Eklipsis lunaris

21. Januar 2019 § Ein Kommentar

Wie eine alte römische Münze hängt der Mond am Himmel über der Häuserzeile, eine dünne Scheibe angefressenen Kupfers, erodiert und irgendwie uralt, schrundig, löchrig, dünn, als hielte den Himmelskörper nicht mehr viel zusammen, als könnte man bald durch das abgegriffene Material die Sterne dahinter leuchten sehen. Erst im Fernglas wölben sich seine Meere um den nördlichen Horizont, von wo schon eine Aufhellung wie metallischer Schimmer über den Himmelskörper fliegt, und über den Merkmalen der Landschaft scheint ein schmaler Reif wie Dunst zu liegen. Die südliche Hemisphäre des Trabanten dagegen glüht wie aus eigenem Licht tiefrot, als tauchte er eben aus einer Esse auf.

Langsam scheint er heller zu werden und dabei auszubleichen, aber der Vorgang ist so langsam, daß es auch Einbildung sein könnte. So wie bei einer Sonnenfinsternis auf der Erde gibt es auch bei einer Sonnenfinsternis auf dem Mond eine Dämmerungszone. Als dann aber wirklich eine schmale Sichel erscheint, ist klar, die Aufhellung war nur vermeintlich, jetzt erst bewegt sich der Mond aus dem Erdschatten wieder ins Licht, paradoxerweise nach oben, obwohl er doch untergeht. Aber es ist eben kein Halbmond, es ist Vollmond, dem nur die Erde im Weg steht. Erdrotation und Mondumlauf gehen in dieselbe Richtung (vom Norpol aus gesehen im Gegenuhrzeigersinn), weswegen auch die Mondunter- und -aufgänge täglich um etwa zwanzig Minuten später stattfinden, läuft doch der Mond der Erddrehung und seinem eigenen Auf- und Untergang voraus und verbummelt so seinen eigenen Aufgang.

Es fällt schwer zu glauben, daß der Grund, auf dem man steht, daß die Häuser gegenüber, daß die Stadt Köln, daß die Börde, die Eifel, die niederrheinische Tiefebene, die Nordsee mit ihren Wassermassen, daß die Berge der Alpen, daß alles, was aus meiner kleinen Perspektive „die Welt“ heißen kann, diesen Schatten wirft, einen Schatten dort hinauf wirft zum Mond, daß diese ganze Welt sich als Effekt zeigt außerhalb ihrer selbst, außerhalb von allem, was mir je zugänglich war, ist und sein wird. Als könnte man winken, und droben sähe man, riesig vergößert, den eigenen Arm sich heben.

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