Frauen lesen

18. Januar 2019 § 8 Kommentare

Bei Geschichten und Meer eine kleine Umfrage zur Leküreauswahl gefunden und mal die Probe gemacht. Von insgesamt dreißig von mir im Jahr 2018 (ganz) gelesenen Büchern sind sieben von Frauen verfaßt. Ich pflege meine Lektüren nicht nach dem Geschlecht des Autors auszuwählen, sondern bevorzuge andere Kriterien, also etwa Stoff, Genre, Thematik oder Stil. Gesetzt, daß ich einen guten Buchgeschmack habe, könnte man jetzt gehässig sein und die ungleiche Quote in meiner Auswahl darauf zurückführen, daß Frauen eben nicht so gut schreiben wie Männer. Oder daß es weniger Bücher von Frauen gibt, die mich anzusprechen vermögen. Natürlich könnte die Quote auch einfach dadurch zustande kommen, daß insgesamt weniger Frauen schreiben als Männer.

Nach Auskunft der die Umfrage initiierenden Bloggerin ist letzteres schonmal nicht der Fall. Diesem Post zufolge werden weitaus weniger Bücher von Frauen rezensiert als von Männern verfaßte, während die Zahl der jeweiligen Publikationen gleichauf sei. Wieder etwas gelernt. Wenn man sich mal auf ein paar der teilnehmenden Blogs umschaut, macht man eine traurige Feststellung. Lesen ist zumindest im Rahmen des in den jeweiligen Blogs Thematisierten für die Bloggerinnen stets mit einem außerhalb der Lektüre liegenden Zweck verbunden: der Quote. (Zitat etwa: „Auf diesem Blog ist 100% Frauenquote ja sozusagen Programm“) Das macht auf mich einen ähnlichen Eindruck wie jemand, der Bücher vor allem deshalb liest, weil das die Ausdrucksfähigkeit im Vorstellungsgespräch verbessere (oder wegen sonst irgendeines Unsinns). Natürlich geht es den Bloggerinnen dabei nicht allein darum, sich mehr mit von Frauen verfaßter Literatur zu beschäftigen, sonst brauchten sie ja nicht darüber zu schreiben. Es geht auch darum, das oben genannte Ungleichgewicht abzumildern und unbeachtet gebliebenen Autorinnen zu mehr Präsenz zu verhelfen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber.

