon findet, unbeirrt.

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