Buchempfehlungen, sofern es begründete Empfehlungen sind, sind immer eine willkommene Sache. Sie erweitern den Horizont nicht nur der Lektüren, sie erschließen dem Leser neue Universen, sie verbinden die Empfehlenden über das Empfohlene mit den Empfehlungsfolgern, und vor allem sind sie am besten geeignet, Leser zu Texten zu führen, die sie von alleine, ohne Empfehlung, niemals gefunden, oder vielleicht gefunden, aber dann doch ignoriert hätten. Es kann aber auch sein, daß ich mich für ein besonderes Genre oder eine bestimmte Machart, einen bestimmten Texttypus interessiere und thematisch gefilterte Rezensionen oder Litaraturblogs nach diesen Kriterien durchmustere. So kann mir etwa ein Buchblog, das sich besonders der Science Fiction verschrieben hat, unter der Kategorie Weltraumsagas eine konzentrierte Auswahl an Büchern zugänglich machen, die genau diesem Geschmack oder diesem Interesse entspricht. Alles jedoch, was die auf einem „Quotenbuchblog“ vorgestellten Bücher miteinander verbindet, ist die Eigenschaft, von Frauen geschrieben worden zu sein. Wenn mir jemand nun den paßgenauen bryopsistischen Roman der transsideralen Schule empfiehlt und dieser Volltreffer von einer Frau verfaßt ist: Dann ist das Geschlecht für mich als leidenschaftlichen Leser bryopsistischer Romane der transsideralen Schule eben nur zufällig. Ich werde den Roman unbedingt lesen – aber nicht, weil er von einer Frau verfaßt ist. Mag sein, ich lerne den Text nur kennen, weil engagierte Bloggerinnen sich für Literatur von Frauen starkgemacht haben; mir als Liebhaber einer bestimmten Literaturgattung wäre aber ebenso, wenn nicht besser damit gedient gewesen, diese Bloggerinnen hätten sich für die bryopsistische Literatur der transsideralen Schule starkgemacht. Überhaupt stellt sich doch die Frage: Für wen lese ich eigentlich? Um Autorinnen zu fördern – oder aus privaten egoistischen, womöglich ästhetischen, ja, hedonistischen Gründen? Mit anderen Worten: Das Engagement für Autorinnen nützt in erster Linie den geförderten Autorinnen. Für mich als Leser vermehrt dieses Engagement nur die Menge an in den Dunstkreis meiner Aufmerksamkeit tretenden Literatur; ob darunter auch etwas für meinen Geschmack ist, muß sich dann erst zeigen. Darüber hinaus darf man annehmen (denn die menschliche Aufmerksamkeit ist begrenzt), daß für jede Besprechung eines von einer Frau geschriebenen Buches ein von einem Mann verfaßtes nicht rezensiert wird, so daß die Menge der Rezensionen insgesamt gleich bleibt. Insofern nicht Autorinnen und Autoren jeweils andere Themen, Genres, Formen, Stile bevorzugen, kann mir die Quote als Leser also schnuppe sein, Hauptsache, ich finde die Literatur, die mir zusagt, gleich welchen Geschlechts der Name auf dem Cover ist.

Vielleicht wird es das Engagement dieser Bloggerinnen tatsächlich schaffen, mehr Autorinnen aufs Tapet, in die Regale und unter die Nasen der Leser zu befördern und auf Dauer eine Verschiebung der Quote zugunsten von Autorinnen herbeizuführen. Auf jeden Fall bewirken sie aber jetzt schon etwas anderes, Subtiles: Das Bewußtsein von der Autorschaft, bzw, vom Geschlecht des Autors. Wenn man bislang nämlich zu denjenigen Lesern gehörte, die nicht weiter darauf achteten, ob auf dem Umschlag nun ein Cyril oder eine Cynthia prangte, so ist es im Kielwasser solcher Aktionen wie jener Blogparade damit vorbei. Interessantes Buch, aber es ist von einem Mann verfaßt. Mh. Das andere ist auch nicht übel, und dazu von einer Frau. Egal, wie ich jetzt auswähle, meine Entscheidung ist nicht mehr von der Frage des Geschlechts unabhängig. Man kann, hat man das einmal zur Kenntnis genommen, nicht mehr in aller Unschuld ein Buch auswählen. Achtsamkeit ist eine zweischneidige Sache. Einerseits sind wir jetzt darauf eingenordet worden, Autorinnen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Andererseits aber ist das, was sich vor allem ins Bewußtsein drängt, nicht die Präsenz von Autorinnen, sondern die Quote, und daß es jetzt auch hier etwas zu beachten gilt. Einmal Gedachtes läßt sich ebensowenig wie Gesagtes zurücknehmen, und die bloße Erwähnung eines rosa Elephanten führt dazu, daß ich an ein solches Tier denke. Man kann nicht nicht beeinflußt werden, denn die Abwehr der Beeinflussung ist selbst schon eine Reaktion auf die Einflußnahme. Etwas Gelerntes läßt sich nicht so leicht wieder vergessen, eine verlorene Unschuld und Naivität kaum wiederherstellen. Und das ist das Problem, nicht nur bei Lektürequoten, sondern bei allen anderen Maßnahmen, die zur Korrektur einer (echten oder vermeintlichen) Ungleichheit gefordert werden. Wir haben es hier wie anderswo (im Gendersprech; an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule; in Fragebögen zum sogenannten Alltagsrassismus; beim Bechdel-Test etc.) mit nichts weniger als dem dauerhaften Verlust von Normalität zu tun. Nicht einer bestimmten Normalität, die etwa guthieße, daß mehr Autoren als Autorinnen rezensiert und gelesen werden, sondern von Normalität an sich, von derjenigen Eigenschaft der Verhältnisse, unbewußt bleiben, als selbstverständlich hingenommen und als keines Kommentars wert und keiner Korrektur bedürftig aufgefaßt werden zu dürfen. Es wird in Zukunft keine neutralen Hintergründe mehr geben, keine Räume, die nur Folie sind und das auch sein dürfen. Und es geht noch weiter: Denn kaum haben wir dafür gesorgt, daß unsere Leselisten hübsch ausgeglichen sind und ebenso viele Titel von Frauen wie von Männern enthalten, kommt die nächste Forderung. „Wie viele Bücher von nichtweißen Autorinnen (sic!) kennst du / hast du gelesen?“, mahnt ein Fragebogen zum Thema Altagsrassismus. Und diese kleine Frage wird man, wenn man das nächste Mal eine Buchhandlung betritt, ebenso wenig wieder los wie die Frage nach der Präsenz von Autorinnen auf der persönlichen Leseliste. Man kann sich fragen, was als nächstes kommt. „Wie viele Bücher von Behinderten/Aidspositiven/Transgenderpersonen/Zwergen hast du gelesen?“ Schon längst gibt es Feministinnen, die gewisse Sexualpraktiken a priori für einen Unterwerfungsmechanismus halten, und auch solche unerwünschten Informationen wird man dann im Bett nicht mehr los, auch wenn man ganz anderer Ansicht ist und nicht bereit, sich versunsichern zu lassen. Der rosa Elephant wird bei der nächsten Fellatio zugucken. Und selbst wenn wir die finale Quote einmal erreicht haben: Dann müssen wir auch dafür sorgen, daß aus 50% nicht schleichend wieder 48% werden. Mit anderen Worten: Das Ziel ist niemals erreicht, selbst dann nicht, wenn wir bis in die achte Nachkommastelle Gleichheit produziert haben werden. – Das ist die schöne neue Welt jeglicher Gleichheitsbestrebungen, in der die Dinge nie mehr einfach gegeben sein werden, sondern immer wieder neu auf Korrekturwürdigkeit geprüft werden müssen, bis ins persönliche Vokabular, bis in die Schlafzimmer, bis in die persönlichen Leselisten hinein. Es heißt, das Private sei politisch. Die Abschaffung des Privaten jedoch ist von jeher Sache der Tyrannen gewesen.

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§ 8 Antworten auf Frauen lesen

  • Sofasophia sagt:

    Danke für diese Sicht aufs Thema (über das auch ich neulich gebloggt habe).

  • Sie beklagen, dass es Ihnen schwer gemacht wird, die Welt gedankenlos hinzunehmen?

  • Bloggen ist, wie alle Kunst, auch Selbstauseinandersetzung. Insofern ziehe ich den Hut vor Dir und schätze viele Deiner Texte.
    Vielleicht bin ich ja blind.
    Ich las über den Autorinnenanteil der 30 Bücher und viel „Literaturkritik“ am buchbesprechende BloggerInnen, fand nichts über Bücher,die Dich beglückt. Schade, ich hatte auf einen Tipp gehofft, geteilte Leselust. Vielleicht passte meine Erwartung nicht.
    Wie hoch der heutige Frauenanteil bei Neuerscheinungen, entzieht sich meiner Kenntnis.
    Quotenfrei lese ich und mag auch bunte Stimmen.
    Mich ruft mein Bett. In ihm liegt „Der Butt“ vom ollen Grass. Darin steckt ein Rezept für Fischsuppe, fast wie meine Großmutter sie machte. Ich habe sie nie nach ihrem gefragt. Wenn ich wieder finde, fällt mir wieder ein, was bei ihr vielleicht anders schmeckte.
    Dir wünsche ich Lesefreude und gehe Zähne putzen.

    • Solminore sagt:

      Das Mißverständnis besteht darin, daß ich nicht beabsichtigte, an der Blogparade teilzunehmen.

      Aber wenn es Sie interessiert, 2018 habe ich folgende Bücher von Frauen gelesen:
      Andrea Wulfs Humboldt-Biographie, Kältere Schichten der Luft von Antje Ravic-Strubel, Unterleuten von Juli Zeh, Engelsbrücke von Marie-Luise Kaschnitz, Νυχτερινή ακρόαση von Eugenia Fakinou, Το φαράγγι von Ioanna Karystiani und Verzeichnis einiger Verluste von Judith Schalanski.

      Eine meiner liebsten Lieblingsautoren ist die großartige, rätselhafte, epische Sirana Zateli. Hierzulande nahezu unbeachtet, ist neben zwei Erzählbänden der einzige ins Deutsche übersetzte Roman von ihr Und beim Licht des Wolfes kehren sie wieder, später von Goldmann übernommen und unter dem dümmlichen Titel „Schwestern der Dämmerung“ neu aufgelegt. Es erzählt über mehrere Generationen die Geschichte einer Familie im nördlichen Griechenland des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Eine dunkle, geheimnisvolle, irrlichternde Geschichte voller Raunens. Die griechische Antwort auf den Realismo Mágico. Wunderbar. In jüngerer Zeit hat mich Helen McDonalds H is for Hawk begeistert, worin sie einerseits davon schreibt, wie sie einen Bussard zur Jagd abrichtet, andererseits vom Tod ihres geliebten Vaters berichtet und ihren Versuch protokolliert, über den Verlust hinwegzukommen. Nicht nur erfährt man in dem Buch auf unterhaltsame Weise alles über Raubvögel und ihre Abrichtung, es ist auch ein Essay über die problematische Beziehung des Menschen zur Natur, insbesondere zu den Tieren. Und ein stilistisches Meisterwerk ist es außerdem.
      Und weil aller guten Dinge drei sind: Kerstin Ekman. Skord von Skuleskogen. „Droben in Oringen lebte eine alte Frau, die hatte zwei erwachsene Söhne. Sie hießen Granarv und Groning und waren noch nie unter Menschen gewesen. Als sie eines Tages draußen im Wald Bäume schlugen, verlor Groning seinen Bruder aus den Augen. Beim Fällen einer Tanne fiel deren Stamm auf ihn, so daß er liegenblieb und nicht mehr aufstehen konnte. Er rief nach Granarv, doch der hörte ihn nicht, sondern ging nach Hause, als es Zeit zu essen war. Groning hatte Schmerzen, und er verzog wüst sein Gesicht, als er sich zu befreien versuchte. Aber er saß fest.“ Möchte man da nicht sofort weiterlesen? Mir jedenfalls geht es so.

      • Danke , Sie haben mich neugierig auf mir noch ungekannte Autorinnen gemacht. Sirana Zateli hane ich altmodisch per Fernleihe bestellt, Helen McDonalds jetzt im Blick. Eugenia Fakinou, und Ioanna Karystiani, deren Titel ich nicht lesen kann, werden meist anders übersetzt, habe ich im KVK nicht gefunden. Ich danke Ihnen für die Hinweise.
        In jungen Jahren schrieb ich mit, was ich in einem Jahr gelesen. Sie haben mich ermuntert, das in diesem Jahr noch mal zu tun und angeregt, die Kaschnitz mal wieder aud dem Regal zu holen. Danke.
        Falls es Sie interssiert: Ich lese gerade „Im Spinnennetz“ von Joseph Roth zum zweiten Mal.

  • Solminore sagt:

    (Nachtrag: Ich möchte mir die Auswahl meiner Lektüren nicht als soziales Engagement funktionalisieren lassen.)

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